Martin Schwalb (M.) führte den HSV Hamburg 2011 als Trainer zur Deutschen Meisterschaft © imago

Die Finanzsorgen überstrahlen auch den Sieg in Magdeburg. Schwalb wird ausfällig, die Gehaltsdebatte ist in vollem Gange.

Von Jakob Gajdzik

München - Nachdem Blazenko Lackovic mit der Schluss-Sirene aus sieben Metern halblinker Position den Ball ins Tor geworfen hatte, entlud sich beim HSV Hamburg ein Jubelsturm, als hätte das Team gerade die Meisterschaft gewonnen.

Dabei war der 29:28-Sieg am 3. Spieltag der DKB Handball-Bundesliga beim SC Magdeburg (Bericht) gerade mal ein kleiner Schritt nach vorne.

Die aktuelle Stimmungslage beim Meister von 2011 ist vielmehr hochexplosiv, die Nerven an der Elbe sind weiterhin zum Zerreißen gespannt. Sportlich und vor allem finanziell stehen viele Fragezeichen über den Hanseaten.

Der Erfolg beim bisherigen Tabellenführer aus Sachsen-Anhalt ließ immerhin einige Steine vom Herzen purzeln.

"Solche Siege schmecken am besten"

"Solche Siege schmecken am besten", sagte Hamburgs Marcin Lijewski, der einen Treffer zum Sieg beisteuerte. "Die ganze Halle war gegen uns." (STENOGRAMME: 3. Spieltag)

Lob gab es auch vom Trainer der unterlegenen Magdeburger:

"Der HSV war eben das eine Tor besser. Wir müssen auf uns schauen und einfach ein paar weniger Fehler machen. Dann haben wir selber die Chance zu gewinnen", so Frank Carstens.

Krimi nach Auf und Ab

Dass es am Ende ein derartiger Krimi wurde, hatte sich der HSV vor allem selbst zuzuschreiben. Denn das Team von Trainer Martin Schwalb bot im Spiel ein ständiges Auf und Ab.

Nach einer konsequenten und zielstrebigen Spielweise zu Beginn stand nach 14 Minuten eine 9:6-Führung, die Magdeburg dank Hamburger Nachlässigkeiten aber noch in ein 13:12 zur Halbzeit drehte.

Schwalb musste mehrmals laut - manchmal sogar richtig derb - werden, um seine Schützlinge wieder wachzurütteln.

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"Verf***t noch mal - bewegt euch und kämpft"

"Eure Leistung? verf***t noch mal - bewegt euch und kämpft!", brüllte der Coach seine Mannen zur Pause an und gab damit einen Einblick in sein Seelenleben. Auch beim ehemaligen Meistercoach liegen bereits so früh in der Saison die Nerven blank.

Zumindest kurzfristig verfehlten die Worte ihre Wirkung nicht, Hamburg zog wieder auf drei Tore davon.

Doch im Verlauf der zweiten Hälfte verfiel der HSV wieder teilweise in Verunsicherung und musste bis zur Schlusssirene und dem Last-Second-Treffer von Lackovic zittern.

Nach der Niederlage zum Saisonauftakt gegen Wetzlar ist Hamburg nach den Siegen gegen Großwallstadt und Magdeburg zumindest tabellarisch wieder im ruhigen Fahrwasser angekommen, auch wenn es neben der schwankenden Leistung noch eine weitere bittere Pille zu schlucken gab.

Hens mit Kapseleinriss

Kapitän Pascal Hens, in der ersten Hälfte mit drei Treffern ein wichtiges Schwungrad der Gäste, prallte nach 23 Minuten mit Magdeburgs Philipp Weber zusammen und landete unglücklich auf der linken Schulter.

Dabei zog sich "Pommes" einen Kapseleinriss mit Bluterguss im Schultereckgelenk zu. Zu diesem Ergebnis kam Mannschaftsarzt Oliver Dierk nach einer umfassenden Diagnostik aus Kernspin-, Röntgen- und Ultraschall-Untersuchung.

"Es ist eine stark schmerzende Verletzung, und wir müssen kämpfen, um Pascal möglichst schnell wieder fit zu kriegen. Ein Einsatz am Wochenende in Frankreich ist allerdings akut gefährdet", sagte Dierk.

"Das sind natürlich keine guten Nachrichten. Wir hoffen, dass "Pommes" schnellstmöglich wieder spielen kann, müssen aber natürlich für die beiden Spiele am Wochenende auch einen Plan B in der Tasche haben", meinte Trainer Martin Schwalb.

Debatte über Gehaltsverzicht

Offen bleibt auch die Finanzsituation im Hamburg. Der zarte sportliche Aufschwung wird ständig von den angestrebten Sparmaßnahmen begleitet, die in Hamburg jeden Spieler dazu bewegen sollen, auf 20 Prozent seines Gehalts zu verzichten.

"Der Verein ist auf uns zugekommen und hat uns die Situation erklärt. Wir sind in einem intensiven Dialog mit den Verantwortlichen", sagte HSV-Schlussmann Johannes Bitter, der nach einem Kreuzbandriss aktuell ausfällt, zu SPORT1.

"Wollen den HSV am Leben halten"

Verständnis ist in Hamburg also da, die angestrebten 20 Prozent Gehaltsverzicht sind aber - zumindest in Spielerkreisen - alles andere als bereits akzeptiert.

"Wir entwickeln Ideen, wie wir das für uns minimieren können und für den Verein möglichst gut darstellen. Wir haben aber noch nicht gesagt, wir sind bereit, auf eine konkrete Summe zu verzichten", zeigte sich Bitter gesprächsbereit, aber wohl nicht um jeden Preis

Hens blieb bei SPORT1 sportlich: "Wir wollen den HSV am Leben halten", sagte der 32-Jährige, ohne zum Thema Gehaltsverzicht konkret zu werden, "erst einmal müssen wir für das Sportliche sorgen."

Schwalb bleibt optimistisch

Trainer Schwalb konnte die Ängste um den Verein auch nicht verbergen, bemühte sich aber Optimismus auszustrahlen.

"Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir weiter Geschichte schreiben können", sagte Schwalb im SPORT1-Interview bereits vor der Begegnung.

Sorgenfrei blickt aber auch der ehemalige Nationalspieler nicht auf die kommenden Wochen und Monate.

"Wir sind in einer Konsolidierungsphase und müssen sehen, was möglich ist und was nicht möglich ist. Da werden alle Mitarbeiter mit eingebunden", so Schwalb: "Wir müssen alle Kosten, die wir haben, überprüfen. Es ist keine einfache Situation."

Wohl kein Insolvenz und Abgänge

Die Gefahr einer Insolvenz sieht der Meistercoach von 2011 aber nicht: "Wir sind liquide und können unsere Sachen bezahlen."

Dementsprechend seien auch Spielerabgänge wohl kein Thema.

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