Martin Schwalb (r.) trainerte den HSV Hamburg bereits von 2005 bis 2011 © imago

Nach dem Pokal-Aus richtet sich der Blick auf den verwaisten Trainerposten. Stefan Kretzschmar kritisiert die Herangehensweise.

Von Annette Bachert

München - Keinen Titel, keinen Trainer und einen, wie böse Zungen behaupten, veralteten Kader:

Der HSV Hamburg hat wahrlich schon rosigere Zeiten erlebt. Doch in dieser Saison ging fast alles schief, was hätte schief laufen können. Schon von Beginn der Vorbereitung an kämpfte der HSV mit zahlreichen Verletzungen und Cheftrainer Per Carlen musste nach nur wenigen Monaten aufgrund ausbleibender Erfolge seinen Hut nehmen.

Nun ist auch die letzte Titelchance ist passe und die Champions League in Gefahr (BERICHT: HSV am Ende aller Titelträume).

Müssen sich "von Superstars trennen"

Zudem will Mäzen Andreas Rudolph wohl seine privaten Finanzspritzen einstellen.

"Die großen Geldzuwendungen bleiben aus. Es wird nicht einfach", prophezeit SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar: "Dann muss man sich eben von einigen Superstars trennen. Natürlich tut das weh."

Zwei Talente verpflichtet

Wie der HSV die Abgänge von Guillaume und Bertrand Gille sowie Marcin Lijewski und den Ausfall der Kreuzbandriss-Opfer Johannes Bitter und Oscar Carlen abfangen will, ist noch unklar. Die reaktivierten Renato Vugrinec (37) und Zordan Djordjic (45) können schließlich auch keine Dauerlösung sein.

"Man muss den Kader sicherlich verjüngen, da so manche Spieler ein gewisses Alter schon erreicht haben", kritisiert Kretzschmar: "Man muss langfristig planen mit jüngeren Spielern. Die Herangehensweise des HSV muss sich verändern."

Das hat auch der HSV bereits erkannt und mit dem 22-Jährigen Schweden Andreas Nilsson und dem französischen Junioren-Nationaltorhüter Max-Henri Herrmann (18) zwei junge Talente verpflichtet.

Erschwerter Neubeginn

Doch mit den Vertragsverlängerungen von Thorsten Jansen (35) und Blazenko Lackovic (31) halten die Hamburger auch an Gewohntem fest - zumindest aber für weniger Geld, wie die "Bild" berichtet.

Zudem sieht Kretzschmar noch ein weiteres Problem bezüglich der Hamburger Zukunft und bezeichnet die Situation dort als "festgefahren".

"Man hat mit einigen Spielern langfristige Verträge festgelegt, teilweise bis 2015 und 2017. Da kann man den Hebel nur dort ansetzen, wo Verträge auslaufen. Auch wenn man daran etwas ändern möchte, es geht nicht", erklärt der Ex-Magdeburger.

"Das macht die Neugestaltung des HSV natürlich nicht einfacher. Es ist eine Herausforderung, so eine Mannschaft wieder so aufzubauen, dass sie funktioniert."

Wer folgt Schwalb?

Doch nicht nur die Kaderplanung für kommende Saison wirft Fragen auch, auf der Trainerposition herrscht ebenso Unklarheit. Nach den gescheiterten Versuchen mit Carlen sowie Co-Trainer Jens Häusler nahm der Meister-Coach und Vereinspräsident Marin Schwalb wieder das Zepter in die Hand.

Nach eigener Aussage will "Schwalbe" sein Engagement als Trainer aber nach dieser Spielzeit beenden. Doch Wunsch-Trainer Talant Duschebajew (News) sowie "Kretzsche" als möglicher Sportdirektor gaben dem HSV zuletzt einen Korb (KOLUMNE: Nein zum HSV? Auch eine Gewissenfrage).

"Schwalbe" in "Triple-Funktion"?

Glaubt man allerdings Ex-Nationalspieler Kretzschmar, ist Schwalb ohnehin die beste Antwort auf die Trainerfrage: "Ich gehe davon aus, dass Martin auch nächstes Jahr wieder Trainer sein wird. Er ist der bestmögliche Mann, den der HSV im Moment haben kann."

Und weiter: "Er muss dieses Schiff weiter auf Kurs halten, wenn es sein muss, in einer Doppel- oder gar Triple-Funktion."

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Kretzschmar kritisiert fehlende Fitness

Doch nicht nur personell ist beim entthronten Meister nicht alles im Lot, auch spielerisch hapert es teilweise gewaltig, was die Niederlagen in Lübbecke, Magdeburg und zuletzt Melsungen verdeutlichen.

"Sie haben unter Schwalb im letzten Jahr natürlich einen anderen Handball gezeigt als in diesem Jahr. Ich habe auch den Eindruck, dass die Spieler im letzten Jahr fitter gewesen sind und diese Jahr ziemlich ausgepowert wirken", erklärt Kretzschmar.

Auch Schwalb gibt zu: "Wir sind aufgrund der Verletztensituation auf bestimmte Spieler angewiesen. Wenn die ihre Leistung nicht bringen, haben wir keine Alternativen. Wir sind dann keine Spitzenmannschaft mehr, sondern auf Augenhöhe mit anderen Teams und verlieren auch mal. Das darf dennoch nicht passieren."

Kleinere Ziele für nächste Saison

Doch wie auch immer der neue HSV aussehen wird, noch ist die Saison nicht zu Ende.

Mit Kiel (So., 13 Uhr LIVE im TV auf SPORT1), Gummersbach, Wetzlar und Göppingen hat die Schwalb-Truppe noch schwere und immens wichtige Partien zu überstehen, will sie auch in nächsten Saison in der Königsklasse antreten.

"Wir müssen uns stabilisieren und gute Leistungen bringen. Darauf kommt es an", bringt es Schwalb auf den Punkt und blickt ebenfalls kritisch in die Zukunft: "Wir werden jetzt sicherlich nicht sagen, wir wollen im nächsten Jahr Deutscher Meister werden."

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