SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar freut sich auf einen Titelkampf mit offenem Visier und schwärmt von Kiels Filip Jicha.

Hallo Handball-Fans,

Filip Jicha vom THW Kiel ist für mich der Held des vergangenen Spieltags.

Wenn man weiß, was er für eine Verletzung hatte und man sich den Fuß Anfang der Woche angeschaut hat, grenzt es schon an ein Wunder, dass der Junge gegen Flensburg gespielt hat (DATENCENTER: Die DKB HBL).

Das zeigt natürlich die Wichtigkeit des Spiels und was für ein Kämpfer und Mensch der Tscheche ist. Sich da durchzubeißen und dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken, alle Achtung. Er humpelte ja nicht durch die Gegend, sondern hat echte Akzente gesetzt.

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Umso schlimmer und fataler für den THW ist die Verletzung von Aron Palmarsson nach kurzer Zeit. Damit ist dem THW der nächste wichtige Spieler weggebrochen.

Wie sie das weggesteckt haben, ist schon beachtlich. Denn es ist kein Fallobst, was in die Sparkassen-Arena gekommen ist, sondern die SG Flensburg-Handewitt.

Da kann man vor der Leistung der Kieler nur den Hut ziehen, wenngleich die Flensburger im Angriff auch nicht ihren besten Tag hatten.

Jetzt heißt es alles oder nichts. Es geht um die Meisterschaft und sonst gar nichts. In den letzten beiden Spielen wird sich jeder Kieler, der noch einigermaßen geradeaus laufen kann, durchbeißen und versuchen, das Ruder herumzureißen.

Nichts anderes ist man in Kiel gewohnt. Die Jungs haben die Mentalität, über sich hinauszuwachsen, das haben sie gegen Flensburg gezeigt.

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Was die Rhein-Neckar Löwen gegen Eisenach gemacht haben, ist natürlich ein Meilenstein.

Ich kann mich erinnern, wie groß der Aufschrei war, als Kiel beim TBV Lemgo so hoch gewonnen hat. Worte wie "Wettbewerbsverzerrung" sind da gefallen. Jetzt bei Eisenach hielt sich das in Grenzen.

Aber der hohe Sieg der Löwen ist im Prinzip genauso zu bewerten wie der der Kieler.

Es ist mit Lemgo zu vergleichen, denn Eisenach ist nur in seiner eigenen Halle, der Werner-Aßmann-Halle stark. Nicht umsonst ist sie die sogenannte "Werner-Aßmann-Hölle".

Dort entwickelt Eisenach ungeahnte Kräfte. Jetzt mussten sie nach Coburg ausweichen, was eigentlich einem Heimspiel der Rhein-Neckar Löwen gleichkam. Das hatte nicht mehr viel mit Auswärtsspiel zu tun.

Natürlich hatte Eisenach Verletzungsprobleme, aber da hat man auch wieder gesehen, wie wichtig die Halle ist. In Coburg ist Eisenach nur die Hälfte wert.

Da kann man nur hoffen, dass die Thüringer Landesregierung endlich das Projekt ThSV Eisenach unterstützt und eine bundesligataugliche Halle in Eisenach mitfinanziert, denn das ist für das Überleben dieses Vereins natürlich wichtig.

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Eine Vorentscheidung im Titelkampf war der Löwen-Sieg jedoch nicht. Die acht Tore sind kein großartiges Polster.

Auch beim Restprogramm sehe ich keine großartigen Vorteile für irgendeine Mannschaft.

Die Kieler spielen noch in Nettelstedt und zu Hause gegen die Füchse, die Löwen zu Hause gegen Melsungen und in Gummersbach.

Wenn man ins Detail geht, sieht man, dass es für Melsungen auch noch um was geht. Die wollen noch einen Europapokalplatz erringen, was für die Geschichte der MT Melsungen großartig wäre. Die werden sich also nicht kampflos abschlachten lassen.

Gummersbach ebenfalls nicht, wenn es sich am letzten Spieltag vom eigenen Publikum verabschiedet. Da kann ich nicht sagen: "Das war es für die Löwen. Stellt schon mal die Getränke kalt!"

Die Nettelstedter haben einiges gutzumachen. Die haben zu Hause eine derbe Klatsche gegen Emsdetten bekommen. Das Publikum wird nach der Leistung unzufrieden sein. Da dürfen sich die Nettelstedter auch nichts mehr leisten, müssen also Gas geben.

Die Füchse am letzten Spieltag zu Hause sind auch ein unangenehmer Gegner. Die spekulieren ja in Lauerstellung hinter dem HSV noch auf Platz vier.

Sicher ist: Jetzt wird nicht mehr taktiert. Jetzt geht es einfach nur noch drauf.

Ich sehe keinen im Vorteil. Beide haben dieselbe Ausgangsposition. Die Löwen schwimmen nach dem Sieg gegen Eisenach sicher auf einer Euphoriewelle, die Kieler sitzen ihnen im Nacken.

Es wird das spannendste Rennen um die Bundesliga-Meisterschaft seit langer Zeit.

Ich bin sehr froh darüber und selber gespannt, wie das ausgeht.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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