SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar zollt nicht nur Meister Kiel Respekt. Er huldigt Gensheimer und nimmt die Füchse ins Visier.

Hallo Handball-Fans,

Was für ein unfassbares Finale! Die Titel-Entscheidung in der DKB HBL hat wohl nicht nur mich begeistert und fast sprachlos gemacht.

In Verbindung mit der geilen Konferenz auf SPORT1 hätten der THW Kiel und die Rhein-Neckar Löwen für unseren Sport keine bessere Werbung machen können.

Beiden Mannschaften haben sich nach einer tollen Saison meinen absoluten Respekt verdient. (DATENCENTER: Die DKB HBL).

Die Enttäuschung bei den Löwen ist verständlich, aber im Nachhinein auf den Modus zu schimpfen, wie es Trainer Gudmundur Gudmundsson gemacht hat (News), ist nicht der ideale Weg.

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Allen Beteiligten war klar, dass es ums Torverhältnis geht. Wäre es andersrum gelaufen, hätten sie bestimmt nicht gemeckert. Das Nachkarten ist Quatsch.

Generell sollte man sich aber trotzdem Gedanken machen, ob solche extremen Ergebnisse wie zuletzt mit 20 Toren Unterschied erstrebenswert sind und dieser Modus Sinn macht.

Ein Playoff-System wäre vor diesem Hintergrund vielleicht fairer, aber in der jetzigen Situation war allen klar, wie es läuft. Dann darf sich auch keiner beschweren.

Bei der Bewertung dieser unglaublichen Titeljagd spielen die Gegner am letzten Spieltag eine wichtige Rolle. Der VfL Gummersbach hat gekämpft bis zum Umfallen, davor ziehe ich den Hut.

Die Füchse Berlin haben dagegen enttäuscht. Das ist ganz klar. Bob Hanning hatte vor dem Spiel betont, dass jeder, der laufen kann, auch spielt. Dann fehlten Bartlomiej Jaszka und Konstantin Igropulo plötzlich in Kiel.

Sie waren sicher verletzt, aber bei Berlin bleibt ein negativer Beigeschmack. Das soll die Leistung der Kieler keineswegs schmälern.

Der THW hat im wichtigsten Moment das optimale Spiel hingelegt. Auch wenn ich es eigentlich nicht mehr hören kann, aber sie haben das sogenannte Sieger-Gen wieder bestätigt.

Es ist in jedem Fall der überraschendste Titel, den Kiel jemals geholt hat.

Letztlich hatten es die Löwen selbst in der Hand, haben aber zu viele Fehler gemacht.

Jetzt mit Blick auf das Aus nach großen Vorsprung in der Champions League von einem Trauma zu sprechen, wäre trotzdem falsch.

Nach dem Spiel des Jahrzehnts zu Hause haben sie in Barcelona gegen einen richtig starken Gegner nicht versagt.

Vergleichbar mit dem Fernduell um den Titel ist das ohnehin nicht. Das war zweifellos die bitterste Möglichkeit einen Titel zu verlieren.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass du in Deutschland als Zweiter der erste Verlierer bist. Sie haben dennoch eine fantastische Saison gespielt und den schönsten Handball gezeigt.

Die Löwen sollten stolz darauf sein - das gilt nicht zuletzt für Uwe Gensheimer. Für ihn tut es mir richtig leid, weil er auch am letzten Spieltag der Anführer des Löwenrudels war.

Für mich ist er der beste Linksaußen auf dem Planeten und ist auch nach seiner Verlängerung in Mannheim zu einer Leitfigur herangewachsen. Das ist sehr bemerkenswert.

Die Entwicklung der Mannschaft bestätigt ihn. Sie hätten es jetzt schon verdient gehabt, aber Uwe und die Löwen werden in Zukunft ihre Titel gewinnen.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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