Zum Durchklicken: So schön wird die WM © getty

Vor der WM im eigenen Land beherrscht Brasilien nur eine Frage: Wen beruft Nationalcoach Luiz Felipe Scolari in die Selecao?

Von Martina Farmbauer

München - Gott ist Brasilianer, heißt es, und in Brasilien leben 140 Millionen Katholiken.

Da liegt es nahe, dass die Religion auch im Fußball eine wichtige Rolle spielt.

Reiner Calmund, der als einer der Ersten brasilianische Spieler in die Bundesliga holte, hat das beim Weltkirchentag in Köln in diesem Jahr wieder einmal festgestellt. Da organisierte er ein Treffen zwischen dem emeritierten Papst Benedikt und der brasilianischen Fußballlegende Pele.

"Das war für ihn ein ganz wichtiger Moment", erzählt Calmund, langjähriger Manager von Bayer Leverkusen, im Gespräch mit SPORT1: "Er hat gesagt: 'Da war ich dem lieben Gott nahe'."

Scolari vor schwerer Entscheidung

Auch Luiz Felipe Scolari hat die göttliche Nähe gesucht, bevor er an diesem Mittwoch den Kader Brasiliens für die Weltmeisterschaft im Juni und Juli bekanntgeben wird (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

Das hatte er 2002 schon gemacht - und 2002 wurde Brasilien dann Weltmeister. Am vergangenen Sonntag besuchte Scolari also die Messe in Farroupilha in Rio de Grande do Sul.

Kraft holen für eine der wichtigsten Entscheidungen seiner Trainerkarriere: die 23 Männer zu bestimmen, die im eigenen Land den sechsten Weltmeistertitel, das "Hexacampeonato", gewinnen sollen.

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Drei Bundesliga-Kicker hoffen

Unter ihnen sind mit großer Wahrscheinlichkeit auch Dante, Rafinha (beide FC Bayern München) und Luiz Gustavo vom VfL Wolfsburg.

Alle drei, das ist bekannt, sind auf ihre Art und Weise religiös, wobei Rafinha wohl noch am meisten beten muss. Dass der Kader zu 95 Prozent steht, hatte "Felipao" bei seinem Besuch in Europa zuletzt bereits gesagt (Bericht: Meilensammler auf heikler Mission); vor zwei Wochen verriet er dann auch schon einmal acht Spieler, die ihren Platz auf jeden Fall sicher haben.

Acht Spieler gesetzt

Es sind dies die vier Kapitäne David Luiz vom FC Chelsea, Thiago Silva von Paris St. Germain, Julio Cesar vom FC Toronto und Fred von Fluminense Rio de Janeiro sowie Willian, Oscar, Ramires (alle ebenfalls Chelsea) und Paulinho von Tottenham Hotspur.

Neymar nannte Luiz Felipe Scolari zwar nicht, aber der Superstar vom FC Barcelona ist natürlich trotz Formschwankungen und jüngster Verletzung fester Bestandteil der Selecao ( 816411 DIASHOW: Die Spielstätten der WM 2014 ).

Dante nur Nummer drei

Dante und Luiz Gustavo gelten für das WM-Aufgebot als gesetzt, ihre Aussichten auf die Stammmannschaft sind allerdings unterschiedlich.

Schon als beide noch beim FC Bayern waren, machten sie Witze, weil Dante regelmäßig in München zum Einsatz kam und nicht in der Nationalmannschaft, bei Luiz Gustavo dagegen war es umgekehrt.

David Luiz und Thiago Silva dürften bei der Weltmeisterschaft zunächst das Innenverteidiger-Duo bilden, da müsste dann erst einmal wieder Dante zuschauen.

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Rafinha zur WM?

Rafinha kann zu den fünf Prozent gehören, die an Überraschungen noch möglich sind - positiver wei negativer Art. Er ist überhaupt erst sehr spät und dank Pep Guardiola, der ihn beim FC Bayern spielen ließ, ins Blickfeld von Scolari gerückt.

Im bisher letzten Test der Nationalmannschaft gegen Südafrika durfte er sein Können 90 Minuten unter Beweis stellen, was für ihn statt Maicon vom AS Rom als Backup für Daniel Alves (FC Barcelona) spricht.

Gegen ihn sprechen seine schwache Leistung gegen Real Madrid und Ausraster wie bei der Roten Karte gegen Borussia Dortmund.

Anpassung ist gefragt

Die Nominierung der Bundesliga-Brasilianer Dante, Rafinha und Luiz Gustavo würde jedenfalls zeigen, worauf es ankommt, wenn ein brasilianischer Spieler nach Deutschland kommt.

"Er muss hart arbeiten und in die Kultur hereinkommen wollen", sagt Hans Zeese, Geschäftsführer der Spielerberater-Agentur Boavista Consulting bei SPORT1: "Sonst wird er es auch auf dem Platz nicht schaffen."

Fast alle potentiellen Mitglieder des Kaders Brasiliens für die WM sind in den besten Ligen Europas am Ball, sie haben sich eingewöhnt und die Stärken des europäischen Fußballs übernommen.

Elber sieht Deutschland vorne

Dennoch sieht Giovane Elber im Kampf um den Titel die deutsche Mannschaft vorne. "Sie ist im Kern die gleiche wie in Südafrika 2010", sagt der ehemalige Spieler des VfB Stuttgart, des FC Bayern und der brasilianischen Nationalmannschaft im Gespräch mit SPORT1: "Brasilien hat sich beim Confederations Cup gefangen und kann ein gutes Turnier spielen. Weltmeister zu werden ist eine andere Sache."

Vielleicht ist auch das Glaubenssache. Vielleicht möchte Giovane Elber auch nicht die allgemein hohe Erwartungshaltung teilen, nach der nur der Titel zählt.

Scolari fordert Siegermentalität

Luiz Felipe Scolari mag sich zwar himmlischen Beistand geholt haben, allein auf diesen verlassen möchte sich der Mann aus dem brasilianischen Süden, der ein Fan des Fußballs in Europa ist, bei seiner Mission aber nicht.

Das verdeutlichte er vor einigen Tagen in einem Interview mit dem Radiosender "Estacao FM": "Klar, dass der Segen, der Glaube und all das wichtig ist. Aber den Willen, die Disziplin und die Siegermentalität haben nur wir selbst."

Calmund: "Wie Post aus dem Himmel"

Wenn es nach Reiner Calmund geht, dann werden Scolari und seine Auserwählten all diese Qualitäten auch brauchen.

"Wenn Brasilianer eine Einladung zur Selecao kriegen, dann ist das so, als ob sie Post aus dem Himmel bekommen", erklärt Calmund. "Dann springen sie in die Luft und einige denken, während sie noch oben sind: Wenn ich nicht Weltmeister werde, muss ich zum Gesichtschirurgen."

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