Der Schwede Stefan Lövgren spielte von 1999 bis 2009 beim THW Kiel © getty

Stefan Lövgren weiß, wie man die Königsklasse gewinnt. Bei SPORT1 macht er den Teamcheck - und warnt seinen Ex-Klub.

Von Annette Bachert

München - Der letzte große Titel in dieser Saison wird vergeben, das Final Four der Champions League in Köln steht vor der Tür.

"Es ist das Großereignis für Vereinsmannschaften und alle Handballer in ganz Europa schlechthin", sagt Stefan Lövgren, offizieller Botschafter des Events, im Gespräch mit SPORT1: "Das sind die Besten der Besten."

Gemeint sind Atletico Madrid, AG Kopenhagen sowie die beiden deutschen Teams THW Kiel und Königsklassen-Debütant Füchse Berlin, die das erste Halbfinale (Sa., 15 Uhr LIVESCORES) bestreiten.

In der Favoritenrolle sieht der ehemalige THW-Kapitän Lövgren seinen Ex-Verein, für unbesiegbar hält er die Kieler allerdings nicht: "Da muss man ganz vorsichtig sein mit solchen Aussagen. Das ist ein gefährlicher Weg."

Und weiter: "Es geht um zwei Spiele in zwei Tagen, da ist alles machbar. Die Mannschaft, die wirklich die absolute Top-Leistung zwei Tage hintereinander abliefern wird, wird gewinnen."

Ein entscheidendes Kriterium werden für den 41-jährigen Schweden die Torhüter sein: "Man kann ganz klar sagen, dass noch kein Finale, auf Vereins- oder Nationalmannschaftsebene gewonnen wurde, ohne eine starke Torhüter-Leistung. Und so wird es auch in diesen Spielen sein."

Gemeinsam mit Lövgren, dem Weltmeister von 1999 und Kieler Ehrenspielführer, unternimmt SPORT1 den Teamcheck.

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THW KIEL

Erfolge: Zweimaliger Champions-League-Sieger, dreimaliger EHF-Pokalsieger, 17-maliger Deutscher Meister, achtmaliger Deutscher Pokalsieger

Trainer: Alfred Gislason

Schlüsselspieler: Filip Jicha, Kim Andersson, Thierry Omeyer, Daniel Narcisse

Team: Die Star-Truppe von Alfred Gislason verfügt über unglaubliche Qualität. Nahezu jede Position ist mit zwei Weltklasse-Spielern besetzt. Mit dem Selbstvertrauen der lupenreinen Liga-Saison sowie dem Pokalsieg im Rücken werden die Kieler nur äußerst schwer zu schlagen sein. Nach dem verpassten Final Four in der vergangenen Spielzeit ist der Wille, nach 2007 und 2010 zum dritten Mal den Titel zu holen, in diesem Jahr noch größer. Für Jicha ist der Sieg der größte Traum der Mannschaft, und "um den zu erfüllen, werden wir alles geben". Mit dem Tschechen, Narcisse, Andersson und Christian Zeitz sind allerdings nahezu alle Rückraum-Akteure am Ende einer Kräfte zehrenden Saison leicht angeschlagen.

Das sagt Stefan Lövgren: "Ich denke, das ist eine Mannschaft und eine Saison, von der wir noch jahrelang in den Geschichtsbüchern lesen können. Ihre Stärken liegen überall. Sie haben eine Mannschaft, in der sich kein Akteur einspielen muss. Und das hat schon eine große Bedeutung. Wenn man so ein Selbstvertrauen aufbauen konnte, wie die Kieler das gemacht haben, ist das natürlich schön. Und so wie sie diese Saison gespielt haben, müssen sie mit der Favoritenrolle leben."

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FÜCHSE BERLIN

Erfolge: Erste Champions-League-Teilnahme in der fünften Toyota-HBL-Saison

Trainer: Dagur Sigurdsson

Schlüsselspieler: Silvio Heinevetter, Sven-Sören Christophersen, Iker Romero, Alexander Petersson

Team: In ihrer ersten Saison in der Königsklasse verblüfften die Füchse ein ums andere Mal. Vor allem aber die unglaubliche Aufholjagd im Viertelfinale gegen Ademar Leon (Hinspiel 23:34, Rückspiel 29:18) vermittelt den Eindruck, dass nun alles möglich ist. Mit Shootern wie Christophersen und Petersson sowie ihren starken Spielmachern Bartlomiej Jaszka und Iker Romero haben die Füchse einen variablen Rückraum, der jede Deckung knacken kann. Im Tor kann Heinevetter Spiele beinahe alleine entscheiden, seine Form wird entscheidend sein. Manager Bob Hanning setzt auch auf Romero und ein wenig Ironie: "Iker ist der einzige Spieler, der alle Final-Four-Turniere gespielt hat. Und er ist der einzige Spieler, der vergangenes Jahr das Finale bestritt. Das heißt, wir haben einen riesigen Erfahrungsvorteil. Am besten wäre, wir würden nur mit Romeros antreten."

