Martin Ziemer steht seit 2012 bei Hannover-Burgdorf im Tor © imago

Bei SPORT1 spricht Hannovers Keeper über Schwarz-Weiß-Denken der Fans, den Plan gegen den HSV und Folgen eines Kieler Angebots.

Von Patrick Mayer

München ? In Hannover nennen Sie ihn den Hexer.

Martin Ziemer ist Deutschlands Handball-Nationaltorwart Nummer drei. Seine Reflexe sind spektakulär, Körperverrenkungen der Marke bitte nicht nachmachen.

Nicht nur seiner herausragenden Torhüterleistung verdankt der TSV Hannover-Burgdorf vor dem Nord-Derby gegen den HSV Hamburg (ab 20 Uhr LIVE im TV auf SPORT1und im GRATIS-LIVESTREAM) den siebten Tabellenplatz in der DKB Handball-Bundesliga.

Nach Platz 6 in der Vorsaison etablieren sich die Recken als neue Kraft hinter den Topklubs. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)?

Vor dem Heimspiel gegen den Champions-League-Sieger spricht Ziemer mit SPORT1 über die verrückte Torhüter-Spezies, den perfekten Handball-Keeper sowie den Matchplan gegen Pascal "Pommes" Hens und dessen Hamburger.

SPORT1: Herr Ziemer, nach dem Abgang von Thierry Omeyer hat der THW Kiel ein Torwartproblem. Sie sind Deutschlands Nummer drei - und hatten nie Ambitionen?

Martin Ziemer (lacht): Stellen Sie sich vor, der THW klopft bei uns an. Unser Manager würde den Spieler persönlich dorthin fahren. Kiel ist das Maß aller Dinge, die beste Mannschaft Europas, das ist eine ganz eigene Kategorie. Ich habe nicht umsonst vor kurzem meinen Vertrag in Hannover verlängert.

SPORT1: Um mit dem Verein irgendwann in die Phalanx der großen Fünf vorzustoßen?

Ziemer: Das wäre eine große Motivation. Wir holen das Maximum aus unseren Möglichkeiten heraus, haben in der Vorsaison bereits am Optimum gespielt. Es gibt Spiele, nach denen wir in der Kabine sitzen und uns fragen, Mensch, jetzt haben wir heute sechs Tore aufholen müssen und echt schlecht gespielt, und es hat trotzdem gereicht. Aber es gibt Realitäten?

SPORT1: ? die da besagen?

Ziemer: Ein Freund von mir, Daniel Brack, der Sohn des Balinger Trainers Rolf Brack und früher selbst Bundesligaprofi, hat in seinem Studium nachgewiesen, dass es in der Handball-Bundesliga unweigerlich einen Zusammenhang zwischen Saisonetats und Abschlusstabellen gibt. Jetzt vergleichen Sie mal unseren Etat mit denen der großen Fünf. Da liegen Welten dazwischen.

SPORT1: Wie schafft man es trotzdem, in der stärksten Liga der Welt konstant im vorderen Mittelfeld zu stehen?

Ziemer: Wenn man weiterkommen möchte, muss man sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Es gibt andere Teams, die einen überholen wollen. Die haben auch ihre Ideen. Es genügt nicht, nach einem Sieg mit dem Ergebnis glücklich zu sein. Du musst in dich gehen und dich hinterfragen, ob du mit einzelnen Spielsituationen zufrieden warst, mit deinem Verhalten. Nur, wenn du so ehrlich zu dir bist, kannst du hinterher vor den Anderen stehen.

SPORT1: Und zur Not hilft der letzte Mann zwischen den Pfosten?

Ziemer: Du bist die letzte Stellschraube im Team, kannst alles retten, aber auch alles kaputt machen. Bei den Fans gibt es nur die eine Wahrheit. Entweder du parierst viele Bälle und das bestensfalls spektakulär, dann sagt jeder, Wahnsinn, was für ein Teufelskerl. Aber wehe, du bekommst keinen Ball zu fassen, dann heißt es, der Torwart hatte keine Lust.

SPORT1: Es heißt auch, dass Ihr Torhüter eine verrückte Spezies Handballer seid. Ihr springt ohne Hemmung ihn jeden Ball rein.

Ziemer: Das höre ich oft. Aber sind wir doch mal ehrlich: Im Fußball kloppen sie sich mit Stahlstollen gegen die Füße, Turmspringer springen aus zehn Metern ins Wasser. Sind die nicht auch verrückt? Wenn du etwas über Jahre machst, ist es deine Aufgabe, nichts Verrücktes mehr.

SPORT1: Und was zeichnet den perfekten Handball-Torwart aus?

Ziemer: Das kann man nicht pauschal sagen. Manche meinen, die Körpermaße entscheiden. Mattias Andersson aus Flensburg ist einer der kleinsten, aber vielleicht der beste Keeper der Liga. Es gibt Torhüter, die viel runtergehen und solche, die viel stehen bleiben. Es gibt exzentrische Keeper, aber auch Stoiker, die kaum eine Regung zeigen. Eines zählt: Eine Parade ist meist das Ergebnis einer sehr guten Abwehrarbeit.

SPORT1: Die brauchen Sie, wenn Hamburgs Rückraumshooter Pascal Hens und Domagoj Duvnjak über Ihnen hereinbrechen. Wie wehren Sie sich gegen solche Topspieler?

Ziemer: Man muss kreativ sein während eines Spiels. Es gibt für eine Abwehr immer einen Plan. Wie blocke ich einen Gegner, um ihm möglichst viele Angriffsvarianten zu nehmen. Wenn das nicht funktioniert, musst du als Torwart vom Plan abweichen und dich auf neue Situationen einstellen.

SPORT1: Und wie sieht der Plan gegen Hamburg aus?

Ziemer: Wir haben in dieser Saison gegen die Topteams noch nichts gerissen. Nicht nur die Abwehrarbeit oder der Angriff, einfach alle Elemente müssen passen. Wenn es uns gelingt, das Spiel bis kurz vor Schluss offen zu halten, haben wir eine realistische Chance.

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