Luiz Felipe Scolari (l.) führte Brasilien zum WM-Gewinn 2002 © getty

Bei WM-Gastgeber Brasilien suchen zahlreiche Stars noch ihre Form. Böse Erinnerungen an die WM-Vorbereitung 2006 werden wach.

Aus Brasilien berichtet Martina Farmbauer

Teresopolis - Am Champions-League-Finale zwischen Real und Atletico Madrid (Nachbericht) interessierte die Brasilianer am meisten Marcelo.

In der 59. Minute eingewechselt, krönte der gebürtige "Carioca", wie die Einwohner Rio de Janeiros heißen, sein starkes Solo in der 118. Minute mit dem Tor zum 3:1. Sein Problem aber ist: Marcelo hat bei Real in dieser Saison oft nur zur zweiten Garde gehört.

Kein Einzelfall im Kader der Selecao: Marcelos Kollege Oscar ist bei Jose Mourinho beim FC Chelsea in Ungnade gefallen, und Paulinho bei Tottenham Hotspur ins Hintertreffen geraten.

Brasiliens Nationaltrainer Luiz Felipe Scolaris muss sich vor der WM im eigenen Land also darauf einstellen, dass einige seiner Säulen nicht im Rhythmus sind. Vor allem aber sorgt sich "Felipao" (der große Felipe), wie Scolari genannt wird, um den körperlichen Zustand seiner Spieler. (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014)

Scolari lässt Fitnesstrainer ran

"Ich glaube nicht, dass Paulinho oder Oscar vergessen haben, wie man Fußball spielt", sagte Scolari: "Es ist die Fitness, die mir Sorgen macht."

Schon kurz nach der Verkündung des WM-Kaders am 7. Mai in Rio de Janeiro hatte der Weltmeister-Trainer von 2002 deshalb angekündigt, dass sich in den ersten Tagen der Vorbereitung, die am heutigen Montag mit einem Medizincheck beginnt, fast die ganze Aufmerksamkeit auf die Arbeit des Fitnesstrainers Paulo Paixao und des Arztes Jose Luiz Runco richten werde.

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Kann die Kondition also zum ernsthaften Problem für die Brasilianer werden? Ausgerechnet für den WM-Gastgeber, der mit den schwierigen klimatischen Bedingungen eigentlich am besten klarkommen müsste?

Ohne die nötige Fitness und Frische dürften Superstar Neymar Co. kaum ihren Rhythmus finden.

Scolari legt wert auf Grundlagen

Zunächst einmal werden "Felipao" und sein Team im Trainingslager in Teresopolis, etwa 100 Kilometer von Rio de Janeiro in den Bergen gelegen, den Schwerpunkt auf die Tests der Mediziner und Fitnesstrainer legen.

Diese Tests werden der Ausgangspunkt sein, um die Spieler in die bestmögliche physische und technische Verfassung zu bringen.

Wie die meisten Trainer glaubt auch Scolari, dass es bei diesem Turnier mehr als bei den Weltmeisterschaften zuvor auf die Fitness ankommen wird.

"Die Spiele haben jedes Mal eine höhere Intensität, und deshalb müssen alle vorbereitet sein, um den Rhythmus mitzugehen", sagt er.

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Zu viel Ablenkung

Derzeit wird die Vorbereitung des Rekordweltmeisters, für den bei der Heim-WM nur der Titel zählt, allerdings noch durch unzählige Interviews, Werbespots und ähnliche Termine der Spieler der Selecao beeinträchtigt.

So war erst an diesem Sonntagabend Superstar Neymar bei Faustao, einem der bekanntesten Sportmoderatoren Brasiliens, zu Gast und plauderte im Interview nicht nur über den Sport, sondern auch über Themen wie Familie und Liebe (ÜBERSICHT: Die vorläufigen WM-Kader der Gruppen A bis D).

Beobachter befürchten, dass sich Scolaris recht junges Team - nur fünf Spieler (Thiago Silva, Ramires, Julio Cesar, Dani Alves und Maicon) gehörten bereits vor vier Jahren in Südafrika zum Aufgebot - von dem Brimborium ablenken lässt.

Denn Ähnliches gab es schon einmal.

Erinnerungen werden wach

Vor acht Jahren ging Brasilien als Titelverteidiger, Favorit und nicht unbedingt bestens vorbereitet ins WM-Turnier in Deutschland.

Die Euphorie nach dem Titelgewinn 2002 war so groß, dass im Trainingslager in der Schweiz die einheimische Bevölkerung zu den Übungseinheiten zugelassen war. Das brasilianische Fernsehen übertrug die Trainingseinheiten live. Im Turnier war schließlich im Viertelfinale gegen Frankreich Endstation (0:1).

Die Erinnerungen an die Vorbereitung auf die WM 2006 sollten Scolari und Co. Warnung genug sein.

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