Usain Bolt gewann bei Olympia 2012 in London drei Goldmedaillen © getty

Bolt plant die nächste Krönung. Doch das Fehlstart-Drama von 2011 wirkt noch immer nach. Harting nimmt Bolt eh nicht ernst.

Von Christian Paschwitz

München - Für knapp zehn Sekunden wird die Welt dann doch wieder den Atem anhalten und stillstehen. Gefühlt zumindest.

Wenn am Sonntagabend gegen 19.50 Uhr die Startpistole knallt, blicken Hunderte Millionen Menschen am Fernsehen, im Radio und Internet oder sonstwo auf die schnellsten Männer der Welt mit den Mega-Muskeln.

Und dann vor allem auf Superstar Usain Bolt. Eine elektrisierende Ruhe wie sonst nur vor einem Fußball-WM-Finale:

Es ist alles gerichtet für die Hauptattraktion der Leichtathletik-WM im Luschniki-Stadion - und die nächste Krönung des Sprint-Königs aus der Karibik. (SERVICE: Der Zeitplan der WM).

Viertes Gold-Triple zum Ziel

Nachdem der Jamaikaner in 9,92 Sekunden auch locker sein Halbfinale gewonnen hatte, schwingt sich Bolt nun auf in noch höhere Sphären.

Der Titel über 100 m in Moskau soll dabei nur der Anfang sein.

Bolt plant sein viertes Gold-Triple nach Olympia 2008 und 2012 sowie der WM 2009 in Berlin auf den beiden Sprintstrecken und mit der 4x100m-Staffel.

Carl Lewis' Rekord wackelt

Mit drei weiteren Goldmedaillen würde die One-Man-Show auf zwei Beinen den legendären Carl Lewis (USA) als erfolgreichsten Medaillenhamster bei Weltmeisterschaften ablösen.

Lewis, während seiner Karriere übrigens positiv getestet aber nie wegen Dopings gesperrt, hat insgesamt zehnmal WM-Edelmetall gewonnen (achtmal Gold, je einmal Silber und Bronze).

Bolt hat bisher sieben Medaillen im Tresor liegen (fünf aus Gold, zwei silberne) - und will nun neben der Historie seiner eigenen Geschichte ein großes Kapitel hinzufügen.

Auf eine Stufe mit Jordan und Co.

"Wenn ich aufhöre, will ich zu den Größten gehören", sagt der 26-Jährige. "Jungs wie Michael Jordan, Pele, Muhammad Ali - zu ihnen will ich aufschließen."

"Die Leute wollen sehen, wie schnell er laufen und was er erreichen kann", sagt dazu der Brite Dwain Chambers, 35, einst hochgedopter, dann überführter und später zurückgekehrter Sprinter. "Sogar die, die ihn jagen, wollen sehen, wie schnell sie sein können - hinter ihm."

Und Donovan Bailey, 45, der 100-Meter-Olympiasieger von 1996, meint: "Er kann 100 Fehler machen zwischen Startblock und Ziellinie - und wird dennoch siegen."

Erinnerungen ans Fehlstart-Drama

Es scheint, als könne Bolt sich nur selber schlagen - wie 2011 beim Fehlstart-Drama.

Weil er in Daegu (Südkorea) zu rasant aus den Startblöcken schoss, wurde Bolt im Endlauf disqualifiziert - und die WM danmals seines prominentesten Gesichts und Werbeträgers beraubt.

Es folgten hitzige Diskussionen, die Event-Verantwortlichen berieten sogar über eine Veränderung der Fehlstartregel.

Keine Zeit für Faxen

Doch die düsteren Erinnerungen daran will der Sprint-Messias inzwischen verdrängt haben.

"Den Fehlstart hatte ich im Kopf, er hat mich aber nicht beeinflusst. Ich habe diesen Fehler in Daegu gemacht, bin aber jetzt konzentriert", so Bolt nach seinem Vorlauf in Moskau.

Danach verzichtete er sogar auf seine üblichen Faxen.

Harting nimmt Bolt nicht ernst

Der Glamour-Faktor des Werbe-Millionärs blitzte auch so durch.

Allein Diskus-Olympiasieger Robert Harting lässt der Bolt-Hype kalt.

Der Sprint-Superstar fasziniere ihn zwar, "aber ich nehme ihn nicht wirklich ernst. Für mich ist das, was Bolt betreibt, eine abstrakte Welt. Für mich hat das mit Leichtathletik nichts zu tun."

Doping-Skandale betrüben

Die Massen sehen das anders. Trotz aller Skepsis über die Sprint-Szene.

Nicht auszudenken, würde auch Bolt in einen Doping-Skandal schlittern, nachdem zuletzt Ex-Weltmeister Tyson Gay (USA) und Ex-Weltrekordler Asafa Powell (Jamaika) positiv getestet wurden.

Beide fehlen in Russland - auch Bolts Trainingspartner und Titelverteidiger Yohan Blake ist nicht am Start, verletzungsbedingt wie es heißt.

Lästiger Gatlin

Einzig Gatlin, dem überführten Doper und Olympiasieger von 2004, wird noch zugetraut, Bolt im Finale (Sonntag 19.50 Uhr) ein bisschen ärgern zu können.

Immerhin hat Gatlin Bolts Aufmerksamkeit: Der Superstar bezeichnete seinen Rivalen im Vorfeld der WM als "lästig".

Wie lästig genau, wird sich zeigen, wenn die Welt wieder für knapp zehn Sekunden stillsteht.

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