Robert Harting ist Olympiasieger im Diskuswurf
Robert Harting gewann bei Weltmeisterschaften zweimal Gold und einmal Silber © getty

Robert Harting erklärt bei SPORT1, warum er bei der WM hohes Risiko geht und die Bruder-Premiere auch nachteilig sein kann.

Von Andreas Kloo

München - Das Hulk-ähnliche Zerreißen des Trikots und der Jubellauf über die magenta-farbenen Hürden:

Robert Hartings Gold-Show bei den Olympischen Spielen in London ist rund 12 Monate her, und immer noch präsent.

Seitdem hat der Diskus-Riese eine längst überfällige Knie-OP und eine Technikumstellung hinter sich.

Im Interview mit SPORT1 erklärt Harting, warum er bei der WM in Moskau hohes Risiko geht, er es schwerer denn je hat und die Bruder-Premiere für ihn nachteilig sein könnte.

SPORT1: Herr Harting, es ist wieder Sommer, wieder steht ein Leichtathletik-Großereignis vor der Tür. Man könnte meinen, für Sie bedeutet das "same procedure every year". Aber was ist im Jahr nach Ihrem Olympiasieg anders?

Robert Harting: Erstens ist die Ausgangsposition eine andere - und zwar die mentale. In den vorigen Jahren war es so: ich war leistungsmäßig auf Punkt x und wollte Punkt x² erreichen. Jetzt aber habe ich Punkt x² schon erreicht. Diesen höheren Punkt zu halten ist viel schwieriger. Zweitens stehen mir durch den Olympiasieg weniger Zeit- und Energieressourcen zur Verfügung. Als Olympiasieger ist man gesellschaftlich, sportlich und innerlich irgendwie zersprengt. Das muss man dann alles wieder einsammeln.

SPORT1: Das scheint auch Konsequenzen auf ihre sportliche Leistung gehabt zu haben. Zu Saisonbeginn waren Sie weit von Ihrer Bestweite entfernt. Sie haben sich dann für eine Art technischen Neustart entschieden. Ist eine solche Umstellung nicht ein hohes Risiko kurz vor dem Saisonhöhepunkt?

Harting: Es ist ein Risiko, aber ich habe das Diskuswerfen ja nicht neu erlernt, sondern mir nur neue Bahnen eröffnet.

SPORT1: Was meinen Sie mit neue Bahnen?

Harting: Der Wettkampf in Hengelo, als Malachowski gewonnen hat, war für mich ein Zeichen. Ich habe 69,91 Meter geworfen, habe aber gespürt, dass mein Körper dazu in der Lage gewesen wäre, weiter zu werfen. Aber mein Bewegungsablauf hat dazu nicht ausgereicht. Also habe ich danach begonnen, einen neuen Bewegungsablauf einzuüben.

SPOR1: Wie schwer ist das?

Harting: Verdammt schwer. Man muss sich das so vorstellen: man hat eine Kassette mit einem Lied drauf. Und das Lied bekommt Qualitätsverlust, weil es schon 10.000 mal gespielt wurde. Also muss man schauen, dass man die Kassette neu bespielt, damit das Band wieder frisch ist. Unter Wettkampfbedingungen ist das äußerst schwierig, dann kommt der Stress hinzu, und man verfällt wieder in den alten Automatismus.

SPORT1: Sie werden im Herbst 29 und haben in der Vergangenheit schon selbst erlebt, wie stark der Leistungssport einen psychisch und physisch fordert. Wie lange wollen Sie sich das noch antun?

Harting: Ja, man schwankt immer zwischen Qual und Glücklich sein. Es ist zum einen erfüllend und schön, wenn man sieht, wie man die Emotionen der Menschen positiv beeinflusst. Aber in Krisen- oder Verletzungssituationen denkt man sich natürlich: "Oh Gott, dieses ewige Theater!"

SPORT1: Wenn es wieder mit WM-Gold klappen sollte, wäre das nicht ein perfektes Happy End auf Ihrer persönlichen Theaterbühne?

Harting: Wenn es nochmal zu Gold reichen sollte, dann wäre das echt gut. Ich musste in den letzten Wochen viel Arbeit reinstecken, kann aber echt nicht sagen, ob es klappen wird mit Gold.

SPORT1: Erstmals werden Sie in Moskau bei einem Großereignis gemeinsam mit Ihrem jüngeren Bruder Christoph an den Start gehen. Pusht ein Wettkampf mit dem Bruder zusätzlich, oder kann das die eigene Konzentration stören?

Harting: Es kann pushen, wenn beide auf hohem Niveau unterwegs sind. Wenn aber einer der beiden in einer Situation ist, wo man sich Sorgen machen muss, dann verliert man Energie und Konzentration.

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