Pistorius' Anwalt nimmt die Aussagen des Chefermittlers auseinander. Gegen den Polizisten wird wegen versuchten Mordes ermittelt.

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Von Felix Götz

München - Spektakuläre Wende im Fall des wegen Mordes angeklagten Oscar Pistorius.

Der von Staatsanwalt Gerrie Nel als "wasserdicht" bezeichnete Fall weist erhebliche Lücken auf. Polizei belastet Pistorius: Testosteron, Waffe, offene Tür

Dies ergab die Befragung des Ermittlers Hilton Botha durch Pistorius-Verteidiger Barry Roux vor dem Magistratsgericht in Pretoria, in deren Verlauf die Ausführungen des Polizisten regelrecht in der Luft zerrissen wurden.

Der Hammer dabei: Wie sich herausstellte, läuft gegen Botha ein Verfahren wegen versuchten Mordes in sieben Fällen, was Polizeisprecher Neville Malila bestätigte.

Botha wird ersetzt

Der Chefermittler im Fall Pistorius soll 2011 mit zwei Kollegen aus dem Dienstwagen heraus das Feuer auf einen Kleinbus eröffnet haben.

Mittlerweile wurde Botha abgesetzt. "Wir verstehen die Bedeutung und den Ernst der Lage", erklärte Polizeipräsidentin Mangwashi Phiyega. Neuer Chefermittler wird der als Spitzenkraft der Polizei" angekündigte Vineshkumar Moonoo.

Nichts widerspricht Pistorius' Aussage

Am Ende der Befragung musste Botha eingestehen, dass am Tatort nichts der Aussage Pistorius' widerspreche, wonach er seine Freundin Reeva Steenkamp aus Versehen erschossen habe, weil er sie für einen Einbrecher gehalten habe.

Doch der Reihe nach: Detective Botha wurde zunächst gebeten, zu berichten, wie er den Tatmorgen erlebt habe. (PISTORIUS: "Ich hatte große Angst")

Steenkamps Leiche habe beim Eintreffen der Polizei auf dem Boden der Eingangshalle gelegen und drei Schusswunden in Kopf, Ellbogen und Hüfte aufgewiesen.

Die Toilette als Tatort wurde von Botha bestätigt. Auch, dass die Tür wie von Pistorius ausgesagt mit einem Kricketschläger zertrümmert wurde.

Schwere Ermittlungsfehler

Dann kam der erste schwere Ermittlungsfehler der südafrikanischen Polizei ans Licht. Botha erzählte von zwei auf dem Boden gefundenen Handys, von denen keines zur Alarmierung des Notarztes verwendet worden sei.

Pistorius-Verteidiger Roux fragte daraufhin, ob die Polizei versucht hätte, herauszufinden, ob der Paralympics-Star mit einem anderen Telefon Hilfe gerufen habe und ob geprüft wurde, mit wem Pistorius unmittelbar nach den Schüssen telefoniert hat?

Auf beide Fragen musste Botha mit "Nein" antworten.

Daraufhin präsentierte Roux eine Liste der eingegangenen Anrufe beim Notarzt. Auf einem Zettel stand: "14. Februar, 3.20 Uhr, Frau mit mehreren Schussverletzungen in Silver Lakes. Anrufer: Oscar Pistorius."

Mit oder ohne Prothesen?

Laut Botha sind drei der vier Schüsse nicht vor, sondern im Badezimmer abgegeben worden. Pistorius hatte angegeben, beim Versuch in Richtung eines Fensters zu schießen, wo er den Einbrecher vermutete, versehentlich die Toilette unter Beschuss genommen zu haben.

Pistorius behauptet, seine Prothesen zum Tatzeitpunkt nicht getragen zu haben, Botha meinte dagegen, der Angeklagte sei im Bad "hin und her gelaufen". Auch hierbei wies Verteidiger Roux der Polizei eine schlampige Arbeit nach.

Auf die Frage, ob aufgrund der baulichen Gegebenheiten und des Winkels die Toilettentür nicht zwangsläufig von Pistorius habe getroffen werden müssen, antwortete der Beamte wenig überzeugend: "Kann sein."

Zudem musste er einräumen, keinerlei Beweise für die Theorie, Pistorius habe seine Prothesen getragen, zu haben.

Zeuge wohnt weit entfernt

Desweiteren berichtete Botha von einem Zeugen.

"Wir haben die Aussage eines Mannes, der erklärte, dass er nach den Schüssen auf den Balkon gerannt sei. Im Haus von Pistorius habe das Licht gebrannt. Dann habe er eine Frau schreien und dann weitere Schüsse gehört", schilderte Botha.

Der Ermittler musste allerdings postwendend einräumen, dass besagter Zeuge satte 600 Meter von Pistorius' Haus entfernt wohnt.

Pflanzenextrakte statt Testosteron

Auch die Behauptung, bei Pistorius sei Testosteron gefunden worden, scheint widerlegt.

Verteidiger Roux wollte wissen, wie die Polizei zu dieser Behauptung komme. Es handele sich um Pflanzenextrakte, die rezeptfrei und legal zu kaufen seien.

Bothas unglaubliche Antwort: "Ich habe das Etikett nicht richtig gelesen."

Kommt Pistorius frei?

Bleibt die Frage, ob Pistorius tatsächlich auf Kaution frei kommen könnte. Schließlich steht weder seine Schuld noch seine Unschuld fest.

Das Gericht wird am Donnerstag oder am Freitag über eine mögliche Freilassung entscheiden.

Botha riet wegen Fluchtgefahr ab. Doch ob Empfehlungen des Chefermittlers nach seinem denkwürdigen Auftritt noch angenommen werden, darf zumindest bezweifelt werden.

Der Fall Pistorius - offenbar alles andere als ein wasserdichter Fall.

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