Nach mehr als 23 Jahren verliert der THW Kiel wieder ein Pokal-Heimspiel. Die siegreichen Rhein-Neckar Löwen träumen vom Titel.

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Von Jörg Bullinger

München/Kiel - Vor über 23 Jahren war es zum letzen Mal soweit: Am 21. November 1990 verlor der THW sein Pokal-Heimspiel gegen das damalige Spiztenteam TuSEM Essen mit 15:25.

Genau 8421 Tagen später setzte es erneut eine Niederlage im Pokal in der heimischen Arena. Trainer Alfred Gislason redete nach dem historischen Ausscheiden nicht um den heißen Brei herum.

"Glückwunsch an die Rhein-Neckar Löwen zum Sieg. Das war aus meiner Sicht verdient", zeigte sich der enttäuschte Kieler Coach nach dem 30:32 am SPORT1-Mikrofon als fairer Verlierer.

"Sie haben besser gespielt als wir. Das gilt für Abwehr und Angriff."

Zweites Final-Four ohne Kiel in Gislason-Ära

Seit seinem Amtsantritt 2008 ist Rekord-Pokalsieger zum zweiten Mal nicht für das Final-Four-Turnier in Hamburg qualifiziert. 2010 scheiterte seine Mannschaft im Viertelfinale am VfL Gummersbach.

"Schade, dass wir nicht dabei sind", sagte Gislason am Mittwochabend und versucht gleich das Positive hervorzuheben. "Es ist ein großartiges Turnier, aber wir werden für den Endspurt der Liga mehr trainieren können." (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Gensheimer nach Coup erstaunt

Der Pokal-Kracher gegen die Mannheimer hat wieder einmal gezeigt, dass dem Double-Sieger des vergangenen Jahres in dieser Saison in großen Spielen gelegentlich die nötige Stabilität fehlt.

"Das passiert nicht oft, dass man beim THW gewinnt. Ich habe vorher im Hallenheft gelesen, dass es 23 Jahre her ist, dass der THW zuhause ein Pokalspiel verloren hat. Das sagt schon einiges ", zeigte sich auch Löwen-Kapitän Gensheimer nach dem Spiel ein wenig erstaunt über den Coup.

Groetzki euphorisch - Roggisch will Titel

Ähnlich wie der Linksaußen war auch sein Pendant auf der rechten Seite um Fassung bemüht. "Das ist eine Sensation. Unglaublich, in Kiel zu gewinnen", jubelte der 24-jährige Patrick Groetzki.

Abwehrkante Oliver Roggisch träumt nach dem EHF-Pokalsieg in der vergangenen Saison schon vom ersten nationalen Titel. "Das ist jetzt unser Riesenziel - keine Frage", sagte der Ex-Weltmeister. "Der Erfolg im Europapokal hat uns reichlich Selbstvertrauen gegeben."

Omeyer-Abgang wiegt schwer

Ein Titel, den auch gerne die THW-Fans wieder gefeiert hätten. Aber der Aderlass war bei den Kielern vor der Saison groß. Mit Daniel Narcisse, Momir Ilic, Marcus Alm und vor allem Thierry Omeyer verließen vier Gallionsfiguren den Verein.

Die Neuerwerbungen konnten diese Verluste noch nicht vergessen machen. "Leute wie Jallouz helfen uns zurzeit eben noch nicht", warb Gislason um Geduld.

Der Abgang des französischen Nationalkeepers Omeyer wiegt wohl dennoch am schwersten.

Wie kein anderer Spieler konnte und kann sich Omeyer vor allem in wichtigen Spielen pushen und seine Mitspieler mitreißen.

An guten Tagen entnervt er gegnerische Mannschaften im Alleingang und zeigte vor allem in der Schlussphase bei engen Spielen überragende Paraden.

Schweres Erbe für Sjöstrand und Palicka

Mit den beiden schwedischen Nationalkeepern Johan Sjöstrand und Andreas Palicka hat Kiel zwar zwei gute Männer zwischen den Pfosten, aber die Lücke, die Omeyer hinterlassen hat, können die beiden auch im Gespann nicht schließen.

Jahrelang konnte man sich darauf verlassen, den besten Torhüter der DKB-HBL zwischen den Pfosten zu haben. Diesen Nimbus ist der THW seit dieser Saison los.

Kiel fehlt Matchwinner im Kasten

"Die beiden aktuellen Torhüter können derzeit ihre Mannschaft nicht zurück ins Spiel bringen", erklärte Weltmeister Henning Fritz im Vorfeld der Partie gegen die Löwen im SPORT1-Interview.

Genau daran scheiterte der THW am Mittwochabend.

"Insgesamt war es so, dass wir in der Abwehr nicht richtig in Tritt kamen. Wir waren immer einen Schritt zu spät. Das hat unseren Torhütern sicher nicht geholfen", analysierte Trainer Gislason nach der Niederlage.

Fritz kritisiert Gislason

Die anhaltende Torhüter-Diskussion kreidet Fritz auch dem Isländer an. "Das ständige Wechseln durch nicht erbrachte Leistung fördert die Selbstsicherheit der Torhüter nicht", kritisiert er den Coach.

Ein Thema, über das sich Gislason bis zum Sommer nie den Kopf zerbrechen musste, denn Omeyer war gesetzt.

Löst Landin das Torwart-Problem?

In der heimischen Arena hat vielleicht schon der potentielle Nachfolger von Omeyer vorgespielt. Voller Selbstvertrauen glänzte im Pokal Löwen-Schlussmann Niklas Landin.

Der 24-jährige Däne wäre möglicherweise die Lösung für die Kieler "Problemposition". "Sollten Sjölstrand und Palicka es nicht schaffen, wird der THW schnell zu diesen Mittel greifen", glaubt Fritz. "Da ist die Versuchung nach Leuten wie Niklas Landin natürlich groß."

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