SPORT1-Kolumnist Stefan Kretzschmar hält Kiel für anfällig. Größer sei die Verletzungsgefahr beim HSV. Lemgo könne abrutschen.

Hallo Handball-Fans,

am ersten Spieltag gab es keine großen Überraschungen, viel mehr Dienst nach Vorschrift.

Die Top-Teams haben alle ihre ersten Siege eingefahren. Am Anfang weiß man nicht, wo man steht, in welcher Phase man sich befindet - und so war das für alle ein guter Start.

Lemgos Sieg über Wetzlar war so allerdings nicht zu erwarten. Der TBV ist für mich eine Mannschaft, die dieses Jahr große Probleme bekommen wird, möglicherweise sogar in den Abstiegsstrudel hinein geraten könnte. Sie haben einen großen Aderlass zu verzeichnen und mussten den Etat noch einmal verkleinern.

Dass sie gegen Wetzlar, die mit breiter Brust in die Saison starten, gewinnen, war für mich doch überraschend.

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Den Kielern muss man in dieser Saison trotz des Umbruchs alles zutrauen. Sie haben nach wie vor riesiges Potenzial im Kader. Und die Meisterschaft wird auch in diesem Jahr wieder nur über Kiel laufen, doch ihre Vorherrschaft, ihre Dominanz ist vorbei.

Die anderen vier Teams sind auf Augenhöhe - und der Unterschied zum vorigen Jahr ist, dass sie daran glauben, die Meisterschaft gewinnen zu können und besser zu sein als Kiel.

THW-Coach Alfred Gislason hat eine schwere Aufgabe vor sich. Entscheidend wird sein, wie Filip Jicha es schafft, Verantwortung zu übernehmen, die Mannschaft zu führen, aber auch seine Mitspieler einzusetzen.

Es ist sein Team, er ist der Schlüsselspieler dieser Mannschaft. Wenn sie Jicha verlieren, sind sie meiner Meinung nach fast wettbewerbsunfähig.

Die Löwen haben am ersten Spieltag wie auch schon in der Vorbereitung starke Leistungen gezeigt. Sie etablieren sich in der Spitze. Und wenn nun noch die Verletzten um Petersson und Roggisch zurückkommen, werden sie ein Wörtchen um die Meisterschaft mitreden.

Sie haben eine tolle Moral entwickelt, und die Euphorie vom letzten Jahr trägt sie noch weiter. Trotz der so starken letzten Saison kann man von den Löwen in diesem Jahr noch mehr erwarten.

Hamburgs Teilnahme an der Klub-WM in Doha hat sportlich gesehen überhaupt keinen Wert.

Das ist eine rein finanzielle Angelegenheit, bei der man sehr viel Geld verdienen kann. Und ich kann jeden Verein verstehen, der da mitspielt. Sie haben sich das als Champions-League-Sieger auch verdient.

Aber sie müssen auch mit den Konsequenzen leben. Sie brauchen danach nicht herumheulen, dass sie vier Spiele in fünf Tagen hatten - denn damit steigt auch das Verletzungsrisiko. Auf ihrer Achillesfersen-Position ist mit Adrian Pfahl ohnehin schon ein Spieler verletzt.

Mit der Champions-League-Qualifikation haben sie ein lukratives Ziel erreicht, und jetzt sollten sie sich dann auch auf die wichtige Liga konzentrieren.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 40, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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