Christina Schwanitz sichert sich in Zürich ihren ersten EM-Titel
Kugelstoßerin Christina Schwanitz schnappte sich im letzten Versuch noch WM-Silber © getty

Dank psychologischer Hilfe wuchtet Christina Schwanitz die Kugel zu WM-Silber. Bei SPORT1.fm erzählt sie ihre Qualen.

Moskau - Wie es nach dem größten Erfolg ihrer Karriere weitergeht, weiß Christina Schwanitz genau. Der schönste Tag im Leben steht der starken Frau nämlich erst bevor. Am 21. September tritt die Silbermedaillengewinnerin von Moskau vor den Traualter und heiratet ihren Freund Tomas.

Im Überschwang der Gefühle nach dem Kugelstoß-Krimi im Luschniki-Stadion blickte Schwanitz jedoch noch weiter voraus. "21 Meter klingen doch auch schön", sagte die sächsische Frohnatur: "Das wäre dann Gold und bis Rio hab ich ja noch drei Jahre Zeit." (SERVICE: Der Zeitplan der WM)

Wer Schwanitz in dieser Saison und vor allem beim Höhepunkt - der Leichathletik-WM - erlebt hat, zweifelt nicht daran, dass die 27-Jährige vom LV Erzgebirge in "diese andere Welt" vorstoßen kann.

Nur Adams stößt weiter

Mit dem letzten Versuch auf 20,41 m katapultierte sich Schwanitz im dritten WM-Finale ihrer Karriere von Platz fünf zu Silber.

"Schon bei früheren Wettkämpfen und dem Sieg bei der Hallen-EM habe ich im letzten Versuch nochmal zugelegt. Wenn die Psyche stimmt, kann ich das", sagt Christina Schwanitz.

Vor dem letzten Versuch dachte sie ursprünglich, dass sie an Platz vier lag, ehe sie informiert wurde, dass sie den fünften Platz belege und lediglich wenige Zentimeter vom Podium entfernt sei.

"Dann war der Ehrgeiz geweckt"

"Dann war der Ehrgeiz geweckt und ich habe mir gesagt: 'Die zehn oder 20 Zentimeter, die zwei Plätze ausmachen, packst du auch noch.' Dass es dann eine persönliche Bestleistung mit so einem Riesen-Ergebnis wird und dann noch Silber dazu, war für mich in dem Moment auch unglaublich," schwärmte Schwanitz bei SPORT1.fm.

Sie musste sich dabei nur der überragenden Olympiasiegerin Valerie Adams (20,88) geschlagen geben.

Die Neuseeländerin sicherte sich als erste Frau der Kugelstoß-Geschichte ihren vierten WM-Titel in Serie und ließ damit Astrid Kumbernuss hinter sich. Die Neubrandenburgerin hatte von 1995 bis 1999 dreimal triumphiert.

Bronze ging an die Chinesin Gong Lijiao (19,95).

Psychologin schafft zusätzliche Zentimeter

Schwanitz steigerte ihre Bestleistung um 21 Zentimeter, überhaupt war es erst ihr dritter Stoß über die magische 20-Meter-Marke. ( 758987 DIASHOW: Die Bilder der Leichtathletik-WM )

"Nur fürs Protokoll: Bei Olympia in London waren es 1,80 Meter weniger", sagte Schwanitz und wartete nur darauf, die Gründe für den Quantensprung mit der Kugel zu erklären.

An erster Stelle nannte sie ihre Psychologin Grit Reimann. "Ich musste erstmal herausfinden, warum ich so ein Nervenflattern bekommen habe, wenn es wichtig und interessant wurde", berichtete die gebürtige Dresdnerin gegenüber SPORT1.fm.

Blockade aus dem Jahr 2004

Die Psychologin fand heraus, dass die Blockade aus dem WM-Debütjahr 2004 herrührte, als Schwanitz direkt am Abend der Premiere nach Hause fliegen musste, um am nächsten Tag die Prüfung zum Realschulabschluss zu meistern.

"Das war ein riesengroßer Stressfaktor, dem ich damals noch nicht gewachsen war." Diese Situation sei laut Schwanitz so im Hinterkopf gespeichert gewesen, "dass ich jedes mal wieder in diese Situation vom Kopf hereinkam."

Gesundheit ist der Schlüssel zum Erfolg

Der Wechsel zu Trainer Sven Lang ist ein weiterer Baustein in Schwanitz' Erfolgsgeschichte.

Mit Lang, der bereits den Chemnitzer David Storl zum Kugelstoß-Weltmeister von Daegu geformt hatte, arbeitete die 1,80 m große und 103 kg schwere Schwanitz an ihrer Technik: "Ich bin schneller geworden, stoße mich im Ring anders ab."

Mehr als die mentale oder technische Entwicklung ist allerdings die Gesundheit der Schlüssel zum Erfolg.

Fuß-Operation als Befreiung

Sieben Jahre lang hatten Schwanitz nach einer missglückten Operation Schmerzen in den Füßen geplagt, sie musste sich einer OP nach der anderen unterziehen. Irgendwann waren es fünf Eingriffe, und selbst barfuß Laufen wurde zur Qual.

Aus Angst vor einer weiteren OP schleppte sich Schwanitz voran, bis sie sich im vergangenen Jahr ein Herz fasste.

"Im letzten November habe ich mir dann das Metall entfernen lassen", so Schwanitz, die bei SPORT1.fmzugibt, dass dieser Eingriff "wie ein Befreiungsschlag war, wenn ich mir keine Gedanken mehr machen muss, wenn ich auf eine Leiter steige, Gardinen abnehme oder wenn ich Kirschen pflücke."

In Moskau gipfelte die Befreiung im Silberstoß.

Kopf frei für das Ja-Wort

"Jetzt habe ich den Kopf für meine Hochzeit im September frei", sagte sie in die "ARD"-Kamera. Wo die Trauung stattfindet, wollte Schwanitz nicht verraten, dafür wohin die die Hochzeitreise geht. In Mexiko genießt sie das gemeinsame Glück mit ihrem Tomas.

Von da aus ist der Weg nicht mehr weit - bis Rio de Janeiro.

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