Zum Durchklicken: Die Stadien der WM 2014 © getty

WM-Gastgeber Brasilien wird von Problemen geplagt: Neben unfertigen Stadion bereitet vor allem die Infrastruktur Sorgen.

Von Martina Farmbauer

München/Sao Paulo - Als die Regierung die Busfahrpreise um 20 Cent erhöhte, gingen die Menschen auf die Straße. Erst wenige nur. Dann schlossen sich immer mehr an.

200.000 waren es schließlich, die während des Confederations Cups protestierten. Die Proteste hatten sich zu einer Bewegung der intellektuellen Mittelklasse entwickelt, und es waren die größten Demonstrationen in Brasilien seit dem Kampf gegen die Militärdiktatur.

Diese endete im Jahr 1985. Und längst ging es im Juni diesen Jahres nicht mehr nur um 20 Cent für Busfahrkarten, sondern um Milliarden für Stadien für die Weltmeisterschaft 2014.

"Es wird zu Demonstrationen kommen"

"Es wird wieder zu Demonstrationen kommen", sagt die Juristin Fernanda Sieverling aus Goiana im Bundesstaat Minas Gerais im Gespräch mit SPORT1, die für die Stadt München arbeitet: "Alle wissen das."

Private Investitionen sollten in die Fußballstadien fließen. Doch dieses Versprechen wurde nicht eingehalten. Der Staat muss für die Konstruktion oder Renovierung der Arenen aufkommen.

Von den Reformen, die Präsidentin Dilma Rousseff als Reaktion auf die Proteste versprochen hatte, sind nur wenige umgesetzt worden.

"Das bedeutet", sagt Renato Cymbalista, diesjähriger Kurator des deutschen Beitrags zu der Architektur-Biennale von Sao Paulo im Gespräch mit SPORT1, "dass eine Gesellschaft sich nicht strukturell verändert in so kurzer Zeit und wegen eines einzelnen Sportevents."

Sein Kollege Martin Gegner, Gastprofessor für Stadt- und Architektursoziologie an der Universidade de Sao Paulo und Leiter des Büros des Deutsch-Akademischen Austauschdienstes in der Elf-Millionen-Metropole, sagt denn auch im Gespräch mit SPORT1: "Die Weltmeisterschaft wird die Probleme des Landes zeigen."

Deutscher plant Arena von Deutschlands Auftaktspiel

Probleme? Bei ihm sei fast alles problemlos gelaufen, meint Claas Schulitz im Gespräch mit SPORT1, der die Arena Fonte Nova in Salvador da Bahia geplant hat. Dort wird Deutschland am 16. Juni gegen Portugal sein erstes WM-Spiel bestreiten.

Doch auch Schulitz ist bei seiner Arbeit immer wieder auf Schwierigkeiten gestoßen: "Was chaotisch ist, ist, wie die Terminschienen laufen, Vergaben und Beauftragungen waren zu spät, dadurch kam es zu Verzögerungen."

Statt im Dezember 2012 wurde die Arena im April 2013 fertig. Immerhin: Sie ist fertig.

Alle Welt spricht derzeit über die Stadien, deren Bau nicht rechtzeitig bis Ende Dezember abgeschlossen sein wird, der ursprünglichen Frist der FIFA.

Sechs von zwölf Stadien sind fertig

Dessen Präsident Josef Blatter sagte am vergangenen Freitag, dass das Itaquerao-Stadion in Sao Paulo, wo es vor zwei Wochen einen Unfall mit zwei toten Bauarbeitern gegeben hatte, erst zwei Monate vor Turnierbeginn am 12. Juni fertig werden würde.

Schulitz wundert sich, "dass die FIFA das akzeptiert." Es sei wichtig, dass das Stadion vor der WM nochmal getestet werde. Nur dann verstehe man schließlich: "Wie funktioniert das mit dem Sicherheitspersonal, wie funktioniert das mit dem Einlass, wie funktioniert überhaupt die Logistik."

Von zwölf WM-Stadien sind noch weitere fünf nicht fertig, die Arena de Baixada in Curitiba, die Arena de Amazonia in Manaus, die Arena Pantanal in Cuiaba, das Estadio das Dunas in Natal und das Estadio Beira-Rio in Porto Alegre.

Frust über gebrochene Versprechen

"Ich gehe davon aus, dass die Stadien fertig werden?, sagt Stadt- und Architektursoziologe Gegner: "Aber wie es darum herum aussieht, da sehe ich viel größere Probleme."

Also bei Straßen vom und zum Flughafen, Buskorridoren zwischen Stadtzentrum und Stadion, U-Bahnlinien und anderen Infrastruktur-Maßnahmen.

Mit den in Aussicht gestellten Verbesserungen in diesen Bereichen, sollten auch die Brasilianer noch einmal besonders für die WM begeistert werden.

"Als die Weltmeisterschaft an Brasilien vergeben wurde, gab es viel Hoffnung, dass die darniederliegende Infrastruktur des Landes verbessert werden würde", sagt Kurator Renato Cymbalista:

"Leider entwickelte sich die Situation nicht in diese Richtung."

"Korruption ist eine Plage"

Nach und nach wurden - und werden immer noch - große Investitionen in urbane Mobilität gestrichen.

Und wenn ein Stadion, ein Flughafen oder ein anderer Bau dreimal so teuer sei wie in Deutschland, könne sich fast jeder Brasilianer denken, woran das liege, sagt Martin Gegner: "Korruption ist eine Plage in diesem Land."

Aber viele denken auch, dass man das Geld besser in anderen Bereiche investiert hätte. In Schulen, in Krankenhäuser.

Der Optimismus bleibt

Brasilianer sagen, dass in Deutschland die Organisation gut sei und alles andere schlecht. Und dass in Brasilien die Organisation schlecht sei und alles andere gut.

"Zum Glück für uns sind Fröhlichkeit und Optimismus auch strukturell", sagt Renato Cymbalista: "Und trotz all der Probleme bin ich überzeugt, dass Ausländer eine großartige Zeit haben werden, sobald sie hier im Land für die Weltmeisterschaft ankommen."

Die Brasilianer sind trotz aller Schwierigkeiten stolz, die WM auszurichten. Aber: Die fehlende Organisation und die nicht vorhandene Infrastruktur, die den Menschen versprochen wurde, könnten wieder zu Protesten führen.

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