David Storl ist neben zwei WM-Titeln auch aktueller Europameister © imago

Kugelstoß-Weltmeister David Storl spricht mit SPORT1 im Interview der Woche über den Moskau-Coup, Verdächtigungen und Rio 2016.

Von Andre Büge

München - Es war eine der dramatischsten Szenen der Leichtathletik-WM in Moskau. David Storl stößt die gut sieben Kilogramm schwere Kugel im vierten Versuch auf 21,73 m - die neue Bestweite.

Doch die wird zunächst nicht gewertet. Die Kampfrichter sind der Meinung, der 23-Jährige sei auf den Balken getreten.

Entsetzt blickt sich Storl um, bis ihm ein Fotograf zur Hilfe eilt. Kai Oliver Pfaffenbach hat mit seiner Kamera, einen Schnappschuss gemacht, der nicht nur die Gültigkeit von Storls Stoß belegt, sondern schließlich auch die Kampfrichter überzeugt.

Wenig später ist klar: Storl ist zum zweiten Mal nach 2011 Weltmeister. ( 762731 DIASHOW: Die Tops und Flops der WM )

Cantwell erhebt Vorwürfe

Doch nicht alle freuen sich mit dem Deutschen. Der US-Amerikaner Christian Cantwell konfrontiert ihn nach dem Wettkampf indirekt mit Doping-Vorwürfen.

"Natürlich ist man sehr traurig, wenn man so etwas liest, schließlich handelt es sich um einen Kugelstoß-Kollegen", erklärt Storl. Aus der Ruhe bringt den bodenständigen Sachsen so etwas aber noch lange nicht.

Im Interview der Woche spricht der zweimalige Weltmeister mit SPORT1 über den Fotografen, der ihm den WM-Titel rettete, Zielsetzungen für Olympia 2016, seinen Talisman und die Doping-Vorwürfe von Christian Cantwell.

SPORT1: Herr Storl, wie haben Sie sich beim Fotografen bedankt, der Ihnen in der Diskussion mit den Kampfrichtern bei Ihrem WM-Sieg zur Seite stand?

David Storl: Wir haben uns direkt nach dem Wettkampf wieder getroffen und das Ganze noch einmal ausgewertet. Wir sind noch nicht dazu gekommen, auf den Titel anzustoßen, aber wir werden uns irgendwann bestimmt noch einmal treffen und das dann nachholen.

SPORT1: Können Sie mit einigen Tagen Abstand über diese Diskussionen in Moskau bereits lachen?

Storl: Die Situation zeigt zumindest, dass man nicht alle Entscheidungen des Kampfgerichts hinnehmen muss. Und dass man als Sportler auch ein gewisses Körpergefühl hat, auf das man sich verlassen sollte.

SPORT1: In diesem Jahr mussten Sie wegen einer Verletzung lange pausieren, waren danach auch noch nicht in absoluter Topform. Wie überraschend kam der WM-Titel vor diesem Hintergrund für Sie?

Storl: Ich war vor allem über die Konstanz meines Wettkampfs überrascht. Es war ja die ganze Saison über ein bisschen schwierig, ich hatte viele ungültige Versuche und schlechte Wettkämpfe. Es hat mich dann in Moskau einfach gefreut, dass es endlich wieder geklappt hat und ich wieder richtig Spaß am Wettkampf hatte.

SPORT1: Wie sehr ärgert es Sie trotz der Titelverteidigung, dass Sie Ihren Junioren-Weltrekord kürzlich an den Australier Jacko Gill verloren haben?

Storl: Naja, so ein Jugend-Rekord ist natürlich immer toll. Aber viele Jugendliche sind in Sachen Training heute schon viel weiter als ich es damals war. Ich freu mich auf jeden Fall für ihn, dass er es geschafft hat. Aber der Sprung vom Jugend- zum Erwachsenenbereich ist schon recht groß. Und erst da zählen dann die Leistungen so richtig.

SPORT1: Sie haben mit 23 Jahren bereits zwei Weltmeister-Titel und eine Silbermedaille bei Olympia auf dem Konto. Welche Ziele treiben Sie nun weiter an?

Storl: Ich blicke sehr zuversichtlich in die Zukunft und will natürlich so viele Titel wie möglich gewinnen oder zumindest regelmäßig um die Medaillen mitkämpfen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass ich verletzungsfrei bleibe. Wenn das gegeben ist, will ich einfach auf einem hohen Niveau weitermachen.

SPORT1: Im Vorjahr haben Sie Olympiagold nur um einen Wimpernschlag verpasst - trotz Ihres Talismans (Kuschelente von Freundin und Kanutin Carolin Leonhardt). Sind Sie 2016 in Rio an der Reihe - und wird die Ente dabei sein?

Storl: Ich werde in Rio ein gehöriges Wörtchen um die Goldmedaille mitreden. Nachdem ich mich jetzt im dritten Jahr in Folge in der Weltspitze bewege, ist das natürlich auch ein realistisches Ziel. Mein Talisman wird mich auf jeden Fall auch nach Rio begleiten. Ich habe die Ente seit 2012 immer mit dabei gehabt und mit ihr auch schon große Erfolge feiern können.

SPORT1: Das Thema Doping ist speziell in den letzten Wochen wieder in den Fokus geraten. Um zu beweisen, dass sie sauber sind, haben Sie sogar angeboten, sich rund um die Uhr begleiten zu lassen. Das klingt schon sehr drastisch. Ist der Ruf des Kugelstoßens so beschädigt, dass Sie zu solchen Maßnahmen greifen würden?

Storl: Ich glaube, das hat eher mit der Mentalität in Deutschland zu tun. Jeder wird ein Stück weit unter Generalverdacht gestellt. Man sollte nicht grundsätzlich von Dingen in der Vergangenheit auf heutige Verhältnisse schließen. Auch über den WM-Titel von Christina Obergföll wurde ja zum Teil sehr kritisch berichtet. Es fällt den Medien sehr schwer, sich mit den Sportlern zu freuen. Wenn Deutschland schon vier WM-Titel holt, dann sollten sich doch alle freuen und die Leistungen nicht ständig infrage stellen. Schließlich werden wir regelmäßig auf Doping-Substanzen getestet.

SPORT1: Der US-Amerikaner Christian Cantwell hat sich durch Ihre Leistung an den Weißrussen Andrej Michnewitsch, der wegen Dopings lebenslang gesperrt wurde, erinnert gefühlt. Wie reagieren Sie auf die indirekten Doping-Vorwürfe?

Storl: Natürlich ist man sehr traurig, wenn man so etwas liest, schließlich handelt es sich um einen Kugelstoß-Kollegen. Das war einfach ein wenig voreilig und gedankenlos, was er da geschrieben hat. Er hat sich im Anschluss daran auch bei mir entschuldigt. Damit sollte man es jetzt auch belassen.

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