Matthias Bühlers persönliche Bestzeit über 110 m Hürden liegt bei 13,34 Sekunden © imago

Der Hürdensprinter will sich trotz verpasster Norm ein Antrittsrecht erstreiten, um "sportliche Gerechtigkeit" zu bekommen.

Von Martina Farmbauer

München - Was ist wichtiger: ein deutscher Meistertitel oder die bessere Zeit? Und wie viel bedeutet eine Hundertstel Sekunde?

Für Matthias Bühler bedeutet sie sehr viel, zwar nicht die Welt, aber doch die Weltmeisterschaften. Eine Hundertstel Sekunde hat Bühler auf den ersten Blick die Teilnahme an der WM in Moskau gekostet.

Doch damit möchte sich der 26-Jährige aus Offenburg nicht abfinden und seinen Start nun erklagen. Denn sowohl Bühler als auch sein Kontrahent Erik Balnuweit aus Leipzig haben die A-Norm zur Qualifikation des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) über 110 Meter Hürden nicht erfüllt.

Balnuweit hat der Deutsche Leichtathletik-Verband dann aber doch für die WM nominiert.

"Absolut schockiert"

"Ich war natürlich absolut schockiert, als ich das erfahren habe", sagt Matthias Bühler bei SPORT1. Er war davon ausgegangen, dass kein Hürdensprinter zu den Weltmeisterschaften nach Moskau fahren würde.

Denn Idriss Gonschinska, Cheftrainer des DLV, hatte Bühlers Trainer Wilhelm Seigel vor kurzem noch gesagt, bei nicht erfüllter Norm werde der Deutsche Leichtathletik-Verband auch keinen mit zur WM nehmen.

Und als Bühler dann am Dienstag den Kader sah, den der DLV für die Weltmeisterschaft 2013 in Moskau bekanntgegeben hatte, da sah er, dass Erik Balnuweit dazu gehört.

Eine Ewigkeit

Wenn kein Athlet die A-Norm erfüllt, kann der Deutsche Leichtathletik-Verband nach freiem Ermessen entscheiden, wen er nominiert.

Doch dazu sagt Bühler bei SPORT1: "Die Gewichtung darf nie so sein, dass ein Deutscher Meistertitel weniger wert ist als irgendeine Saisonbestzeit bei einem Meeting."

Balnuweit wurde bei den Meisterschaften Dritter mit einer Zehntelsekunde Rückstand auf den Ersten Bühler. Eine Zehntelsekunde ist im Sprint eine Ewigkeit. Außerdem hat Bühler drei von fünf Wettkämpfen gewonnen, die die beiden in dieser Saison gegeneinander bestritten haben. Balnuweits Vorteil ist die Saisonbestleistung gegenüber Bühlers - eben jene Hundertstel Sekunde.

Nicht das erste Mal vor Gericht

Um "sportliche Gerechtigkeit" zu bekommen, wie er es bei SPORT1 beschreibt, hat Bühler nun einen Anwalt eingeschaltet - Michael Lehner aus Heidelberg, auf Sportrecht spezialisiert.

Mit seiner Hilfe hatte sich Bühler bereits seinen Start bei den Deutschen Hallen-Meisterschaften vor Gericht erstritten, nachdem seine Meldung verspätet eingegangen war. Lehner bestätigt, dass er eine Klage gegen den DLV vorbereitet. "Das erste Schreiben geht am Freitag raus", sagt Lehner bei SPORT1.

"Wenn der Verband einen auswählt, dann muss er 'freies Ermessen' richtig auslegen. Und er muss abwägen, wer anhand von Meisterschaften und Vergleichswettkämpfen der Bessere ist. Die Zeit ist auch ein Kriterium, aber eine Hundertstel kann nicht entscheidend sein." Zu unberechenbar sind im Sprint die äußeren Bedingungen, die leicht eine Hundertstel Sekunde ausmachen können.

Bundesausschuss entscheidet

Wie der Deutsche Leichtathletik-Verband auf eine mögliche Klage reagiert, lässt Pressesprecher Peter Schmitt auf SPORT1-Nachfrage offen. Es liege keine Klage vor und deshalb könne der DLV auch keine Stellungnahme abgeben.

Nur so viel: "Wir haben eine Entscheidung auf den Nominierungskriterien des Deutschen Leichtathletik-Verbandes für Balnuweit getroffen. Im Einzelfall obliegt die Entscheidung dem Gremium Bundesausschuss Leistungssport."

Spekulationen Tür und Tor geöffnet

Wonach dieses Gremium letztlich entschieden hat, dazu äußert Schmitt sich nicht. Das öffnet Spekulationen Tür und Tor, dass es hier um persönliche Dinge geht, auch wenn der Sprecher des Deutschen Leichtathletik-Verbandes dies zurückweist.

"Ich denke, dass eine Reihe von Faktoren eine Rolle spielen", sagt DLV-Präsident Clemens Prokop beim Sportradiosender SPORT1.fm. "Welche, weiß ich nicht, aber die Entscheidung ist sicher nicht willkürlich."

Gonschinska, Cheftrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, ist der ehemalige Trainer Balnuweits. Dagegen hatte sich Bühler schon im Jahr 2010 beim Deutschen Leichtathletik-Verband unbeliebt gemacht. Er hätte bei den Militär-Weltmeisterschaften starten sollen, sagte wegen Verletzung ab und war für die Deutschen Meisterschaften dann doch wieder fit. Anschließend flog er aus der Sportförderung.

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