SPORT1-Kolumnist Kretzschmar kann sich die Auftritte der Heuberger-Truppe nicht erklären und sieht die EM-Quali in Gefahr.

Hallo Handball-Fans,

beim Thema Nationalmannschaft - besonders nach den letzten beiden Partien gegen Montenegro und Israel - bin ich langsam wirklich ratlos.

Es tut mir schon fast leid, wieder auf die Nationalmannschaft einzuhauen, aber bei aller Liebe:

Ich habe gegenüber Montenegro Respekt, doch teilweise mit acht Toren gegen dieses Team in Rückstand zu geraten, geht einfach nicht.

Montenegro hat kein schlechtes Team, dennoch müssen wir uns nichts vormachen: das Land hat die Fläche eines Berliner Stadtteils. Wir müssen andere Ansprüche haben, daher ist die Niederlage traurig.

Besonders schmerzhaft finde ich den Unterschied zwischen beiden Mannschaften: Montenegro hat sein Herz aufs Feld gelegt, Deutschland hat seines versteckt. Sie haben uns den Schneid abgekauft.

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Wenn von deutschen Tugenden die Rede ist, sind solche Siege aus meiner Sicht das Mindeste. Sich so in Mannheim zu präsentieren, ist nicht akzeptabel.

Und gegen Israel war es - trotz des 30:27-Sieges - leider auch nicht viel besser.

Mittlerweile sind wir soweit, dass wir uns um die EM-Qualifikation Gedanken machen müssen.

Der nächste Gegner ist immerhin Tschechien - das ist keine Gurkentruppe. Eigentlich müssen beide Spiele gewonnen werden. Aber ich sehe das als sehr schweres Unterfangen an.

Aus meiner Sicht muss, um Tschechien zu schlagen, alles beim DHB-Team besser werden. Wir haben zuletzt kein Spiel aufgezogen, keine Leichtigkeit gezeigt. Und die Abwehr agierte teilweise wie ein Hühnerhaufen.

In den letzten beiden Partien gab es gar nichts, was ich als super oder gut bezeichnen kann.

Nun werden auch die Rufe nach Michael Kraus wieder laut.

Fest steht: Kraus ist nicht der Heilsbringer, er alleine kann das Ruder auch nicht herumreißen - schließlich hakt es an mehreren Ecken und Enden.

Vor nicht allzu langer Zeit wurde Kraus zum Teufel gejagt. Und jetzt soll er zum Heilsbringer werden? Das geht nicht.

Dass man aber mit Kraus sprechen muss, ist für mich völlig logisch. Bundestrainer Heuberger hat bereits angekündigt, das Gespräch zu suchen.

Das muss er auch, denn die deutsche Nationalmannschaft steht immer auf dem Prüfstand.

Auf dem Prüfstand stehen aber auch die Verfolger des THW Kiel in der DKB Handball-Bundesliga.

Nachdem die Hamburger die Kieler am letzten Spieltag am Rande der Niederlage hatten, haben für mich die Flensburger am ehesten das Potenzial, den THW zu schlagen.

Die mannschaftliche Qualität ist extrem hoch und wenn Mattias Andersson sowie die Abwehr weiter so exzellent spielen, dann können sie den Kielern schon gefährlich werden.

Selbst wenn die Partie beim THW verloren geht, halte ich Flensburg weiter für den Jäger Nummer eins im Titelrennen. Klar haben die Rhein-Neckar Löwen einen Lauf, aber dennoch erachte ich die Flensburger als gefestigtere Mannschaft.

Niemand muss die Kieler in der Liga schlagen, sie sind ohne Frage das stärkste Team, aber wenn es einer Mannschaft gelingen kann, dann den Flensburgern.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 39, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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