Christian Zeitz spielt seit 2003 beim THW Kiel © imago

Im Final Four trifft THW-Urgestein Christian Zeitz auf seinen neuen Klub. Angst vor Gefühlsduselei muss man deshalb nicht haben.

Vom Final Four berichtet Julian Meißner

München/Köln ? Tränen sind nicht zu erwarten. Eine emotionale Rede ist auch eher unwahrscheinlich. Realistischer ist, dass Christian Zeitz nach dem Abpfiff kurz die Stirn runzelt und dann stumm in der Kabine verschwindet.

Wenn der langjährige Kieler am Wochenende beim Final Four der Champions League in Köln seine Abschiedsvorstellung für den THW gibt, verliert der deutsche Handball einen Spieler, der nur selten seine Gefühle zeigt.

Dabei gäbe es allen Grund für etwas Herzschmerz. Nach elf Jahren beim Vorzeigeklub wechselt der gebürtige Heidelberger, der beim TSV Östringen groß wurde, im Sommer nach Ungarn zu MKB Veszprem ? dem Gegner des THW im Halbfinale am Samstag (Sa., ab 15 Uhr im LIVE-TICKER).

Einzigartige Spielweise

"Mit meinem neuen Verein beschäftige ich mich erst, wenn die Vorbereitung losgeht", sagt Zeitz gewohnt nüchtern. Man glaubt es ihm aufs Wort. Einen Hang zur Sentimentalität kann man ihm wahrlich nicht nachsagen. "Solange ich in Kiel bin, werde ich alles für diesen Verein machen", so Zeitz: "Ich habe noch einiges mit dem THW vor."

Der vierte Titel in der Königsklasse soll es natürlich werden für seinen Verein und Zeitz selbst, dem die THW-Fans wohl noch nachtrauern werden (DATENCENTER: Die Champions League).

In seiner Spielweise ist er schließlich nicht weniger als einzigartig. Vor allem gegnerische Torhüter wissen ein Lied davon zu singen, wie es ist, wenn Zeitz' gefürchtete Würfe mit der Gewalt eines Hammers im Tor - oder am Körper - einschlagen.

"Als Gegner unberechenbar"

"Er ist ein besonderer Spieler, an dem sich die Geister scheiden. Für seine Mannschaften ist er sehr wichtig, weil er immer alles gibt", charakterisierte Henning Fritz seinen langjährigen Mannschaftskollegen jüngst in den "Kieler Nachrichten".

Der Ex-Nationalkeeper erklärt: "Als Gegner war er für mich immer unberechenbar. Die Scheu, die viele andere Schützen hatten, kannte er nicht. Für einen Torhüter ist das nicht immer angenehm, aber ich bin ein Befürworter seiner Spielweise."

Irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen cleveren Ballgewinnen, irrwitzigen Wurftäuschungen und dann wieder haarsträubenden Abschlüssen, die jeden Trainer zur Verzweiflung treiben, bewegte sich Zeitz all die Jahre (SHOP: Jetzt Handball-Artikel kaufen).

Zeitz eckt oft an

Seine Interpretation des Spiels hat ihm das Image des letzten Straßenhandballers eingebracht. Unangepasst, unbequem. Auch neben dem Spielfeld eckte der mittlerweile 33?Jährige mehr als einmal an.

Konflikte mit dem früheren Bundestrainer Heiner Brand gehören ebenso zu Zeitz' Karriere wie der Zwist mit dem THW um seinen Wechsel zu Veszprem im letzten Sommer, als der Spieler dem Klub zuvorkam und den Transfer kurzerhand eigenmächtig bekannt gab. Öffentliche Schlammschlacht als Folge inklusive.

Doch mit seiner unorthodoxen Art ist der Linkshänder über die Jahre zu einem Markenzeichen im rechten Rückraum des THW geworden, wo er zuletzt jedoch nur Backup für Liga-Torschützenkönig Marko Vujin war und in der kommenden Spielzeit durch Nationalspieler Steffen Weinhold von der SG Flensburg ersetzt wird.

Seine eigene Karriere im DHB-Team hatte Zeitz bereits nach Olympia 2008 in Peking beendet, sämtliche Comeback-Bestrebungen wies er stur von sich.

Gislason lobt Zeitz

In einem sind sich alle Weggefährten einig. Zeitz hat, wenngleich er nicht der Prototyp des Teamplayers ist, immer alles für den Erfolg seiner Mannschaft getan. THW-Trainer Alfred Gislason betonte, Zeitz habe auch nach dem Theater um seinen Wechsel weiter vorbildlich gearbeitet.

Doch auch wenn er in Kiel ein Publikumsliebling ist, bundesweit scheiden sich die Geister angesichts der oft unterkühlten Art des heutigen Energiepakets, das in jungen Jahren lange mit Gewichtsproblemen zu kämpfen hatte.

Erst später als andere lernte er, was es bedeutet, Profi zu sein. Interviews gibt Zeitz nach wie vor selten.

"Das ist der unglaublichste Titel"

Doch dass unter der harten Schale ein weicher Kern liegt, stellte der Mann mit den stets akkurat aufgestellten Haaren und dem meist versteinerten Gesichtsausdruck nach dem dramatischen Finale um die deutsche Meisterschaft am vergangenen Wochenende unter Beweis.

"Das ist der unglaublichste Titel, den ich je gewonnen habe", sagte er ungewohnt euphorisiert. Er rannte und hüpfte nach dem entscheidenden Kantersieg gegen die Füchse Berlin über das Spielfeld der Sparkassen-Arena, als hätte er soeben seine erste Meisterschaft geholt und nicht bereits die neunte.

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Und wer weiß: Vielleicht wird es am Wochenende in Köln ja doch zum Abschied noch einmal einen ähnlichen Gefühlsausbruch geben.

Man kann Christian Zeitz schließlich nicht nachsagen, er sei berechenbar.

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