Das sagt Stefan Lövgren: "Ihre Stärke ist meiner Meinung nach, dass sie ein mannschaftsdienliches Spiel entwickelt haben. Egal, ob sie zwei Tore vor oder drei zurück liegen, sie haben diesen Glauben an sich selbst, an die Methoden und die Taktik, die Dagur dort eingeführt hat. Die zweite Reihe fehlt vielleicht im Vergleich zu den anderen Mannschaften. Und es fehlen vielleicht auch diese herausragenden Einzelspieler mit dieser Qualität, die andere haben, wie zum Beispiel ein Jicha oder ein Mikkel Hansen. Aber so wie sie in dieser Saison gespielt haben, mit dieser Konstanz, und auch wie sie das Spiel gegen Leon gedreht haben, sind sie mehr als ein Underdog."

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AG KOPENHAGEN

Erfolge: Dänischer Meister 2011, Dänischer Pokalsieger 2011, 2012

Trainer: Magnus Andersson

Schlüsselspieler: Mikkel Hansen, Olafur Stefansson, Kaspar Hvidt

Team: Mit drei Akteuren unter den erfolgreichsten acht Torschützen in ihrer ersten Champions-League-Saison beweist Kopenhagen, wie ausgeglichen und stark der Kader ist. Die anderen drei Final-Four-Teilnehmer haben im Vergleich je nur einen Schützen in den Top Ten. Mit Hansen und Stefansson stellen die Dänen einen Weltklasse-Rückraum, der auch die Toft-Hansen-Brüder Rene und Henrik am Kreis gut in Szene setzen kann. Dank einer starken Abwehr geht bei AG viel über Konter und die Außen Gudjon Valur Sigurdsson und Niclas Ekberg. Nach Köln reisen die Kopenhagener allerdings ohne Keeper Steinar Ege und Abwehrspezialist Joachim Boldsen.

Das sagt Stefan Lövgren: "Sie haben herausragende Torhüter auf höchster Qualität, auch wenn Steinar Ege jetzt verletzt ist. Sie haben Einzelkönner wie Hansen, erfahrene Strategen und Abwehrspezialisten wie Lars Jörgensen. Das ist eine gute Mischung. Und sie haben den Glauben sowie ein gut entwickeltes Spielsystem."

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ATLETICO MADRID

Erfolge: Dreimaliger Champions-League-Sieger, 16-maliger spanischer Meister, 13-maliger spanischer Pokalsieger

Trainer: Talant Duschebajew

Schlüsselspieler: Arpad Sterbik, Kiril Lazarov, Julen Aguinagalde

Team: Die Stärke der Spanier ist neben ihrem kraft- und kampfbetonten Spiel die überragende Defensive und der Gegenstoß. Sie spielen eine offensive und doch sehr kompakte Deckung mit Kraftprotz Didier Dinart in der Mitte, die nur schwer zu knacken ist. Offensiv läuft viel über Einzelaktionen Lazarovs, Monster-Kreisläufer Aguinagalde und Wirbelwind Luc Abalo, weniger über taktische Finessen. In der spanischen Meisterschaft liegt Madrid mit Barcelona vor dem letzten Spieltag gleichauf, den Pokal sicherte sich das Duschebajew-Team allerdings souverän im Finale gegen den Erzrivalen. Auch ohne die Verletzten Roberto Parrondo und Mariusz Jurkiewicz bringt Duschebajew ein Weltklasse-Team in Köln aufs Feld.

Das sagt Stefan Lövgren: "Madrid hat über Jahre mit Talant Duschebajew bewiesen, dass sie taktisch sehr klug sind. Sie spielen ein bisschen anders als die Deutschen oder die restlichen europäischen Mannschaften. Sie haben in dieser Saison gezeigt, trotz Problemen mit dem Umzug und den Finanzen, dass sie eine gefestigte Mannschaft haben. Da hat man jedes Jahr neue Spieler, die man gut integrieren kann und einen Trainer, der schon über Jahre bewiesen hat, etwas Gutes auf die Beine stellen zu können. Das stärkste Torhüter-Duo sehe ich ganz klar bei den Spaniern."

SPORT1-Prognose:

Mit Kiel, Berlin, Kopenhagen und Madrid sind vier absolute Hochkaräter am Start. Im ersten Halbfinale hat der THW aufgrund seiner überragenden Saison und dem breiteren Kader wohl die besseren Aussichten. In der zweiten Partie treffen zwei nahezu gleichstarke Teams aufeinander: Atletico mit einer überragenden Defensive, AG mit einem hochkarätigen und beweglichen Angriff. Mit ihrer jahrelangen Erfahrung gegenüber dem Champions-League-Neuling dürften die Spanier aber die Nase vorn haben. In einem möglichen Finale hat der THW, egal gegen wen es geht, die Favoritenrolle inne. Nur ein gigantischer Auftrittt der Konkurrenz kann das dritte Triple der Kieler Vereinsgeschichte verhindern.

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