Moritz Fürste wurde 2012 als Welthockeyspieler ausgezeichnet © getty

Bei SPORT1 spricht Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste über Indien, die Bedeutung von Geld und vergleicht den Sport mit Fußball.

Von Tobias Wiltschek undChristoph Lother

München - Das Jahr 2013 begann für Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste, wie das vergangene Jahr aufgehört hat - außerordentlich erfolgreich.

Als Kapitän führte er den indischen Klub Ranchi Rhinos am vergangenen Sonntag in der nur vier Wochen dauernden Hockey India League (HIL) zum Titel. In dieser kurzen Zeit verdiente der 28-Jährige rund 63.000 Euro.

Von solch einem Gehalt können Hockey-Spieler in Europa nur träumen.

Im SPORT1-Interview-der-Woche erklärt Moritz Fürste, warum seine Sportart in Deutschland zurecht ein Nischendasein führt und was sie vom Fußball unterscheidet.

Außerdem spricht der deutsche Nationalspieler über sinnlose Überlegungen und die indische Kultur.

SPORT1: Herr Fürste, 2012 verteidigten Sie mit dem deutschen Team Ihren Titel bei Olympia, anschließend wurden Sie zum Welthockeyspieler gewählt. Nun der Triumph in Indien, was kommt als nächstes?

Moritz Fürste: Als nächstes gehen wir mit meiner Mannschaft Club de Campo Madrid den spanischen Titel an, bevor wir dann mit der Nationalmannschaft im Sommer wieder eine Europameisterschaft haben. Da wollen wir als Olympiasieger zumindest wieder oben mitspielen.

SPORT1: Wie haben Sie Ihre Zeit in Indien erlebt?

Fürste: Das war eine völlig andere Welt. Dort leben ganz andere Menschen in einer ganz anderen Kultur. Dort setzt man ganz andere Prioritäten und hat ganz andere Vorstellungen von allen Sachen, die sich auf den Sport beziehen.

SPORT1: Welche Prioritäten setzen die Inder?

Fürste: Es stehen weniger kommerzielle Dinge im Vordergrund als die Zufriedenheit mit der jeweiligen individuellen Situation. Der Umgang untereinander ist weitaus positiver und herzlicher als das in viele anderen Regionen ist, die man so mitbekommt. Auch im sportlichen Bereich sind die Ansichten und Prioritäten bezüglich des Spiels einfach anders.

SPORT1: Welche Unterschiede zur deutschen oder auch zur spanischen Liga fallen Ihnen da als erste ein?

Fürste: Etwas, was nur für vier Wochen kreiert wird, ist nicht vergleichbar mit einer Mannschaft, die über ein Jahr hinweg zusammen trainiert und an einem Liga-Wettbewerb teilnimmt. Da kann man ganz andere Automatismen und Abläufe einstudieren. In Indien mussten wir uns in der Kürze der Zeit darauf fokussieren, so schnell wie möglich eine Einheit zu formen, die zusammen funktioniert. Dass da nicht alles klappt, ist völlig klar. Wir haben in der kurzen Zeit den Fokus auf die Strafecke gelegt, dann haben wir geschaut, dass wir in der Defensive klarkommen. Für taktische Details war da aber keine Zeit.

SPORT1: Kurz vor Saisonbeginn hatten sie bemängelt, "zehn Jahre hart gearbeitet zu haben, ohne wirklich was zu verdienen". Für Ihre Spiele in Indien kassierten sie nun rund 63.000 Euro. Ärgert es Sie, dass es diese Möglichkeit nicht schon vorher gab?

Fürste: Die Antwort auf die Frage passt genau zu dem Thema, was mir an Indien gefällt. Ich freue mich über alles, was ich erleben darf und auch darauf, es vielleicht ihm nächsten Jahr wieder zu machen. Ich habe aber kein Interesse daran, mich über irgendetwas aufzuregen, was mich nicht weiter bringt. In der Gegenwart finde ich das alles klasse. Warum sollte ich unzufrieden sein, dass es so etwas nicht schon früher gab?

SPORT1: Finden Sie es nicht eigenartig, dass sich generell ein Hockey-Olympiasieg nicht finanziell auswirkt?

Fürste: Natürlich kann man Vergleiche anstellen und sagen, wenn man in einer anderen Sportart Olympiasieger wäre, würde alles anders aussehen. Aber auch solche Überlegungen finde ich total müßig. Ich mache den Sport aus Leidenschaft, sonst würde ich ihn nicht seit zehn Jahren mit dieser Intensität ausüben, ohne dass sich das finanziell rechnet. Ich hätte keine Probleme damit, wenn man in diesem Sport besser verdienen könnte. Aber ich weiß auch, dass dies in mittelfristiger Zukunft nicht der Fall sein wird. Von daher nehme ich solche Chancen wie jetzt in Indien mit.

SPORT1: Das deutsche Team gewann zuletzt gleich zweimal hintereinander Gold bei Olympia. Wieso wird Hockey hierzulande trotzdem nur so marginal wahrgenommen?

Fürste: Das kommt auf die Perspektive an. Ein Träumer würde sagen, das müsste anders sein. Aber wer es realistisch betrachtet - so wie ich das tue -, der weiß, dass wir mit unserem Nischendasein genau da sind, wo wir hingehören. Die Sportart ist einfach nicht massenkompatibel.

SPORT1: Was ist an Hockey in Ihren Augen nicht massenkompatibel?

Fürste: Die Sportart ist für einen Laien schwierig zu verstehen. Das Regelwerk ist nicht so leicht durchschaubar, dass es für das Fernsehen attraktiv wird.

SPORT1: Woran liegt das?

Fürste: Das hat damit zu tun, dass der Ball zu schnell ist und dass das Regelwerk zu viele Facetten hat, die nicht sofort durchschaubar sind. Bei uns speziell im Hockey gibt es zu viele 50:50-Entscheidungen, die für die Zuschauer nicht nachvollziehbar sind. Ich persönlich, glaube, dass auch Fußballspiele genauso langweilig sein können wie manche Hockeyspiele und man sie sich als Fan nur anschaut, um seine Mannschaft zu unterstützen. Diese Fan-Base gibt es eben im Hockey nicht.

SPORT1: Wie sehen Ihre persönlichen Pläne aus? Bleibt die Saison in Indien ein einmaliges Abenteuer oder wäre das auch etwas für die Zukunft?

Fürste: Ich habe einen Dreijahresvertrag in Indien. Da der Modus dort gleich bleibt, werde ich dort hoffentlich in den nächsten beiden Jahren dort für einen Monat spielen.

Weiterlesen