Heine Jensen ist seit 2011 Bundestrainer der DHB-Frauen © imago

Heine Jensen spricht bei SPORT1 über die WM-Chancen seines Teams, den Ausfall seiner Leistungsträgerin und die Turnierfavoriten.

Von Julian Ignatowitsch

München - Wenige Tage vor dem WM-Auftakt in Serbien haben die DHB-Mädels mit zwei Siegen in den Vorbereitungsspielen gegen Schweden Selbstvertrauen getankt.

Einen Wehrmutstropfen gab es dennoch: Mit Kerstin Wohlbold verletzte sich eine Leistungsträgerin des Teams schwer und fällt damit für das Turnier aus

In Novi Sad geht es nach dem Auftakt gegen Australien (Sa., 16.45 Uhr LIVE im TV bei SPORT1) in der ersten Gruppenphase gegen Tschechien (9.12.), Rumänien (10.12.), Tunesien (12.12.) und Ungarn (13.12., alle Spiele LIVE im TV auf SPORT1).

Die besten Vier jeder der vier Vorrundengruppen erreichen das Achtelfinale. Nach dem enttäuschenden Vorrundenaus bei der WM 2011 ist der Einzug in die K.o.-Phase das Minimalziel der DHB-Frauen.

Wenige Tage vor dem WM-Auftakt spricht DHB-Bundestrainer Heine Jensen im SPORT1-Interview über die Chancen seines Teams, die Hiobsbotschaft um die Verletzung von Leistungsträgerin Kerstin Wohlbold und die Favoriten des Turniers.

SPORT1: Herr Jensen, wie hoch sind denn die Chancen, dass die deutschen Frauen nach 1993 den zweiten Weltmeister-Titel holen?

Heine Jensen: Wir haben richtig, richtig Lust uns bei der WM zu präsentieren, zu zeigen, dass wir uns in den letzten beiden Jahren weiter entwickelt haben. Das Dumme dabei ist nur, dass natürlich auch andere Mannschaften dorthin reisen, um Spiele zu gewinnen. Wir haben gut gearbeitet, wir haben uns verdient für die Weltmeisterschaften qualifiziert. Jetzt freuen wir uns einfach darauf, dass es am Samstag endlich losgehen kann.

SPORT1: Vom Titel wollen Sie also nicht reden?

Jensen: Wir schießen über das Ziel hinaus, wenn wir jetzt sagen, dass wir unbedingt einen Titel holen müssen und sollen. Dass wir auf das Parkett gehen, um jedes Spiel zu gewinnen, das ist klar. Aber mit der Erfahrung der letzten WM, bei der wir in der Vorrunde nicht weitergekommen sind, und der EM letztes Jahr, wo wir nur mit einem Quäntchen Glück in die Hauptrunde gekommen sind, ist es für uns besser zu sagen, dass wir über die Vorrunde hinaus wollen.

SPORT1: Das heißt, das Achtelfinale ist dann ein realistisches Ziel?

Jensen: Das wäre eine Steigerung im Vergleich zur WM vor zwei Jahren und dann denken wir von Spiel zu Spiel. Wenn wir eine gute Leistung bringen, dann können wir fast jeden schlagen. Aber wir können auch gegen viele verlieren, wenn wir nicht mit dem nötigen Respekt und der maximalen Einstellung und der maximalen Leistung aufs Parkett gehen.

SPORT1: Was macht sie optimistisch, dass Sie die Vorrunde überstehen? Und was ist besser als vor zwei Jahren, als das nicht geklappt hat?

Jensen: Die Mannschaft kennt mich besser und weiß, was ich möchte. Und ich kenne natürlich auch die Spielerinnen besser. Wir haben jetzt ein paar Jahre zusammen gearbeitet und diese Kontinuität ist etwas ganz Wichtiges. Wir haben uns Schritt für Schritt entwickelt und wollen jetzt bei der WM in Serbien den nächsten Schritt machen.

SPORT1: Mit der Verletzung von Kerstin Wohlbold gab es kurz vor dem Turnier noch einmal einen richtigen Rückschlag. Wie kann man diesen Ausfall kompensieren?

