Im Lemgo-Skandal nimmt SPORT1-Kolumnist Kretzschmar den "Leuchtturm" in Schutz. Kiels Patzer macht er an drei Akteuren fest.

Hallo Handball-Fans,

nach 501 Tagen ist also die Siegesserie des THW Kiel in der DKB Handball-Bundesliga gerissen. Auch wenn die Kieler sicher nicht ihren besten Tag hatten, können die Füchse stolz auf ihre Leistung sein. Sie sind personell unterlegen und haben in der zweiten Halbzeit den Rückstand mit viel Kampf und Einsatzwillen wett gemacht.

Damit setzen die Berliner auch ein Ausrufezeichen für die gesamte Liga. Leute, glaubt dran, dass man die Kieler auch bezwingen kann und dass sie nicht die Übermannschaft sind!

Die Kieler müssen natürlich ihre Lehren aus dem Punktverlust ziehen. Daniel Narcisse und Momir Ilic sind längst noch nicht in der Form der vergangenen Saison. Das ist sicher auch der Olympia-Teilnahme geschuldet. Auch Filip Jicha hatte nicht seinen besten Tag. Das lag sicher auch an den zwei schnellen Zeitstrafen zu Beginn des Spiels.

Aber jetzt zu behaupten, dass die Füchse der größte Konkurrent der Kieler sind, ist falsch. Spielerisch sieht das alles noch nicht so super aus, aber Berlin ist wieder auf dem Weg, das Optimale aus dem Kader herauszuholen.

Dennoch sehe ich auch Flensburg und die Rhein-Neckar Löwen weit vorne. Selbst die Hamburger, die sich momentan so durchkämpfen, werden sicher keine schlechte Rolle spielen.

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Überrascht hat mich der deutliche Auswärtssieg des TuS N-Lübbecke in Gummersbach. Nach dem Sieg der Gummersbacher in Göppingen hatte ich das nicht erwartet. Hut ab für das, was die Lübbecker in dieser Saison bisher spielen. Da scheint einiges Potenzial vorhanden zu sein. Das freut mich für sie. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Nicht so erfreulich ist natürlich die Situation in Lemgo (Bericht). Strafanzeige gegen Sport-Geschäftsführer Volker Zerbe, Trennung von Finanz-Geschäftsführer Fynn Holpert nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, Schaden im sechsstelligen Bereich, dazu gefälschte Schecks.

Ich kann natürlich nur meine Einschätzung darlegen, aber ich kenne Volker jetzt schon 20 Jahre. Er ist der Letzte, dem ich zutraue, dass er sich an dem Verein bereichert, dem er alles zu verdanken hat und für den er immer loyal gearbeitet hat.

Es tut mir auch einfach für den Verein leid, der so ein Aushängeschild wie Volker Zerbe verliert. Für mich war er immer der Leuchtturm in Lemgo, der für Loyalität und solides Arbeiten gestanden hat. Bei Fynn Holpert häufen sich natürlich mittlerweile die Gerüchte. Da muss man die Entwicklung abwarten, aber für den Verein ist das natürlich eine Katastrophe. Es wird schwer sein, den Schaden zu reparieren und wieder in die Normalität überzugehen. Auch für die Liga ist das nicht gerade eine positive Außendarstellung.

Kommen wir zurück zum Sportlichen. Am Wochenende trifft die DHB-Auswahl in Rostock und Schwerin auf Serbien. Bundestrainer Martin Heuberger nutzt die Chance und gibt gleich vier Neulingen die Chance. Es ist auch richtig, dass man Spielern, die vielleicht nicht unbedingt erste Wahl sind, die Möglichkeit gibt sich zu beweisen. Einige Stammkräfte brauchen einfach mal eine Pause oder sind ohnehin verletzt.

Besonders freut es mich, dass Michael Haaß nach langer Verletzungspause wieder dabei ist. Ich habe ja schon öfter erwähnt, dass Haaß für mich der Führungsspieler dieser Mannschaft ist und auch ein legitimer Kapitän wäre. Er geht immer vorne weg und krempelt die Ärmel hoch.

Mit seiner ruhigen Art ist er auch abseits des Spielfelds eine wichtige Persönlichkeit. Ich hoffe, dass er diese Rolle noch mehr annimmt, denn er ist derjenige, der dieses Team zur WM nach Spanien führen soll und muss. Daher ist die Rückkehr in doppelter Hinsicht wichtig. Zum einen sportlich und zum anderen auch für Teamgeist und Teamchemie.

Für den SC Magdeburg ist seine Verpflichtung natürlich ein super Schachzug. Er passt in das Konzept wie die Faust aufs Auge! Haaß ist ein guter Abwehrspieler, ein harter Arbeiter, aber auch ein guter Regisseur. ( 126233 DIASHOW: DKB HBL-Transfermarkt ).

Ungewöhnlich ist für mich nur der Zeitpunkt der Bekanntgabe des Wechsels. Das ist natürlich ganz schön früh in der Saison. Ich weiß nicht, ob er den Rest der Saison auch mit dem Druck in Göppingen umgehen kann.

Ich bin auch gespannt, was jetzt mit Philipp Weber passiert. Er ist immerhin eines der größten Nachwuchstalente auf dieser Position. Es wäre schade, wenn er wieder in das zweite Glied rücken muss und dadurch keine Spielanteile bekommt. Ich hoffe, dass Magdeburg ihn wenigstens ausleiht und ihm so woanders die Chance gibt zu spielen.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 39, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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