Stefan Kretzschmar ordnet in seiner SPORT1-Kolumne die Hamburger Leistung ein. Bei Göppingen macht er etliche Probleme aus.

Hallo Handball-Fans,

zuerst einmal Glückwunsch an die Hamburger, dass sie die Champions-League-Qualifikation geschafft haben. Damit ist der Grundstein gelegt, dass sich der Verein wirtschaftlich wieder besser aufstellen kann.

Der HSV kämpft ums Überleben. Das merkt man der Mannschaft an, und das muss man ihnen auch zu Gute halten.

Sportlich gesehen haben sie sich zwar nicht gerade mit Ruhm bekleckert, aber sie haben sich durchgekämpft - und das ist schließlich auch eine Qualität. Das war ein hartes Stück Arbeit, und dabei sah es fünf Minuten vor Schluss nicht nach einem Sieg aus. Aber Dan Beutler hat sein Team mit drei starken Paraden wieder auf die Siegerstraße gebracht.

In einigen Momenten übernehmen die individuell starken Spieler wie Marcin Lijewski oder Blazenko Lackovic Verantwortung, heraus sticht in diesem Team momentan aber niemand. Alle versuchen Verantwortung zu übernehmen und das Beste daraus zu machen.

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Das Selbstvertrauen spielt dort derzeit auch eine Rolle. Sie kämpfen sich von Spiel zu Spiel, und der Sieg in Magdeburg war sicherlich Gold wert. Sie sind momentan nicht in der Verfassung Luftschlösser zu bauen, ökonomisch wie sportlich. Insofern ist jeder Sieg für das Team aber auch für das Weiterleben des Vereins wichtig.

Bei unserem verlustpunktfreien Spitzen-Duo sieht es ganz gut aus (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Die Rhein-Neckar Löwen haben sich sehr gut entwickelt und sind zu einer sympathischen Mannschaft geworden, der man gerne zuschaut. Kim Ekdahl du Rietz gefällt mir gut, Gensheimer bietet jedes Spiel eine starke Leistung, und auch der neue Rechtsaußen Steinhauser macht seine Aufgabe gut. Dazu kommt: Sie haben das beste Torhüter-Duo der Liga.

Die Löwen haben mittlerweile auch ein Spielsystem und eine Spielfreude entwickelt, mit der man sie wirklich ernst nehmen muss. Sie können vorne ein Wörtchen mitreden.

Die Berliner hatten noch nicht die ganz große Herausforderung bisher. Gegen Göppingen hätten sie sogar verlieren können, haben sich in Halbzeit zwei aber zusammengerissen und mit Silvio Heinevetter das Spiel noch umgebogen. Da ist dann auch Christophersen explodiert, weil man ihn von Göppinger Seite gelassen und in der Abwehr schlecht gearbeitet hat.

Aber die Füchse werden mit der angebotenen Leistung noch nicht zufrieden sein. Igropulo ist spielerisch ein guter Ersatz für Petersson. Aber man sieht jetzt bei den Löwen, was Petersson für einen Einfluss auf das Spiel hat und was für einen Mannschaftsgeist er mitbringt. Das ist schon ein Verlust für die Berliner ( 126233 DIASHOW: DKB HBL-Transfermarkt ).

Die Füchse leben von ihrer starken Abwehr mit dem Super-Mittelblock Spoljaric und Laen. Die Alleskönner, die alles überragen, gibt es dort aber nicht. Die nächsten Spiele werden zeigen, wo Berlin wirklich steht. Den ganz großen Sprung nach oben traue ich ihnen aber noch nicht zu.

Göppingen hat, auch wenn das Auftakt-Programm nicht ohne war, einen klassischen Fehlstart hingelegt. Das ein oder andere Spiel hätten sie schon gewinnen können.

Sie haben auf der Torwart-Position ein kleines Problem, und in der Abwehr passt es noch gar nicht. Da haben sie eigentlich die Masse, aber die Abstimmung ist das große Problem.

Im Angriff haben sie sehr gute Individualisten, aber im Zusammenspiel hapert es noch. Jeder macht so sein Ding, sei es Horak, Rnic oder Markovic - alles gute Spieler. Haas versucht nach seiner langen Verletzung als Anführer das Spiel zu ordnen und zu machen. Aber spielerisch läuft es bei Göppingen einfach noch nicht rund, und man hat das Gefühl, dass die Spieler die Abläufe noch nicht kennen und sich nicht auf die Spielsituationen einlassen.

Von der Qualität der einzelnen Spieler gehört Frisch Auf weiter nach oben. So ein Team mit solchen Ambitionen muss jetzt bei den Aufsteigern - und das sind die nächsten drei Partien - gewinnen, das steht fest. Aber Selbstläufer gibt es in dieser Liga nicht.

Neuhausen, Essen und Minden haben bei dem ein oder anderen Spiel ihre Visitenkarte abgegeben und sich nicht abschlachten lassen. Da muss man auch als etablierter Bundesligist kämpfen, und kann auch verlieren, wenn man nicht 100 Prozent konzentriert an die Aufgabe heran geht.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 39, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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