Heiner Brand trainierte zwischen 1997 und 2011 die Nationalmannschaft © getty

Heiner Brand erklärt im SPORT1-Interview seinen Job, bewertet das DHB-Teams und nennt ein Ziel. Hannings Idee begrüßt er.

Von Annette Bachert

München - Seit über zwei Jahren ist Heiner Brand beim Deutschen Handballbund für die Bereiche Nachwuchsförderung und Sponsoren als Manager zuständig.

2007 führte er als Bundestrainer die Nationalmannschaft zum WM-Titel, 2013 verpasste das Team sogar die Qualifikation für die EM 2014. Dennoch sieht 61-Jährige viel Potenzial in der Mannschaft seines Nachfolgers Martin Heuberger. Auch die Idee Bob Hannings für eine gemeinsame Spielphilosophie und einen Wertekanon befürwortet er.

Im SPORT1-Interview blickt Brand auf seinen Job, seine Rolle im Verband, das Nationalteam und Bob Hannings Handball-Leitfaden.

SPORT1: Herr Brand, seit einigen Wochen arbeiten Sie unter einem neuen Präsidium. Was hat sich dadurch für Sie verändert?

Heiner Brand: Bislang noch nicht viel. Wir haben zwar in der vergangenen Woche die Aufgabenbereiche festgelegt, und es hat sich bei mir ein wenig verschoben. Aber das wirkt sich so in der täglichen Arbeit noch nicht aus.

SPORT1: Welche Aufgaben haben Sie zugeteilt bekommen?

Brand: Die habe ich teilweise schon vorher gehabt. Das ist die Mitwirkung in internationalen Organisationen wie IHF und EHF, Kooperation mit dem Deutschen Sportbund, der Sporthilfe und viele Dinge, die im sportlichen Bereich anfallen. Das ist eine sehr weitreichende Aufgabe, bei der ich in vielen Situationen auch repräsentative Aufgaben übernehmen werde. Ich werde weiter im Rahmen der Eliteförderung arbeiten. Und ich werde auch verstärkt versuchen, Kontakt zu Schulen aufzunehmen. Das ist also ein sehr vielfältiges Aufgabengebiet.

SPORT1: Wie optimistisch sind Sie, dass der deutsche Handball bald auch in sportlicher Hinsicht wieder positive Schlagzeilen schreibt?

Brand: Tatsache ist, dass wir nicht sehr weit von der Spitze weg sind. Wir sind bei der WM Anfang des Jahres Fünfter geworden und waren auch im Viertelfinale noch sehr gut. Dann haben wir aber die Qualifikation für die EM 2014 verpasst, was sehr bitter ist. Das zeigt das Spektrum, das die Mannschaft derzeit besetzt - sie hat das Potenzial, viele Mannschaften zu schlagen, kann aber auch gegen viele verlieren. Das Bestreben des deutschen Handballs muss nun sein, sich wieder in der Spitze festzusetzen. Das muss unser Anspruch sein.

SPORT1: Und wann wird dieser Anspruch erfüllt?

Brand: Die Männer müssen nächstes Jahr die Qualifikation für die WM 2015 in Katar schaffen. Das ist das primäre Ziel. Wenn wir dann dabei sind, haben wir auch die Chance vernünftig abzuschneiden. Das Bestreben wird sein, in Zukunft ganz oben zu sein. Aber das kann man erst recht in so kurzer Zeit nicht garantieren.

SPORT1: Welche Bedeutung hat der bevorstehende Supercup bzw. das Ergebnis dort auf dem Weg nach Katar?

Brand: Zum einen ist der Supercup ein Turnier, bei dem man mit guten Leistungen Werbung für den deutschen Handball machen kann. Zum anderen haben wir in Bremen und Hamburg mit Schweden, Polen und Ägypten schwere Testgegner, mit denen wir uns messen können. Das Turnier ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu den Qualifikationsspielen.

SPORT1: Daniel Stephan hat sich diese Woche sehr kritisch gegenüber Bundestrainer Martin Heuberger geäußert und gesagt, er sei überrascht, dass Heuberger noch weitermachen darf. Was entgegnen Sie ihm?

