Velimir Petkovic übernahm 2004 das Traineramt in Göppingen © getty

Göppingen trennt sich nach neun Jahren vom einstigen Erfolgstrainer Petkovic. Das hat weitreichende Folgen für einen WM-Helden.

Von Patrick Mayer

München - Der Drillmeister muss gehen, das Fanvolk atmet auf: Am Dienstagabend beurlaubte Frisch Auf Göppingen seinen Trainer Velimir Petkovic.

Es ist das Ende einer monatelangen Posse um den einstigen Erfolgstrainer und ein personeller Paukenschlag in der DKB-Handball-Bundesliga.

Mehr als neun Jahre lang trainierte der gebürtige Jugoslawe mit deutschem Pass die schwäbischen Handballer. Jetzt ist alles aus! Göppingen steckt in akuter Abstiegsgefahr. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

"Es ist eine sehr schwere Entscheidung, bei uns geht eine Ära zu Ende. Doch angesichts 11:21 Punkten sahen wir uns zum Handeln gezwungen", sagte Geschäftsführer Gerd Hofele auf Nachfrage von SPORT1:

"Wir haben sechs von acht Heimspielen nicht gewonnen. Wir brauchen neue Impulse."

Knezevic als Übergangslösung

Nachfolger wird interimsweise Aleksandar Knezevic, der bisher die Frauen-Bundesligamannschaft betreute und als Lehrling Petkovics gilt.

Der 44 Jahre alte ehemalige Bundesligaspieler war nach Ende seiner Aktivenlaufbahn zwischen 2007 und 2009 Asisstenz-Coach seines nun beurlaubten Mentors.

Petkovic-Nachfolger steht schon fest

Knezevic wird ab der kommenden Saison Sportlicher Leiter der Göppinger. Neuer Trainer wird ab dem 1. Juli 2014 der Schwede Magnus Andersson.

Hofele erklärte gegenüber SPORT1, dass es keine Alternative zu Knezevic als Interimstrainer gegeben habe: "Er telefoniert fast täglich mit Andersson, ist ganz nahe an der Mannschaft dran. Mit Mimi Kraus hat er früher in einer Mannschaft zusammen gespielt."

Dass Andersson nach der Saison auf Petkovic folgen würde, stand seit Wochen fest.

Doch damals gingen die Verantwortlichen des Traditionsvereins davon aus, dass "wir die gemeinsame Zeit erfolgreich beenden werden. Das haben wir nicht geschafft", meinte Hofele nun.

Anfängliche Erfolge bleiben aus

Frisch Auf reagierte mit der Entscheidung auf eine eineinhalb Jahre andauernde sportliche Talfahrt.

Seit seinem Amtsantritt 2004 hatte der 57 Jahre alte Petkovic Frisch Auf vom Abstiegskandidaten zum zweimaligen EHF-Cup-Sieger 2011 und 2012 geformt.

Doch danach ging es bergab. Verpasste Ziele, interne Querelen, harsche Kritik des Umfelds - die einst stürmische Liebe zwischen Petkovic und der mittlerweile verwöhnten Göppinger Fangemeinde wich Misstrauen und Abneigung.

Seit Monaten war über eine frühzeitige Trennung spekuliert worden, einzelne Fangruppen sollen laut Hofele Proteste beim kommenden Heimspiel gegen die HSG Wetzlar erwogen haben.

Kritik am Führungsstil

Petkovic stand nicht nur wegen verpasster Ziele, sondern auch wegen seines rigiden Führungsstils in der Kritik.

Er sei ein Trainer der alten jugoslawischen Schule, stehe während eines Trainings permanent mit der Trillerpfeife am Rand, hieß es aus dem Vereinsumfeld und, dass viele seiner längst überdrüssig gewesen seien.

"Ich bin ein Diktator, sagen die Leute. Aber wissen sie eigentlich, was das ist, ein Diktator?", fragte er einmal in einem Interview. Er wusste um sein Image, es scherte ihn kaum.

Posse um Petkovic-Zukunft

Trotz all der Kritik verdiente er sich stets den Ruf als penibler, akribischer und harter Arbeiter, der auf der Platte nichts dem Zufall überlässt und entsprechend detailliert Gegner analysiert.

Nun reichten diese Fähigkeiten aber nicht mehr aus. Göppingen beendete die vergangene Saison als Elfter. Viel zu wenig für den ambitionierten Bundesligisten.

Es entwickelte sich ein Schauspiel um das Traineramt, das beide Seiten beschädigte.

Der zuvor verlängerte Vertrag mit Petkovic wurde von 2015 auf 2014 verkürzt. Er beharrte darauf, dass es seine Entscheidung gewesen sei, der Verein bezog nie eindeutig Stellung.

Es war offensichtlich: Trainer und Verantwortliche verstanden sich nicht mehr. Andersson wurde als Nachfolger für die kommende Saison verpflichtet. Ein Kompromiss.

Kraus gefordert

Nachdem das Team im Spätherbst auf den 13. Tabellenrang abstürzte, zog Frisch Auf jetzt die Reißleine. Es ist ein Entschluss, der die sportliche Zukunft eines Spielers beeinflussen dürfte: Michael "Mimi" Kraus.

Im Sommer hatte Petkovic den einstigen WM-Helden von 2007 nach Göppingen zurückgeholt.

"Wäre Petkovic Trainer, würde Mimi Kraus immer spielen", sagte er zu Ambitionen des 30 Jahre alten Spielmachers, ins DHB-Team von Martin Heuberger zurückzukehren.

Jetzt muss sich Kraus, der zuletzt in drei Spielen nur zwei Tore erzielte, ohne Petkovic beweisen. Göppingen lechzt nach einem neuen Anführer.

Nicht grundlos: Der Vorsprung auf die Abstiegsränge beträgt nach Niederlagen gegen Gummersbach und in Minden nur noch vier Punkte.

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