Henning Fritz (l.) spielte sechs Jahre lang für Rekordmeister THW Kiel © imago

Der ehemalige Weltklasse-Torhüter Henning Fritz erklärt bei SPORT1 das Dilemma von Kiel-Coach Gislason und nennt einen Wunsch-Keeper.

Von Patrick Mayer

München - Weltmeister, Europameister, Olympia-Silber - Henning Fritz blickt auf eine einmalige Handball-Karriere zurück.

235 Mal spielte der heute 39-Jährige für Deutschland, sechs Jahre lang für den THW Kiel in der DKB Handball-Bundesliga. Viermal wurde er mit dem Rekord-Champion Deutscher Meister.

Dank seiner einst spektakulären Paraden genießt der ehemalige Torwart noch immer eine große Wertschätzung bei den Fans in der Sparkassen-Arena - dort, wo die Kieler an diesem Mittwoch die Rhein-Neckar Löwen zum DHB-Pokal-Achtelfinale empfangen (20 Uhr LIVE im TV bei SPORT1 und im LIVESTREAM).

Auch das Trikot der Löwen trug Fritz, insgesamt fünf Jahre lang. Er weiß, was einen Weltklasse-Torhüter von einem guten Keeper unterscheidet.

Dass Teams wie die Löwen Kiel plötzlich gefährlich werden können, steigert die Attraktivität der Liga immens, sagt er (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle) und nennt als Grund ein Torhüter-Problem.

Im SPORT1-Interview spricht er über die Kieler T-Frage, erklärt das Dilemma von Coach Alfred Gislason und warum dieses ein Segen für die Liga ist.

SPORT1: Herr Fritz, hat der THW Kiel ein Torwart-Problem?

Henning Fritz: Wenn man die Leistungen sieht, sind sie nicht so gut aufgestellt, wie die Jahre zuvor. Aber, wie soll das auch anders sein? Johan Sjöstrand und Andreas Palicka beerben Thierry Omeyer. Das Potential ist bei Beiden da, aber sie rufen es nicht ausreichend ab.

SPORT1: Was ist das Problem?

Fritz: Sie werden am Torhüter gemessen, der vorher da war. Sie sehen sich mit Erwartungen konfrontiert, die sie nicht erfüllen können. Das ständige Wechseln durch nicht erbrachte Leistung fördert die Selbstsicherheit beider Torhüter nicht. Coach Alfred Gislason steht enorm unter Druck. Er hat nicht die Zeit, um ihnen das Vertrauen zu geben, das sie jetzt bräuchten.

SPORT1: Wäre eine klare Hierarchie nicht besser?

Fritz: Ich kann das nur bejahen. Es wäre wichtig, eine klare Nummer eins zu benennen und einem klipp und klar zu sagen, du spielst, um ihm Selbstvertrauen zu geben.

SPORT1: Wer wäre Ihr Mann im Kieler Tor?

Fritz: Sjöstrand hat einen Vorteil. In ihrer Spielweise sind sie ähnlich, sehr ähnlich...

SPORT1: ... was bedeutet?

Fritz: Dass sie typisch skandinavisch spielen. Unten sind Beide sehr flexibel und sehr schnell. Sie kommen bei Angriffen am Kreis eher nach vorne gesprungen. Da liegt aber auch das Problem Gislasons: Keiner der Beiden bringt bei einem Wechsel einen neuen Reiz.

SPORT1: Es gibt andere Torhüter-Duos - zum Beispiel die Berliner Silvio Heinevetter und Petr Stochl.

Fritz: Sie sind das bessere Torwartduo, mit der klaren Nummer eins Heinevetter. Stochl kommt nur punktuell rein, ist aber jedes Mal geistig voll da. Er ist ein Ausnahmetorhüter: Wenn er eingewechselt wird, hat er oft mit überragenden Paraden geglänzt. Eine super Situation für einen Trainer: Dagur Sigurdsson weiß, er hat seine Nummer eins, kann sich aber auch auf den Anderen verlassen. Das sind Zwei, die sich perfekt ergänzen.

SPORT1: Inwiefern?

Fritz: Heinevetter hat einen unorthodoxen Stil: Er macht Bewegungen, die kein anderer Torhüter zeigt. Mit seinen Varianten versucht er, die Schützen zu beeinflussen. Er versucht Gegenspieler aus dem Spiel zu nehmen, indem er indirekt auf sie einwirkt. Stochl pusht die eigenen Leute nach vorne und beschäftigt sich nicht mit den Gegnern.

SPORT1: Zuletzt konnten sie Kiel beim 29:33 mit ihren Paraden nicht stoppen. Ist die Dominanz Ihres früheren Klubs trotzdem gebrochen?

Fritz: Die Liga ist deutlich enger zusammengerückt. Wer Meister wird, entscheidet aber immer noch Kiel und nicht die Gegner. Der THW kann sich nur selber schlagen. Er hat nur weniger Möglichkeiten. Würde Filip Jicha jetzt ausfallen, wäre ich gespannt, wie das Team das kompensieren wollen würde. Alles hängt von ihm ab. Hat er keinen guten Tag, sind nicht mehr die Leute da, die einspringen können.

SPORT1: Greift das nicht zu kurz? Eine nicht festgeschriebene Regel besagt, dass im Handball der Erfolg mit den Torhütern steht und fällt. Könnten die eigenen Keeper Kiel die Meisterschaft vermasseln?

Fritz: Auf jeden Fall. Das hat die Niederlage in Flensburg bewiesen. Mit Omeyer hätte ich zur Halbzeit gesagt, kein Problem. Kiel hätte mit einer starken Torwartleistung alles offen gehalten. Aber die beiden aktuellen Torhüter können derzeit ihre Mannschaft nicht zurück ins Spiel bringen.

SPORT1: Es gibt hochbegabte, junge Torhüter: Löwe Niklas Landin ist einer - und dürfte bei Kiel ganz oben auf dem Zettel stehen.

Fritz: Das sind die Gesetze des Geschäfts. Sollten Sjöstrand und Palicka es nicht schaffen, wird der THW schnell zu diesen Mitteln greifen. Da ist die Versuchung nach Leuten wie Niklas Landin natürlich groß.

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