Um Szenen wie Groetzkis Treffer zu vermeiden, spricht sich Kretzschmar für Technik aus. Heinevetters Wut versteht er.

Hallo Handball-Fans,

was war das in der DKB Handball-Bundesliga für eine Aufregung um Patrick Groetzkis Treffer (Video) gegen die Füchse Berlin.

Ich habe im ersten Moment wie Silvio Heinevetter gedacht, das Tor war abgestanden - und dürfte nicht zählen.

Nach einigen Wiederholungen, auch zu Hause in Ruhe, war aber zu sehen, dass es Siebenmeter hätte geben müssen. Denn Spoljaric lief zur Abwehr deutlich durch den Kreis und behinderte Groetzki.

Strafwurf wäre also die richtige Entscheidung der Schiedsrichter gewesen.

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Aber ich muss klar unterscheiden zwischen dem, was ich im ersten Moment gesehen habe, und was ich nach mehrmaligen Wiederholungen gesehen habe. Und das genau ist auch die Schwierigkeit der Schiedsrichter - sie haben diese Möglichkeit nicht.

Man sollte ernsthaft darüber nachdenken, ob es künftig die Option geben sollte, solch spielentscheidende Szenen ähnlich wie in der NBA in verschiedenen Kamera-Einstellungen noch einmal anzusehen, um dann erst eine endgültige Entscheidung zu treffen.

Absicht oder Animositäten der Referees gegen Berlin kann ich aber nicht erkennen. Vielmehr bekommt die Heimmannschaft ein, zwei Pfiffe pro Spiel mehr als die Auswärtsmannschaft.

Die Emotionen von Heinevetter dagegen kann ich voll und ganz verstehen. Ob das aber clever war, kann ich nicht beurteilen.

Er lebt als Spieler von seinen Emotionen, er ist sehr ehrgeizig und spielt in einem Team mit großen Ambitionen.

Dazu kommt, dass es bereits das zweite Mal in einem Topspiel war, dass so eine Entscheidung die Füchse um den Sieg bringt. Es geht um Punkte, die für die Meisterschaft entscheidend sein können. Auch im Kampf um die Champions League hätte ein Sieg ein Ausrufezeichen sein können.

Letztlich muss ich sagen, dass das Unentschieden völlig verdient ist.

Verdient oder unverdient - darum geht es im Handball aber nicht, und so etwas entscheidet auch keine Meisterschaft. Gummersbach beispielsweise hätte in Kiel sicherlich auch einen Punkt verdient gehabt?

Aber es waren zwei Mannschaften auf Augenhöhe, die beide das Spiel hätten gewinnen können. Es war toller Handball und hat Spaß gemacht anzusehen.

Aber es gab ja auch noch mehr Spiele an diesem Wochenende:

Wetzlar kassiert gegen Melsungen schon die sechste Saison-Pleite und kämpft nach einer Überraschungs-Saison (in der sie über ihren Möglichkeiten spielten) wohl wieder gegen den Abstieg - das weiß man spätestens jetzt.

Mit den Müller-Brüdern hat die HSG aber auch brutale Abgänge zu verkraften, von deren Emotionen und Härte Wetzlar lebte. Es wird oft unterschätzt, was die beiden in Kombination für eine Mannschaft bedeuten - sei es die Härte, die physische Präsenz, aber auch was die beiden jedem Team für einen Charakter geben können.

Balic, und so war die Verpflichtung auch gedacht, ist ein Puzzleteil. Einer, der nicht der alles-entscheidende Spieler sein muss.

Er ist in einer Verfassung und in einem Alter, in der er jeder Mannschaft helfen, aber nicht mehr der dominante Spieler sein und jedem Spiel 60 Minuten seinen Stempel aufdrücken muss.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 40, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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