Florian Kehrmann (r.) spielt seit 1999 für den TBV Lemgo in der DKB Handball-Bundesliga © getty

Florian Kehrmann spricht vor der Partie in Kiel über fehlendes Selbstvertrauen, die Verletztenmisere und Chancen gegen den THW.

Von Annette Bachert

München - Mit dem Sieg gegen Minden hat der TBV Lemgo die Negativserie von sieben Pleiten am Stück in der DKB Handball-Bundesliga beendet (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Dennoch liegen die Ostwestfalen nach zwölf Spielen nur einen Punkt vor der Abstiegszone. Für Routinier Florian Kehrmann, der seit 1999 bei den Ostwestfalen spielt, ist der Abstiegskampf eine ganz neue Erfahrung.

"Wir hatten schon andere Spielzeiten, wo die Erwartungshaltung groß war und wir sie nicht erfüllen konnten. Aber das wir sportlich so schlecht dastehen, habe ich noch nicht erlebt", sagt der Rechtsaußen bei SPORT1.

Vor dem Spiel gegen Triple-Sieger THW Kiel (17 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) spricht der Ex-Nationalspieler im SPORT1-Interview über die Querelen in der Führungsetage, das Lemgoer Verletzungspech und die Chancen gegen Kiel.

SPORT1: Herr Kehrmann, seit weit über zehn Jahren spielen Sie beim TBV. Kann man diese Saison als die bisher schwerste bezeichnen?

Florian Kehrmann: Ich glaube, dass ist die erste Saison, wo wir uns im Abstiegskampf befinden. Das habe ich vorher noch nicht kennengelernt. Wir hatten schon andere Spielzeiten, wo die Erwartungshaltung groß war und wir sie nicht erfüllen konnten. Aber dass wir sportlich so schlecht dastehen, habe ich noch nicht erlebt.

SPORT1: Was fehlt denn momentan, um dem Abstiegskampf zu entgehen?

Kehrmann: In den letzten zwei Monaten hat mit Sicherheit ein geregeltes Training gefehlt. Dadurch hat dann auch eine Selbstverständlichkeit im Spiel und eine Qualität im Training gefehlt. Wenn man viele Verletzte hat, dann kann man nicht vernünftig trainieren. Dann verliert man auf einmal Spiele und das Selbstbewusstsein. Das müssen wir uns wieder erarbeiten. Ich bin frohen Mutes, dass die Ergebnisse im Dezember wieder für uns sprechen werden.

SPORT1: Wie viel war der Sieg gegen Minden diesbezüglich wert, gerade für das Selbstvertrauen?

Kehrmann: Für uns war es wichtig nach der guten Leistung in Berlin und auch den beiden Heimspielen gegen Magdeburg und Burgdorf endlich mal wieder Punkte zu holen. Es hilft uns nichts, wenn man erzählt bekommt, ihr habt euch super gehalten, aber die Punkte fehlen. Das ist vielleicht ein, zwei Wochen relevant, aber am Ende stehen in der Tabelle wieder zwei Minuspunkte. Das haben wir am Sonntag geändert, das war für uns ein ganz wichtiges Spiel (STENOGRAMME: Der 13. Spieltag).

SPORT1: Nicht nur sportlich läuft es nicht so gut, auch im Verein herrscht eine Menge Unruhe. Wie sehr beschäftigt diese Problematik das Team?

Kehrmann: Gar nicht mehr. Es wurde viel darüber erzählt und wir als Mannschaft haben uns darauf geeinigt, das Thema nicht mehr anzusprechen. Wir konzentrieren uns jetzt auf das Sportliche, damit wir wieder angreifen können.

SPORT1: Sind jetzt wieder alle Spieler fit?

Kehrmann: Bis auf unseren Langzeitverletzten Patrick Johansson sind eigentlich wieder alle im Training. Wir konnten über eineinhalb Wochen vernünftig trainieren. Wenn wir das jetzt auch über mehrere Wochen machen können, dann werden wir in den Spielen zeigen, dass wir viel variabler und konstanter sind.

SPORT1: Es wurden einige Spiele nur mit zwei Toren verloren. Liegt das an dem jungen Team, dass in den entscheidenden Situationen vielleicht die Nerven flattern?

Kehrmann: Wir haben einen jungen Kader und ein, zwei Spieler, die aufgrund der Verletzungen jetzt schon Verantwortung übernehmen müssen. Und wenn man fast 60 Minuten durchspielen muss, dann fehlt am Ende das letzte Quäntchen Konzentration. Gegen Minden konnten wir in der zweiten Hälfte fast den kompletten Rückraum wechseln und das macht sich am Ende bemerkbar. Dann werden ein, zwei Fehler weniger gemacht, die ein Spiel entschieden.

SPORT1: Viele Teams haben zurzeit mit Verletzungen zu kämpfen. Ist der Spielplan zu vollgepackt?

Kehrmann: Ich könnte jetzt einer von vielen sein, der sagt, wir müssen weniger spielen und brauchen mehr Ruhezeiten. Dadurch werden wir aber das Problem nicht lösen. Es hat jeder seine Interessen zu vertreten - die Liga, die Nationalmannschaft und der Verband. Es wird einfach mal Zeit, dass sich alle an einen Tisch setzen und schauen, wie man zueinander finden kann.

SPORT1: Für den TBV geht es nun gegen den THW Kiel, der im Vergleich zur letzten Saison auch Schwächen gezeigt hat. Rechnen Sie sich Chancen aus?

Kehrmann: Für uns wird es in Kiel das Spiel des Jahres, weil wir eigentlich nur gewinnen können. Es wäre ins unserer Situation vermessen, hinzugehen und zu sagen, wir haben eine Chance in Kiel zu gewinnen. Der THW muss in diese Saison noch hinein finden, um die Selbstverständlichkeit des letzten Jahres zu bekommen. Nichts destotrotz ist Kiel wahrscheinlich der Topfavorit auf die Meisterschaft, Champions League und Pokal, deshalb wird es schwer da zu punkten. Wir müssen von Beginn an aggressiv spielen und versuchen so lange wie möglich dagegenzuhalten.

SPORT1: Auf wen oder was könnte es ankommen?

Kehrmann: Für uns ist es wichtig diese Woche mit allen Leuten vernünftig zu trainieren und uns dann in Kiel Selbstvertrauen zu holen und die Atmosphäre in der Ostseehalle zu genießen. Wir müssen mit Spaß an die Sache rangehen und dann werden wir auch mit erhobenen Hauptes die Halle verlassen, egal wie das Ergebnis nachher aussieht. Danach werden wir uns auf das nächste Duell mit Gummersbach konzentrieren, in dem wir auf jeden Fall punkten müssen.

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