Jensen: In erster Linie ist es wichtig zu sagen, dass uns das allen unheimlich leid tut für Kerstin und ihren Verein, den Thüringer HC. Das wird für uns eine Herausforderung, aber diese Herausforderung müssen wir angehen und da bin ich auch guter Dinge, dass wir da Spielerinnen haben, die da eine etwas andere Rolle bekommen. Wir müssen das gemeinsam lösen, zusammen mit den Spielerinnen, die diese Rolle als Spielmacherin erfüllen sollen.

SPORT1: Wen haben Sie da konkret im Kopf?

Jensen: Wir haben Kim Naidzinavicius. Sie hat bei uns die letzten beiden Jahre hinter Kerstin gespielt. Wir haben Anna Loerper. Sie hat das jahrelang in der Nationalmannschaft gespielt und spielt Rückraum Mitte im Verein. Und dann haben wir mit Shenia Minevskaja auch eine ganz junge, neue Spielerin dazu bekommen, die auch auf Rückraum Mitte eingesetzt wird. Im Verein spielt sie zwar halblinks, aber bei uns eben auch Rückraum Mitte. Die drei sollen das lösen. Wir haben auf jeden Fall Spielerinnen, die bereit sind, diese Herausforderung anzunehmen.

SPORT1: Die meisten Spielerinnen im Kader kommen vom Thüringer HC und dem HC Leipzig. Ist diese Blockbildung eine positive Sache für das Team?

Jensen: Das ist ein Vorteil. Die Spielerinnen trainieren jeden Tag zu Hause miteinander. Je mehr man die Abläufe mit den anderen trainieren und abstimmen kann, desto besser ist es. Es ist definitiv kein Nachteil, Leute zu haben, die täglich zusammen trainieren. Man kennt die Bewegungsmuster der anderen auf dem Spielfeld.

SPORT1: Kommen wir zu den Gruppengegnern: Wer ist am stärksten einzuschätzen und wen muss man schlagen, wenn man weiterkommen will?

Jensen: Es ist eine sehr ausgeglichene Gruppe. Zwischen Deutschland, Tschechien, Rumänien und Ungarn kommt es auf die Tagesform an. Ich fände es überraschend, wenn eine Mannschaft ohne Minuspunkte durch die Gruppe gehen würde. Und aus Lostopf fünf haben wir mit Tunesien den stärksten Gegner bekommen. Das ist ein sehr unangenehmer Gegner mit guten Individualistinnen. Gegen sie muss man hellwach sein. Dann gehe ich davon aus, dass man gegen Australien gewinnen muss. Es ist zu erwarten, dass Australien Probleme haben wird mitzuhalten, weil sie nur jedes zweite Jahr bei den Endrunden aufschlagen.

SPORT1: Gibt es aus Ihrer Sicht einen Topfavoriten auf den WM-Titel?

Jensen: Das sind die Norwegerinnen und Montenegro. Die haben bei Olympia und der EM beide Finals untereinander ausgespielt. Dahinter kommt Frankreich. Auch Brasilien wird spannend. Sie wissen, dass sie 2016 bei Olympia Heimvorteil haben werden. Frankreichs Mannschaft hat einen neuen Trainer. Mal sehen, welchen Einfluss das hat. Ich finde auch, dass Dänemark eine spannende junge Mannschaft hat, die gut gespielt hat.

SPORT1: Ist die Übertragung auf SPORT1 zusätzlicher Druck für die Spielerinnen, oder ist es eher Ansporn, weil man die Chance hat, sich ins Rampenlicht zu spielen?

Jensen: Wenn es Druck ist, dann positiver Druck, den die Spielerinnen gerne haben. Denn man möchte zeigen, wofür man jeden Tag arbeitet und trainiert. Dass die Spiele übertragen werden ist für uns eine gute Sache. Wir werden alles dafür tun, um zu zeigen, dass Frauen-Handball ein Sport ist, bei dem es zur Sache geht. Es wird mit hoher Dynamik gearbeitet.

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