Brasiliens Start der WM-Mission wird von Protesten überschattet, der Teambus wird mit Essen beworfen. Angst macht sich breit

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Aus Brasilien berichtet Martina Farmbauer

Teresopolis - Ronaldinho drückt Uruguay die Daumen.

Der Obstverkäufer auf dem Markt in Laranjeiras, einem Wohnviertel Rio de Janeiros, ist zwar Fan des brasilianischen Fußballspielers, nach dem er wegen seiner verblüffend ähnlichen Zähne benannt ist.

Aber er findet auch den uruguayischen Präsidenten Jose Mujica gut. Mujica lebt auf einem kleinem Bauernhof, fährt privat einen alten Käfer und beruflich einen Corsa und spendet 90 Prozent seines Gehalts.

So etwas kommt auch in Brasilien gut an.

Aber irgendetwas kann in dem fußballverrückten Land nicht stimmen, wenn einer seiner Bürger ausgerechnet für den Staatschef der Nation schwärmt, gegen die die Selecao bei der Heim-WM 1950 im eigenen Land die schlimmste Niederlage ihrer Geschichte erlitt und durch das 1:2 im Maracana den Titel verlor.

Teambus mit Essen beworfen

Insgesamt ist die Stimmung im WM-Gastgeberland gut zwei Wochen vor Turnierbeginn - wie bei Obstverkäufer Ronaldinho - gespalten und verhaltener als bei vorherigen Weltmeisterschaften.

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Das bekam auch die eigene Mannschaft am Montag zu spüren.

Bei der Abfahrt ins Trainingslager in Teresopolis, wo sich die Mannschaft um die Bundesligaprofis Dante und Luiz Gustavo auf die Heim-WM (12. Juni bis 13. Juli) vorbereitet, kam es am Treffpunkt in Rio de Janeiro zu Protesten von rund 200 Demonstranten (ÜBERSICHT: Die vorläufigen WM-Kader der Gruppen A bis D).

Brasilianischen Medienberichten zufolge wurde der Teambus der Seleaco mit Essen beworfen und mit Dutzenden Aufklebern, auf denen "Nao vai ter Copa" ("Es wird keine WM geben") stand, beklebt.

Unter den Demonstranten waren viele streikende Lehrer, die gegen die Milliarden-Ausgaben für die WM protestieren und mehr Geld für die Bildung fordern. Auch bei der Ankunft in Teresopolis kam es vor dem Trainingszentrum "Granja Comary" zu Protesten.

Bierhoff: "Die Spieler bekommen das mit"

Auch bei der deutschen Nationalmannschaft beschäftigt man sich mit der angespannten Lage im Gastgeberland.

"Die Spieler bekommen das mit", sagte Oliver Bierhoff am Dienstag im Trainingslager des DFB-Teams in St. Martin im Passeiertal.

"Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass solche Dinge passieren können", fuhr der Teammanager fort:

"Wir haben unsere eigenen Sicherheitsleute dabei. Wir müssen aufmerksam sein und mit allem rechnen. Ich hoffe, dass es während des Turniers keine Behinderungen für alle Mannschaften gibt."

Angst macht sich breit

Je näher die WM rückt, desto mehr rückt das Thema Sicherheit in Brasilien in den Fokus.

Die Lehrer in Rio hatten in der vergangenen Woche bereits gestreikt, ebenso die Streifenpolizei.

Weil sie die Sicherheit nicht gewährleistet sahen, schlossen die Banken. Angst macht sich breit.

Bei den einen, weil sie befürchten, dass andere Polizeieinheiten bei den Streiks aggressiv reagieren könnten; bei den anderen, weil die Gewalt aus den Favelas auf andere Gebiete überzuschwappen droht.

Einige Organisatoren von Demonstrationen haben angekündigt, dass es während der WM noch mehr und größere Proteste geben wird als derzeit.

Fußball ist Kulturerbe"

In Rio de Janeiro sind besonders die "Black Blocks" aktiv, die ihre Gesichter schwarz verhüllen.

Die Weltmeisterschaft bietet eine Plattform für Streiks. Auf die angespannte Stimmung im Land angesprochen, wurde Carlos Parreira am Montag deutlich.

"Fußball ist ein Kulturerbe des brasilianischen Volkes", sagte der Sportdirektor der Nationalmannschaft auf SPORT1-Nachfrage bei der Pressekonferenz zum Auftakt der WM-Vorbereitung:

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"Ich bin mir sicher, dass das brasilianische Volk hinter der Selecao stehen wird."

Regenschirme statt Fanartikel

Trotzdem aber begann die brasilianische Nationalmannschaft ihre WM-Mission unter Protesten.

Möglicherweise ändert sich die Stimmung noch. Es kann sein, dass die WM-Begeisterung ausbricht, sobald der Ball rollt. Noch aber ist davon wenig zu spüren.

Die Straßenhändler in Laranjeiras in Rio verkauften am vergangenen Samstag Regenschirme statt der entsprechenden Fanartikel.

Diese sind an einigen Stellen der Stadt aber auch schon zu finden. Wie im Shoppingcenter "Saara" im unsicheren Zentrum oder auf der Straße "Nossa Senhora da Copacabana", wo sich viele Touristen bewegen.

Ohnehin stellt sich die Frage, ob die Anzahl verkaufter Trikots und sonstiger Fanartikel ein Gradmesser für die Stimmung ist. Brasilien frönt dem Konsum ebenso wie dem Spektakel.

Brasilien braucht Zeit

Als am Montag die brasilianischen Nationalspieler nach und nach am Treffpunkt in Rio eintrudelten, zeigte sich, welchen Hype die Selecao auslösen kann.

Jedesmal, wenn einer der Spieler am Flughafen "Galeao" ankam, wurde er von Journalisten belagert. Das Fernsehen übertrug fast alles live.

Torwart Jefferson traf bereits Stunden vor der verabredeten Zeit ein, er hatte den Stau zwischen Niteroi und Rio gefürchtet.

Bis zum Auftaktspiel gegen Kroatien am 12. Juni hat die Mannschaft noch Zeit, um sich in Form zu bringen (Bericht: Brasilien in der Fitness-Falle?).

Das Land, um sich in WM-Stimmung zu versetzen (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

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