Usain Bolt hat in Moskau seine insgesamt sechste WM-Goldmedaille gewonnen © getty

Der Jamaikaner fremdelt in Moskau und verzichtet auf seine Show-Einlagen. Von der russischen Ernsthaftigkeit ist er geschockt.

Moskau - Es ist ruhig geworden um Superstar Usain Bolt. Ungewöhnlich ruhig.

Nach seinem Gold-Lauf über 100 m (NACHBERICHT) ist der schnellste Mann der Welt von der Bildfläche verschwunden. Und er bietet auch durch Interviews keinen Stoff für Schlagzeilen.

Bolt hat die Bühne der Leichtathletik-WM in Moskau verlassen, um sich in aller Stille auf Teil zwei seiner Mission vorzubereiten. Erst am Freitag greift er wieder an - im Vorlauf über 200 m (SERVICE: Der Zeitplan der WM).

Für Gesprächsstoff sorgte nach seinem sechsten WM-Titel am vergangenen Samstag - und das ist bezeichnend - ein Abbild seiner selbst.

Einlauf-Foto mit Seltenheitswert

AFP-Fotograph Olivier Morin erwischte Bolt, den "Blitz", im Zieleinlauf genau in dem Moment, als ein Blitz den Moskauer Nachthimmel erhellte.

Für einen Moment verschoben sich die Dimensionen, Morin avancierte zum Star, Bolt zum Bittsteller: "Das Foto muss ich unbedingt haben", hatte er noch gesagt, dann tauchte er ab.

Keine Sponsorentermine, keine Pressekonferenzen, keine Show in der Innenstadt der Millionen-Metropole: Im jamaikanischen Teamhotel Radisson Slawjanskaja erholt sich Bolt, dort ist er einer unter vielen Supersprintern.

Bolt spart sich seine Kräfte

Ausflüge zum Roten Platz oder in den Gorki-Park sind nicht dokumentiert. Bolt spart seine Kraft, die - anders als in früheren Jahren - nicht unendlich scheint. Nach den 100 m klagte er über Muskelkater - wohl eher ein Scherz.

Vielleicht ist Bolt einfach nur enttäuscht, dass ihm in Moskau nicht die Bewunderung entgegenschlägt, wie es bei den Olympischen Spielen in London der Fall war.

Über die halbleeren Ränge bei seinem ersten Auftritt hatte sich der 26-Jährige gewundert, mehr noch über die unfreundlichen Gastgeber: "Hier lacht niemand, alle sind so ernst." Nach einer Liebesbeziehung hört sich das nicht an, warum sollte sich Bolt also unters Volk mischen?

Noch zwei Goldmedaillen eingeplant

Da konzentriert er sich lieber auf sein großes Ziel, die WM-Goldmedaillen Nummer sieben und acht zu gewinnen in den Endläufen über 200 m am Samstag und mit der 4x100m-Staffel am Sonntag.

Damit könnte er Carl Lewis als erfolgreichsten Leichtathleten der WM-Geschichte ablösen. Denn die US-Legende gewann acht Gold, je einmal Silber und Bronze, Bolt hatte 2007 vor Beginn seiner Siegesserie zweimal WM-Silber in Daegu/Japan gewonnen.

Über 200 m ist weit und breit niemand in Sicht, der Bolt gefährden kann.

Nach Silber vor sechs Jahren in Osaka hat er kein großes Finale über diese Distanz mehr verloren, sein Weltrekord (19, 19) ist ein Meilenstein der Sprint-Historie.

Bevor sich Bolt in Moskau zurückzog, war er noch gefragt worden, ob dieser Rekord nun fällt. "Das kann ich nicht versprechen", antwortete er.

Sörgel entlastet den Jamaikaner

Dass Bolt nicht spricht, heißt aber nicht, dass nicht über ihn gesprochen wird.

Experte Fritz Sörgel schaltete sich in die Diskussionen um den dopingverseuchten Sprintklassiker ein - und entlastete Bolt.

"Ich habe mir seine Muskeln angeschaut und festgestellt: Bolt ist nicht der Anabolika-Typ", sagte der Wissenschaftler der "Sportbild": "Er sieht sauber aus."

Auch der kanadische Ex-Champion Donavan Bailey, neben Bolt der einzige Weltmeister, der nicht positiv getestet worden ist, lobte seinen Nachfolger: "Egal, ob wir es mögen oder nicht, wir sind verantwortlich dafür, die Rennen sauber zu bestreiten und Botschafter unseres Sport zu sein. Usain Bolt macht dabei einen großartigen Job. Auf der Bahn und abseits davon."

In Moskau belässt es Bolt bei großen Auftritten im Luschniki-Stadion.

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