Alfred Gislason (m.) wechselte 2008 vom VfL Gummersbach zum THW Kiel © imago

Vor dem Flensburg-Spiel spricht Alfred Gislason bei SPORT1 über die Kieler Neuzugänge und das Erfolgsgeheimnis des THW.

Von Annette Bachert

München/Kiel - Alfred Gislason gilt als als harter Arbeiter, als Schleifer, als Perfektionist.

Er hat keinen Co-Trainer, keinen Fitness- und keinen Kraft-Trainer für sein Team, und auch keinen für die Videos. Er macht alles selbst - mit großem Erfolg. Der Isländer ist einer der erfolgreichsten Trainer der Welt.

Er gewann viermal die Deutsche Meisterschaft, dreimal den DHB-Pokal, einmal den EHF-Cup, dreimal die Champions League und mehr.

Als Chefcoach des THW Kiel machte er sich in der vergangenen Saison nahezu unsterblich, als er sich mit seinem Team die Meisterschaft in der DKB Handball-Bundesliga sicherte - und das ohne einen einzigen Punkt abzugeben.

Vor dem Nordderby gegen die SG Flensburg-Handewitt (ab 19.25 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) spricht Alfred Gislason im SPORT1-Interview über die Saison, die Neuzugänge, das Erfolgsgeheimnis des THW, und er erklärt, warum er diesen Beruf wohl noch ewig ausüben wird.

SPORT1: Herr Gislason, 17 Punkte aus neun Spielen sind fast die Optimalausbeute. Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Saisonverlauf?

Alfred Gislason: Es geht so. Wir mussten viele Neue einbauen und hatten kaum Vorbereitungszeit, weil fast alle bei den Olympischen Spielen waren. Deswegen kann man eigentlich nicht unzufrieden sein. Letztlich hat es ganz ordentlich hingehauen.

SPORT1: Wie haben sich die Neuzugänge Patrick Wienczek, Rene Toft Hansen und Marko Vujin bisher eingefügt?

Gislason: Alle brauchen noch mehr Zeit, aber ich bin mit allen ziemlich zufrieden. Sie sind eben noch nicht so eingespielt, wie die Spieler, die schon länger da sind.

SPORT1: Toft Hansen fällt mit einer schweren Prellung mindestens drei Wochen aus. Wie sehr beeinträchtigt das das Team?

Gislason: Er wird uns sehr fehlen. Mit Marcus Ahlm, Toft Hansen und Patrick Wienczek haben wir drei Kreisläufer und können das gerade auf dieser Position ausgleichen. Und Hansen ist zwar auch noch nicht so eingespielt, aber trotzdem ein wichtiger Spieler im Angriff und Abwehr. Gerade in unserer 6-0-Abwehr ist er eine feste Größe - und vorne eigentlich auch.

SPORT1: Wie sehr wirft ihn selbst das in seiner Entwicklung beim THW zurück?

Gislason: Jeder Monat ist wichtig, auch für ihn. Vor der Saison haben wir gesagt: Wenn sich unser Team bis zum Anfang der Rückrunde eingespielt hat, haben wir einen guten Job gemacht. Gerade diese Wochen werden ihm fehlen.

SPORT1: Gegen Hamburg hat das Team die Partie in den letzten Minuten gedreht. Ist eben dieser Siegeswille und dieser Glaube an die eigene Qualität das Erfolgsgeheimnis ihres Teams?

Gislason: Zum Einen das, und zum Anderen, dass wir auch in schwierigen Situationen die Nerven behalten. Wir waren die erste Viertelstunde die deutlich bessere Mannschaft, haben danach aber nicht besonders gut gespielt. Aber die letzten zehn Minuten waren wir großartig. Es ist schön, wenn die Mannschaft weiß, dass sie immer zulegen kann.

SPORT1: Ist so ein Sieg für die Mannschaft wichtiger, als wenn die Partie wie meist von der ersten Minute an bestimmt wird?

Gislason: Ja, das glaube ich schon. Es freut mich, weil es ein Sieg gegen eine sehr starke Mannschaft war und gerade für unsere Neuen wichtig, das mitzuerleben. Letztes Jahr hatten wir ähnliche Situationen mehrmals und haben es fast immer geschafft. Oft sind die entscheidenden Minuten nunmal die letzten zehn (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

SPORT1: Nun geht es gegen Flensburg. Was muss das Team leisten, dass es auch hier zum Sieg reicht?

Gislason: Wir müssen immer alles geben, das macht diese Liga aus. Wenn wir nicht gut spielen, werden wir nicht gewinnen. Flensburg hat eine sehr starke Mannschaft und das wird ein sehr interessantes Spiel. Wir arbeiten daran, diese Kontinuität, die wir letztes Jahr - auch innerhalb der Spiele - hatten, wieder zu bekommen. Dass geht nur mit viel Arbeit und wenn sich die Neuen besser einfinden. Wenn die Top-Mannschaften aufeinandertreffen, muss alles passen - da können Kleinigkeiten das Spiel entscheiden.

SPORT1: SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar sieht die Flensburger als stärkstes Team hinter Kiel an. Sehen Sie das ähnlich?

Gislason: Es gibt mehrere Mannschaften, die mitreden können. Vielleicht hat er mit Flensburg recht, aber auch Hamburg ist ein sehr starkes Team, das allerdings viele Verletzte hatte. Die Rhein-Neckar Löwen spielen ebenfalls eine sehr starke Saison. Berlin scheint sich dagegen noch nicht ganz so gut zurechtzufinden, aber das kann noch kommen.

SPORT1: Kiel hat in der vergangenen Saison alles gewonnen. Wie schaffen Sie es eigentlich, das Team weiter derart zu motivieren?

Gislason: Alle haben Spaß an ihrer Arbeit und daran, guten Handball zu spielen und zu gewinnen. Wir versuchen uns ständig zu verbessern, damit wir am Ende diese paar Schritte voraus sind. Das haben wir letzte Saison geschafft, aber das ist nicht selbstverständlich - und auch nicht immer leicht.

SPORT1: Gibt es da besondere Kniffe, die Sie anwenden?

Gislason: Nein, das geht nur über Training. Die Spieler müssen wissen, was ich will und wo wir hinwollen. Das ist uns sehr gut gelungen. Da habe ich Glück, dass ich sehr intelligente Spieler habe.

SPORT1: Können Sie sich vorstellen, dass Sie selbst irgendwann diesen Siegeshunger verlieren und sich nach einer neuen Herausforderung sehnen?

Gislason: Nein, dass ich einmal keine Lust mehr auf all das habe, glaube ich nicht. Ich bin einer von denen, die das Glück haben, ihr Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Es macht mir sehr viel Spaß, mit den Leuten zu arbeiten. Was vielleicht nicht alle verstehen: Es ist sehr schön, neue Spieler dazuzubekommen und man einen Umbruch machen muss. Das ist immer ein kreativer Prozess, bei dem man neue Spieler kennenlernt und herausfinden muss, was jeder Einzelne einbringen kann.

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