Oscar Pistorius war ein Superstar, der Millionen inspirierte. Mit der Mordanklage zerspringt ein sorgsam gepflegtes Bild.

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Von Martin Hoffmann

München - Es sind traurige Szenen, die sich am Freitagmorgen abspielen im Gerichtsgebäude von Pretoria.

Oscar Pistorius, wie er seinen Kopf in seine Hände sinken lässt, als dem Staatsanwalt das Wort "Mord" über die Lippen kommt. Wie ihm die Tränen aus den Augen rinnen.

Es sind Szenen, die das Bild zerspringen lassen, das die Welt vor dem 14. Februar 2013 hatte.

Oscar Pistorius, der "Blade Runner", der berühmteste Behindertensportler der Welt, der global bewunderte Volksheld Südafrikas, ist jetzt Oscar Pistorius, der Angeklagte (BERICHT: Mordanklage gegen Pistorius).

Verstörende Details

Pistorius nimmt diese neue Rolle nicht an, das zeigte sich in dem Statement, das er Stunden später von Management und Familie verbreiten ließ.

"Aufs Schärfste" weist er darin den Mordvorwurf zurück und fordert, dass in dem nun anstehenden Verfahren "alles seinen richtigen Gang geht" - ohne aber näher auf seine Version der "schrecklichen, schrecklichen Tragödie" einzugehen.

Die Unschuldsvermutung gilt, aber die Details, die an die Weltöffentlichkeit gedrungen sind, sind verstörend.

Reeva Steenkamp, Pistorius' Freundin ist mit vier Schüssen getötet worden, in Pistorius' Haus, mit einer auf ihn zugelassenen Waffe - angeblich durch die Badezimmertür, wie südafrikanische Medien nun berichten.

Und dann der kühle Hinweis der Polizei tags zuvor, dass die anfangs verbreitete Theorie, Pistorius habe Steenkamp für eine Einbrecherin gehalten, "nicht von ihr" stamme.

Ein Leben, das keine Tragödie werden sollte

Egal, was die Ermittlungen nun ergeben werden: Die Ereignisse vom 14. Februar sind der tragische Bruch einer Erzählung, die bisher davon handelte, wie ein junger Mann nicht zuließ, dass aus seinem Leben eine Tragödie wurde.

Geboren ohne Wadenbeinknochen, ließen die Eltern Pistorius auf ärztlichen Rat hin die Unterschenkel amputieren, um ihn früh an das Leben mit den Beinprothesen zu gewöhnen.

"Zieh du deine Schuhe an - und du deine Beine": So schickte Mutter Pistorius ihre Kinder Oscar und Carl zum Spielen.

Ein anderes Mal schrieb sie ihm: "Der wahre Verlierer ist nie der, der als Letzter ins Ziel kommt. Der wahre Verlierer ist der, der untätig auf der Seite sitzt."

Ausgebrochen aus den Grenzen

Es sind zwei der vielen kleinen Geschichten, die Pistorius erzählte, als später jeder seine Geschichte hören wollte.

Weil er nach seinem Paralympics-Sieg über die 200 Meter anno 2004 ausbrach aus den Grenzen des Behindertensports und auch bei den klassischen Olympischen Spielen nicht auf der Seite sitzen wollte.

Der Weltleichtathletik-Verband IAAF wollte das zunächst nicht, es entbrannte ein Rechtsstreit und eine sportethische Diskussion darum, ob es einen fairen Wettbewerb zwischen Füßen und Karbonfedern geben kann.

Pistorius setzte sich im Mai 2008 mit einer Klage beim Sportgerichtshof CAS durch, schaffte dann aber in der Kürze der Zeit die sportliche Qualifikation nicht mehr.

Gefeiert wie Bolt

Als es vier Jahre später in London klappte, wurde er ähnlich gefeiert wie 100-m-Triumphator Usain Bolt.

Im Halbfinale über 400 m schied Pistorius zwar aus, aber er hatte den Zuschauern mehr geliefert, als alle anderen Olympioniken es tun konnten: eine Heldengeschichte.

Der "Blade Runner" konnte gut leben mit dieser Geschichte, die er auch offensiv zu Markte trug, verdiente Millionen mit Werbe- und PR-Auftritten (ÜBERSICHT: Alles zur Leichtathletik).

Selbst jetzt noch liest sich die Pistorius-Erklärung so, als lasse sich diese Geschichte jetzt einfach weiter schreiben: "Oscar Pistorius hat als Olympischer und Paralympischer Sportler Geschichte geschrieben und war für viele auf der ganzen Welt eine Inspiration."

"Das Beste, was passieren konnte"

Tatsächlich hat der Superstar viel in Gang gesetzt, die Behindertensport-Szene erlebte in seinem Windschatten einen Boom und neue Anerkennung.

Schon 2008 befand Jan Bockweg, Sportchef des Weltverbandes für Rollstuhl- und Amputierten-Sport: "Er ist das Beste, was unserem Sport passieren konnte."

Auch dank Pistorius kamen vier Jahre später die Paralympics in London - bei denen der "Blade Runner" noch zweimal Gold holte - mit Donnerhall aus der Nische.

Mythos Übermensch

Im Olympia-Land England übertrug ein Kommerz-Sender, der die Behindertensportler mit Actionfilm-Optik, Hip-Hop-Musik und einem knalligen Slogan in Szene setzte: "Meet the Superhumans - Triff die Übermenschen!"

Eine pfiffige Inszenierung, die aber den Blick von den dunklen Schattierungen ablenkte, die auch Pistorius offensichtlich hatte. Die darüber hinwegtäuschte, dass Pistorius ebenso wenig Übermensch ist wie alle anderen.

Was für ein Mensch Pistorius ist, wird nun in einem Gerichtsgebäude in Pretoria ermittelt.

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