SPORT1-Experte Kretzschmar rät Gensheimer, sich bei der Reha Zeit zu lassen und fordert ein sofortiges Ende der Terminhatz.

Hallo Handball-Fans,

das war ein ganz bitteres Wochenende für den deutschen Handball. Die Verletzung von Uwe Gensheimer ist nicht nur für ihn ein brutaler Schicksalsschlag.

Wenn man so eine schwere Verletzung erleidet, die einen mindestens ein halbes Jahr außer Gefecht setzen wird, dann ist das sehr tragisch. Uwe tut mir wahnsinnig leid.

Das kann man gar nicht beschreiben, was das für einen bedeutet, vor allem für einen, der bisher davon verschont geblieben ist.

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Man kann nur hoffen, dass er möglichst schnell wieder fit wird, aber dass er die Reha behutsam aufbaut und bei der Schwere der Verletzung nicht die Nerven verliert. Er sollte sich damit anfreunden, dass er erst zur nächsten Saison zurückkehrt und dann zu 100 Prozent fit ist.

Für die Löwen ist das gerade vor dem Spitzenspiel gegen den THW Kiel eine enorme Schwächung. Uwe bringt für die Löwen eine gehörige sportliche Qualität. Die Torgefahr von der Position wird sich jetzt minimieren.

Er hat in dieser Saison noch mal einen Schritt weiter in seiner Persönlichkeitsentwicklung genommen und nicht umsonst Kapitän dieser Mannschaft.

Das ist ein Ausfall, den sie nicht einfach so kompensieren können. Jetzt hat Kevin Bitz die schwere Aufgabe, "Gensel" zu ersetzen.

Er ist sicherlich ein großes Talent. Die Löwen hatten sich vor der Saison dafür entschieden, Uwe keinen gleichwertigen Spieler an die Seite zu stellen, wie sie es mit Sigurdsson noch vor einigen Jahren gemacht haben. Den Schritt, Talente hinter einem Weltklassespieler auszubilden, finde ich prinzipiell gut.

Jetzt kommt Bitz früher zum Einsatz als er es wohl selbst dachte. Ich finde es nicht verkehrt, dass so ein Spieler ins kalte Wasser geworfen.

Wir als Handball-Fans hatten natürlich auch gehofft, dass Uwe seine Form hält und bei der Weltmeisterschaft so aufspielen kann. Das wäre extrem wichtig gewesen für die deutsche Mannschaft.

In der Nationalmannschaft gibt es einige, die Uwe ersetzen können. Sicherlich nicht mit Uwes Qualität, denn das ist absolute Weltklasse. Für mich ist Uwe sogar der beste Linksaußen, den es weltweit gibt.

Aber als Ergänzung zu Dominik Klein gibt es einige, die in Frage kommen, die eine nationale Klasse und Qualität mit sich bringen. Kevin Schmidt aus Wetzlar, Jens Bechtloff von Lemgo, Michael Allendorf aus Melsungen oder Yves Grafenhorst aus Magdeburg seien da nur mal kurz genannt.

Auch wenn ich es schon die letzten Wochen in meinen Kolumnen immer wieder darauf aufmerksam gemacht habe, werde ich nicht müde, es erneut anzuprangern: Der Terminstress ist nicht mehr vertretbar. Man muss jetzt dringend Lösungen finden, um die Spieler zu schützen.

Zwar haben die Löwen nicht das Programm, das Champions-League-Mannschaften wie der THW, Flensburg oder Hamburg haben. Das ist noch viel brutaler. Und normalerweise geht man davon aus, dass ein Spieler in Uwes Alter eine Belastung in der Größenordnung auch noch wegstecken kann.

Aber spätestens jetzt müssen alle begreifen, dass die Alarmglocken, was die Terminhatz betrifft, nicht mehr lauter schrillen können.

Ein kurzes Wort noch zur Liga und dabei speziell zu Neuhausen. Ich muss Abbitte leisten. Vor der Saison hatte ich ja gesagt, dass es für den TVN ein einjähriges Gastspiel in der HBL wird.

Aber was Neuhausen zeigt, das imponiert mir wirklich. Die Neuhausener sind wie das gallische Dorf. Die kämpfen bis zum umfallen, die haben eine überragende Mentalität in ihrer Mannschaft. Sie geben nicht auf, nutzen ihre Chancen.

Sie decken in einer sehr unkonventionellen, offensiven Abwehrformation. Da tun sich zahlreiche etablierte Bundesligavereine schwer, weil sie es nicht gewohnt sind.

Daher muss ich meine Meinung auch nach einem Drittel der Saison revidieren. Neuhausen hat absolut das Zeug und die Mentalität, die Liga zu halten.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 39, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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