In seiner Kolumne erklärt Stefan Kretzschmar, warum es für Gummersbach eng wird und Wetzlar der Durchlauferhitzer der Liga ist.

Hallo Handball-Fans,

was für eine faustdicke Überraschung. Da verlieren die Füchse Berlin beim eigentlich aussichtslosen Außenseiter in Eisenach.

Was zunächst wie eine Sensation anmutet, hat zwei ganz rationale Gründe. Erstens: Die Stimmung in der Werner-Aßmann-Halle. Wenn du dort die Platte betrittst, geht auf den Rängen die Post ab.

Zweitens, und viel ausschlaggebender: Die Spitzenmannschaften kommen mit den letzten Kraftreserven daher.

Nach unzähligen Spielen 2013 schleppen sie sich dem Jahresende entgegen.

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In Eisenach darf gejubelt werden. Gratuliere! Trotzdem: Die Thüringer werden bis zum letzten Spieltag um den Ligaverbleib kämpfen.

Wo wir auch schon beim Thema wären: dem verschärften Abstiegskampf in der DKB Handball-Bundesliga.

Da gibt es einen Aufsteiger, der eigentlich kein Aufsteiger ist. Der Bergische HC kommt hoch, schlägt den HSV und hat schon 15 Punkte auf seiner Seite. Das gab es in den vergangenen Jahren nie.

Mannschaften wie der TV Neuhausen steigen auf und kratzen mit ihrem Etat geradeso an der Millionen-Grenze. Sogar Teams mit zwanzig Minuspunkten steigen in die HBL auf.

Sie kaufen sich dann hektisch eine Mannschaft zusammen. Und glaubt mir, was es im April und Mai noch an Spielern auf dem Transfermarkt gibt, ist schon sehr abenteuerlich.

Auch Eisenachs Kader ist überschaubar. Der von Emsdetten ohnehin, da leg ich mich fest: Für die wird's am Ende nicht reichen.

Es gibt noch Andere, die sich wehren. Der VfL Gummersbach zum Beispiel. Wer denkt, dass dieser Klub einzig wegen seiner Tradition unabsteigbar ist, irrt gewaltig.

Dass ihnen mit Mark Bult und Christoph Schindler die wichtigsten Rückraumspieler verletzungsbedingt wegbrechen, haben sie nie richtig kompensiert.

Für einen weiteren etablierten Klub wird?s richtig eng: den HBW Balingen-Weilstetten. In diesem gallischen Dorf zu spielen, hat immer weh getan.

Die haben mit ihrer offensiven Abwehr stets am Rande der Legalität verteidigt. Aber sie haben ihre Mentalität ein Stück weit aufgegeben, sich technisch versiertere Leute geholt.

Vor der Saison hießt es, dass sie die stärkste Mannschaft aller Zeiten hätten. Vorsicht! Wenn sie nicht aufpassen, spielt diese bald eine Etage tiefer.

Davon ist die HSG Wetzlar weit entfernt. Die Hessen spielten früher permanent gegen den Abstieg. Doch sie haben sich als Ausbildungsverein etabliert - geführt von einem sehr guten Trainer Kai Wandscheider.

Wetzlar ist der Durchlauferhitzer des deutschen Handballs. Und dass die Jungen auf Temperatur kommen, ist der Job von Ivano Balic.

Der Kroate ist ein genialer Stratege, ein Spielmacher, der Situationen voraussieht und Pässe aus dem Handgelenk schüttelt, die kein anderer drauf hat.

Seine viel beachtete Verpflichtung hat sich voll und ganz gelohnt: Wetzlar muss sich nicht herumschlagen in diesem Dickicht am Tabellenende.

Jetzt gilt es für alle, neue Kräfte zu bündeln. Ob Spitzenteams oder Abstiegskandidaten - gut, dass sie nach Weihnachten alle ein wenig durchschnaufen können.

Ich zumindest wünsche allen ein frohes Fest!

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 40, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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