Stefan Kretzschmar zollt bei der Dominanz des THW Respekt. Schwalbs Verlängerung beim HSV sei alternativlos, aber kritisch.

Hallo Handball-Fans,

ich bin mehr als beeindruckt davon, was der THW Kiel dieses Jahr abgeliefert hat. Das ist unfassbar. Besonders faszinieren mich die Professionalität und der Wille des gesamten Teams.

Ich habe es selten gesehen, dass ein Verein vom ersten bis zum letzten Bestandteil so fokussiert ist. Egal was Kiel in dieser Saison erreicht hat - und das war mit Meistertitel und Pokal weiß Gott nicht wenig - sie sind einfach nicht satt zu kriegen.

Vor dem Final Four haben sie keinerlei Anstalten gemacht, zu feiern oder sich mit den bisherigen Erfolgen zufrieden zu geben. Stattdessen habe sie bedingungslos und brachial gekämpft, um auch noch den letzten Titel zu erringen. Es gibt gar nicht genug Hüte, die man ziehen müsste vor dieser Leistung.

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Diese Saison wird auf jeden Fall in die Geschichte eingehen. Die Mannschaft hat sich mehr als unsterblich gemacht. So etwas hat es noch nie gegeben und so etwas wird es - so hoffe ich im Interesse des Handballs - auch nie mehr geben.

Auch wenn man als Handball-Fan lieber Spannung will, muss man neidlos anerkennen: Dieser THW war das Maß aller Dinge und ist vielleicht die beste Mannschaft aller Zeiten.

Der Abgang von Kim Andersson wird Kiel wehtun, denn er ist ein überragender Spieler und für mich der beste Halbrechte der Welt. Wenn nächstes Jahr vielleicht auch Marcus Ahlm, Thierry Omeyer und Daniel Narcisse gehen, ist das ein Umbruch, der den THW Qualität kostet.

Aber Kiel plant im Hintergrund immer Jahre im Vorraus und hat schon Alternativen im Auge oder unter Vertrag. Das haben sie vielen anderen Teams vorraus. Kiel wird auf jeden Fall weiter Titel erringen, aber in dieser Dominanz wahrscheinlich nicht mehr.

Hinter Kiel hat Flensburg eine tolle Entwicklung hinter sich. Die SG hat sich auf Vordermann gebracht und mit Ljubomir Vranjes einen super Trainer. Da ist in der Zukunft auf jeden Fall einiges möglich.

Die Berliner haben gezeigt, dass sie eine Spitzenmannschaft sind, Hamburg wird sich hoffentlich fangen, die Rhein-Neckar Löwen haben nächstes Jahr eine sympathische Mannschaft, die sich vielleicht zum ersten Mal seit der Entstehung dieses Vereins auch als solche präsentiert - da gibt es schon einige Teams, die um den Titel mitspielen können und werden.

Dass Martin Schwalb Trainer in Hamburg bleibt, ist die logische Konsequenz. Ich sehe das aber auch kritisch. Prinzipiell bin ich gegen Ämterhäufung, ob im Verein oder Verband. Ich bin kein Freund davon, wenn Leute auf zu vielen Hochzeiten tanzen, sich nicht auf das Wesentliche konzentrieren können und Macht anhäufen.

Gleichzeitig sind nicht viele gute Trainer auf dem Markt, die das Kaliber haben, einen so erfolgsverwöhnten Verein wie den HSV zu trainieren und ihn in kurzer Zeit zurück in die Erfolgsspur führen. Die Zeit für Experimente in Hamburg ist auch vorbei. Nach den Erfahrungen des letzten Jahres muss man auf Nummer sicher gehen und das tut man mit Schwalb.

Nachdem Andreas Rudolph (Mehrheitsgesellschafter und Mäzen des HSV Handball, Anm. d. Red.) einige finanzielle Mittel aus dem Verein zurückzieht, hatten die Hamburger vielleicht auch gar keine andere Wahl. Bei den Neuverpflichtungen konnte der HSV dieses Jahr wohl nicht aus dem Vollen schöpfen.

Dass der HSV mit Marcin Lijewski verlängert, war zu erwarten. Adrian Pfahl erfüllt seinen Vertrag in Gummersbach und kommt definitiv nicht vor 2013. Oscar Carlen ist verletzt und man weiß nicht, wann er zurück kommt. Möglicherweise wäre der HSV dann ohne Linkshänder dagestanden. Das ist ein extrem hohes Risiko. So ist der Kader für die nächste Saison auf jeden Fall wettbewerbsfähig.

Beide Personalentscheidungen machen zumindest für die kommende Saison Sinn, vor allem weil man eben den Gürtel enger schnallen muss.

Wenn ich an die Füchse denke, kommt es mir mittlerweile vor wie eine Schallplatte, die einen Sprung hat: Ich wundere mich jedes Mal auf's Neue, wie sie es mit einem Kader, der dem der Kieler eigentlich um Längen unterlegen ist, tatsächlich schaffen, den THW fasst aus dem Final Four zu werfen.

Wie sie diese fantastische Leistung mit ihrer verschworenen Einheit und über sich hinauswachsenden Einzelspielern über eine ganze Saison abrufen können, ist mir ein Rätsel. Eigentlich hatte ich nach dem letzen Jahr schon den Einbruch erwartet.

Was Dagur Sigurdsson und Bob Hanning aus dieser Mannschaft herauskitzeln, ist unglaublich und vielleicht noch höher einzuschätzen, als so mancher Titel, den die Kieler geholt haben. Mit diesem Kader ist das, was die Füchse erreicht haben, schon die ganz hohe Schule.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 39, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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