Jelena Issinbajewa holte in Moskau ihren dritten WM-Titel nach 2005 und 2007 © getty

Nach den fragwürdigen Aussagen zum Anti-Homo-Gesetz steht die Stabhochsprung-Queen am Pranger. Ihre Kehrtwende wirkt erzwungen.

Moskau - Das letzte Traumziel der Karriere war mit dem Moskauer Gold-Sprung erreicht, nach Krisenjahren schien die Welt von Stabhochsprung-Königin Jelena Issinbajewa wieder rosarot.

Doch dann erhielt der Leichtathletik-Weltstar die Quittung dafür, dass er sich von Wladimir Putin instrumentalisieren ließ.

Erst als Wahlkampfhilfe 2012, dann zum Ruhm des Landes für eine Fortsetzung der erst nur bis 2012 geplanten Karriere. Und nun durch ihr Plädoyer für das weltweit geächtete Anti-Homosexuellen-Gesetz des russischen Präsidenten (Aktuelle Ergebnisse der Leichtathletik-WM).

Der Rückzieher der Frau, die immerhin Botschafterin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für die Olympischen Jugendspiele ist und von Putin zur Bürgermeisterin des Olympischen Dorfes bei den Winterspielen 2014 in Sotschi berufen wurde, wirkte am Freitag erzwungen und wenig aufrichtig. (SERVICE: Der Zeitplan der WM)

"Bin missverstanden worden"

In einer vom Leichtathletik-Weltverband IAAF verbreiteten Erklärung sagte die 31-Jährige nach heftiger Kritik aus Athletenkreisen: "Englisch ist nicht meine Muttersprache und ich denke, ich bin gestern missverstanden worden mit dem, was ich gesagt habe."

In ihrer Rolle rückwärts meinte die Stabhochsprung-Weltrekordlerin, sie selbst respektiere die Ansichten anderer Athleten, und sprach sich "mit größtem Nachdruck" gegen eine Diskriminierung von Homosexuellen aus."

Issinbajewa am Pranger

Der Gegenwind war zuvor heftig. Die britische Siebenkämpferin Louise Hazel attackierte Issinbajewa massiv und warf ihr "Homophobie" vor.

"Sie ist in dieser Frage nicht einig mit dem Rest der Welt", sagte Denise Lewis, britische Siebenkampf-Olympiasiegerin von Sydney 2000.

400-m-Weltrekordler Michael Johnson, für das US-Fernsehen in Moskau, sagte der französischen Nachrichtenagentur AFP: "Das war eine sehr oberflächliche Meinung und Erklärung."

Andere Aussage wäre "revolutionär" gewesen

Clemens Prokop erklärte derweil im Gespräch mit SPORT1.fm die Hintergründe von Issinbajewas Aussagen.

"Sie ist natürlich eine Athletin, die vom russischen Staat sehr intensiv gefördert wird. Es wäre geradezu revolutionär gewesen, wenn sie sich offen gegen ihre Geldgeber gestellt hätte", sagte der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV).

Man müsse die Meinungsfreiheit respektieren, auch wenn "nach meinem Eindruck die überwiegende Meinung die ist, dass dieses Gesetz mit den Werten des Sports nicht vereinbar ist", so Prokop weiter.

Athleten setzen ein Zeichen

Zuvor hatte US-Mittelstreckenläufer Nick Symmonds die Diskriminierung von Homosexuellen in Russland öffentlich kritisiert.

Er widmete seine 800-m-Silbermedaille seinen schwulen und lesbischen Freunden.

Einige Sportlerinnen lackierten ihre Fingernägel in den Farben des Regenbogens - Symbol der homosexuellen Bewegung, so die schwedische Hochspringerin Emma Green Tregaro in der Qualifikation.

Issinbajewa unterstützt Putins Regierung

Issinbajewa hatte diese Aktion zurückgewiesen als "nicht respektvoll gegenüber unseren Menschen und Sportlern" und betont: "Ich unterstütze unsere Regierung.

Issinbajewa hatte gesagt, sie fürchte um die Zukunft ihres Landes, sollte das umstrittene Dekret keine Anwendung finden.

"Wenn wir all diese Dinge auf unseren Straßen zulassen, würden wir Angst um unsere Nation haben", sagte die Weltmeisterin.

"Männer sollten Frauen lieben und umgekehrt"

"Wir verstehen uns als traditionelles Volk", sagte Issinbajewa: "Männer sollten Frauen lieben und umgekehrt. Dies ergibt sich aus der Geschichte. Ich hoffe, dass dieses Problem nicht die Olympischen Winterspiele in Sotschi belastet."

Das Gesetz stellt seit Juni in Russland die Verbreitung von Informationen über Homosexualität an Minderjährige unter Strafe.

Das von Putin unterzeichnete Gesetz hatte international Zweifel an der Offenheit und den Gastgeberfähigkeiten Russlands aufkommen lassen. Es wurden sogar Forderungen nach einem Boykott der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 laut.

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