Brand: Ich glaube nicht, dass Daniel das so gesagt hat. Martin hat durchaus gute Arbeit geleistet. Das hat bereits das Ergebnis bei der EM 2012 gezeigt. Dass die Quali für Olympia und die EM 2014 nicht geschafft wurde, ist unbestritten bitter. Aber das ist auch eine Konsequenz des Verhaltens in der Liga gewesen, davor habe ich schon seit Jahren gewarnt. Und da muss eben in Zukunft eine bessere Kooperation stattfinden. Wenn Talente nicht konsequent gefördert werden, dann bekommt man die Konsequenzen irgendwann zu spüren. Und da ist auch Martin einer der Leidtragenden gewesen.

SPORT1: Hanning hat zuletzt aber gesagt, er "braucht keine Quote, er braucht gute Spieler". Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Brand: Der Begriff Quote hat immer einen negativen Beigeschmack - dass man die Quote erfüllt, ohne das Ziel ernsthaft zu verfolgen. Ich weiß aus gemeinsamen Gesprächen, dass Bob Hanning es gerne sehen würde, dass in jeder Bundesliga-Mannschaft drei, vier U-23-Spieler eingesetzt werden. Wenn jeder Verein das machen würde, müsste man auch nicht über eine Quote sprechen.

SPORT1: Haben Sie denn schon einen Entwurf der Hanning-Bibel auf dem Schreibtisch?

Brand: Nein. Aber das damit verbundene Ziel, allen Teams eine einheitliche Spielphilosophie und einen Wertekanon zu vermitteln, ist eine Idee, die man nicht nur haben, sondern auch leben muss. Dass man all das formuliert, ist also sehr richtig.

SPORT1: Hanning scheint nun der starke Mann beim DHB zu sein. Fühlen Sie sich durch ihn ein wenig an den Rand gedrängt?

Brand: Ich bin nicht an den Rand gedrängt. Und der starke Mann in einer starken Mannschaft ist DHB-Präsident Bernhard Bauer. Und ich habe es auch nicht nötig, vorne zu stehen. Sonst hätte ich mich wählen lassen müssen - und das wollte ich nicht. Ich habe meinen Bekanntheitsgrad erreicht, auch außerhalb Deutschlands. Insofern gehen meine Ziele nicht in diese Richtung.

SPORT1: Heuberger hat kürzlich gesagt, bei Hanning gehe ihm alles etwas zu schnell. Ihnen auch?

Brand: Warten wir einfach mal ab, lassen wir ihn arbeiten. Bob ist jemand, der sehr viel vorhat und dem es mit großer Leidenschaft immer um die Sache geht. Da soll man nun keine vorschnellen Urteile fällen, sondern ihn unterstützen und abwarten, wie sich das dann in Ergebnissen darstellt.

SPORT1: Sie haben am Mittwoch noch einmal betont, dass Hanning nicht Ihr Vorgesetzter sein könne, weil er einst Ihr Co-Trainer war. Können sich Hierarchien über die Jahre denn nicht ändern?

Brand: Nicht bei mir. Ich habe gesagt, das passt nicht. Das passt auch nicht zu meiner Person, dass ich jemanden als direkten Vorgesetzten habe. Da habe ich ein anderes Standing in der Öffentlichkeit. Das hat aber nichts mit der Person Bob Hanning zu tun.

SPORT1: Wer wird dieses Jahr Deutscher Meister und warum?

Brand: Das ist schwer zu sagen. Ich denke aber, dass es der THW Kiel am Ende, auch wenn er noch schwankend spielt, wieder das Rennen macht. Auch weil die anderen nicht so stabil spielen.

SPORT1: In den letzten Tagen wurde viel über Silvio Heinevetter und dessen Äußerungen nach dem Löwen-Spiel diskutiert. Halten Sie die Strafe gegen ihn für berechtigt?

Brand: Das sind Randerscheinungen, die mich wenig interessieren. Ich habe ja wenig mit der Bundesliga zu tun. Aber Heine ist dafür bekannt, dass er in der Emotion schon einmal ein paar unbedachte Äußerungen nach dem Spiel macht. Da muss man Strafen dann auch hinnehmen.

SPORT1: Heinevetter selbst kritisiert, dass die HBL selbst hat ein Facebook-Video online gestellt hat, in dem sie die Fans fragt, ob das eine strittige Szene gewesen sei?

Brand: Ich halte von solchen Dinge gar nichts. Aber das muss die HBL verantworten.

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