Stefan Kretzschmar spricht über seine Entscheidung für Leipzig und gegen den HSV. Essen prophezeit er den direkten Abstieg.

Hallo Handball-Fans,

dass ich das Angebot vom HSV nicht angenommen habe würde ich weniger als Absage, sondern vielmehr als Entscheidung für Leipzig bezeichnen (Bericht: Kretzsche lehnt HSV-Angebot ab).

Das war einfach eine emotionale Entscheidung. Wir haben über Jahre dort etwas aufgebaut, mit großen Visionen und Leuten, die für dieses Projekt auf sehr viel verzichten.

Und das ist auch eine Sache der Verantwortung - für das Projekt, den Verein, die Stadt, die Fans. Dass man nicht nach über zwei Jahren sagt, ich habe ein neues Angebot und tschüss, weg bin ich. Man muss sich auch überlegen, ob man das mit seinem Gewissen vereinbaren kann.

Natürlich ist das ein herausragendes Angebot, wenn der HSV Hamburg anfragt, ob ich mir meine Zukunft dort vorstellen kann. Auch ökonomisch wäre das verlockend gewesen. Aber wir haben in Leipzig noch eine Menge vor. Und Herz und Bauch haben sich entschieden, das dort zu Ende zu bringen. Und das heißt, erste Liga.

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Beim Lufthansa Final Four ist eigentlich alles so eingetreten, wie man es erwartet hat: Die Kieler haben den Pokal gewonnen. Und auch wenn die Spiele knapp waren, war es doch eine relativ dominante Vorstellung des THW. Immer wenn sie ein wenig unter Druck geraten sind, hatten sie die nötigen Antworten und haben für meine Begriffe auf ganzer Linie überzeugt.

Natürlich hat sich der HSV ordentlich verkauft und mit Engagement sowie Elan dagegen gehalten, aber die Kieler sind in dieser Saison einfach nicht zu stoppen.

Ich finde, dass die besten beiden Mannschaften Hamburg und Kiel waren, das vorweggenommene Finale sozusagen. Aber auch Flensburg hat sich gut verkauft, auch gegen Kiel. Doch was ist es am Ende wert? Ist es schon so weit, dass, wenn sich ein Team gegen Kiel gut verkaufen, dass das dann reicht?

Die Kieler Dominanz wird für alle, außer dem THW, langsam erdrückend. Da muss man sich auch einmal Gedanken machen. Es sollten sich alle Bundesligisten zusammen setzen, ohne Kiel, und beraten wie sie ihre Kräfte bündeln können, um diese Vorherrschaft im deutschen Handball doch ein wenig ins Wanken zu bringen.

Für die Flensburger ist der Ausfall von Holger Glandorf ein herber Verlust, ohne Frage. Doch hat die SG immer, auch ohne Glandorf überzeugt, vor allem auch durch mannschaftliche Geschlossenheit. Sie sind in der Tat zu einer Mannschaft zusammen gewachsen und das macht sie auch zu einer Spitzenmannschaft.

Mit Glandorf, Kaufmann, Mogensen, und auch Djordjic, der Akzente setzt, haben sie große individuelle Klasse. Sie überzeugen durch eine sehr kompromisslose Abwehr, haben sehr konstant gespielt, sind sehr heimstark und hatten wenig Aussetzer in dieser Saison.

Das macht in dieser Spielzeit auch den Unterschied zum HSV und den Rhein-Neckar Löwen aus - zu den Füchsen eher nicht. Sie sind wieder einmal die Überraschungsmannschaft. Vom Kader her geht man nicht unbedingt davon aus, dass sie auf Platz zwei oder drei stehen. Sie machen das ganz hervorragend, haben ein taktisches Grundkonzept, das sich bewährt hat und zwei tolle Torhüter - Heinevetter noch herausragender als Stochl.

Daher sind das die beiden Mannschaften, die den anderen vermeintlich Großen zwei, HSV und Rhein-Neckar Löwen, einfach voraus haben, dass sie sich keine Aussetzer leisten, auf den Punkt genau konzentrieren und damit auch zu einer Spitzenmannschaft gereift sind.

Der Aufstieg für TuSEM Essen freut mich sehr, weil ich denke, dass Manager Stephan Krebietke einen ganz tollen Job macht. Es war schließlich keine leichte Aufgabe diesen insolventen und teils verbrannten Verein zu übernehmen und die Leute wieder zu begeistern.

Es ist sicherlich begrenzt, was man dort erreichen kann und man wird meines Erachtens nach auch gleich wieder absteigen. Aber das sollte die Euphorie auf keinen Fall bremsen, ein Jahr erste Liga zu spielen. Man macht dort auch kein Harakiri, das finde ich gut und hat sich diesen Aufstieg hart erarbeitet.

Mit den bisherigen Möglichkeiten wird man dort aber keine Chance haben. Dafür ist der Abstand, auch vom Etat her, viel zu groß. Es ist sowieso komisch, wie man in dieser zweiten Liga aufsteigen kann. Man kann fast mit 30 Minuspunkten noch aufsteigen. Da muss man kein Prophet sein, um zu sagen, dass sie in der ersten Liga wenige Chancen haben - und wohl gleich wieder absteigen werden.

Wer vielleicht eine Chance hat, zu überleben, ist Minden. Weil dort auch finanziell mehr möglich ist und man sich dort noch mehr verstärken kann beziehungsweise schon verstärkt hat.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 39, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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