Fauja Singh lief als erster Hundertjähriger einen Marathon © getty

Singh kann noch immer auf einen Bus springen, hört aber lieber auf hohem Niveau auf. Mit 100 wird er in England zum Popstar.

Hongkong - Fauja Singhs Handgriffe sind Routine.

Seit Jahren schlüpft der 101-Jährige täglich in seine Laufkleidung, schnürt sich die Schuhe und rückt seinen traditionellen Turban der Sikh-Glaubensgemeinschaft akkurat zurecht, bevor sich der älteste Marathon-Läufer der Welt auf seine rund 16 km lange Trainingsroute rund um London begibt.

Doch wenn Singh am Sonntag das gewohnte Prozedere absolviert, ist alles etwas anders.

Am Rande des Hongkong-Marathons wird Singh einen 10-km-Lauf und das vielleicht emotionalste Rennen seines langen Lebens absolvieren. Es soll sein letzter Wettbewerb sein. (ÜBERSICHT: Alles zur Leichtathletik)

Karrierebeginn mit 89 Jahren

"Der Fakt, dass ich zurücktrete, schmerzt", sagte der gebürtige Inder, der seit rund 17 Jahren im östlich von London gelegenen Ilford lebt:

"Ich höre das Wort 'Rücktritt' nur ungern, denn ich kann noch immer rennen und auf einen Bus springen. Es sind negative Gefühle, die ich so zuvor noch nicht erlebt habe."

Erst im Alter von 89 Jahren hatte Singh mit dem Laufen begonnen.

Eine inspirierende Persönlichkeit

Wenige Jahre, nachdem er nach dem Tod seiner Frau zu seinen Kindern nach Großbritannien gezogen war und einen Marathon im Fernsehen gesehen hatte.

Im Sport suchte Singh einen neuen Halt im Leben und wurde selbst zu einer inspirierenden Persönlichkeit.

Im Jahr 2000 bestritt er in London sein erstes Rennen über die 42,195 Kilometer, drei Jahre später stellte er in Toronto seine Bestzeit von 5:40:04 Stunden auf.

Ein Popstar auf der Insel

Der nur 52 kg leichte Singh, drei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg am 1. April 1911 geboren, wurde auf der Insel zu einem Popstar und war 2004 in einer Werbe-Kampagne seines deutschen Sportartikelausrüsters zusammen mit Englands Fußball-Star David Beckham und Box-Legende Muhammad Ali aufgetreten.

Zu seinem 100. Geburtstag hatte er sogar ein Glückwunschtelegramm von Königin Elisabeth II. erhalten.

Gleichzeitig erschien ein Buch über ihn ("Tornado mit Turban"), das er allerdings nicht lesen kann, weil er nur wenige Worte Englisch spricht.

Singh fürchtet um seinen Ruf

Singh, der vor den Olympischen Spielen 2004 in Athen sowie in London 2012 die Olympische Fackel trug, sorgt sich angesichts seines Rücktritts um seinen Ruf.

"Ich fürchte, dass die Leute mich nicht mehr lieben, wenn ich mit dem Laufen aufhöre. Im Moment tut das jeder. Ich hoffe, dass mich niemand vergisst und ignoriert", sagte Singh:

"Wenn man alt wird, wirst du wie ein Kind und ringst nach Aufmerksamkeit."

Der Abschied von Wettkämpfen und Marathonläufen sei wie eine "Scheidung nach einer langen, glücklichen Ehe".

Acht Weltrekorde an einem Tag

Rekorde hat der Lauf-Methusalem aber nicht nur im Marathon aufgestellt.

Binnen 94 Minuten erzielte er einmal britische Altersklassen-Bestmarken über 200, 400, 800, 3000 m und eine Meile.

Mit 100 Jahren lief er acht Weltrekorde an einem Tag: 100 m in 23, 14 Sekunden, 200 m in 52,23 Sekunden, 400 m in 2:13,48 Minuten, 800 m in 5:32,18 Minuten, 1500 m in 11:27:81 Minuten, die Meile in 11: 53,45 Minuten, 3000 m in 24:52,47 Minuten und 5000 m in 49:57,39 Minuten.

Einige dieser Bestmarken waren zugleich Rekorde in der Gruppe der 95-Jährigen.

Singh - der ehemalige Farmer

Wie viele Kilometer Fauja Singh in seinem bewegten Leben gelaufen ist, lässt sich kaum erfassen.

Durchschnittlich 160.000 km bewältigt ein Mensch Schätzungen zufolge zu Lebzeiten, eine Zahl, die der ehemalige Farmer aus der indischen Provinz Punjab spielend übertreffen dürfte.

Gänzlich mit seiner Leidenschaft brechen wird Singh jedoch nicht.

Weiterhin tägliches Training

"Ich fühle, dass ich auf dem hohen Niveau aufhören muss. Aber ich werde für meine Gesundheit weiter laufen", sagte Singh.

Auch in Zukunft wird Fauja Singh, dessen Vorname sich mit "Soldat" übersetzen lässt, also täglich in seine Trainingskluft steigen und die rund 16 Kilometer abspulen.

Und das soll auch mit 102 Jahren so bleiben.

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