Cristiano Ronaldo (l.), Franck Ribery (m.) und Lionel Messi © SPORT1

Keiner blickt mehr durch im Lostopf-Wirrwarr - nur die Engländer. Und die haben Angst. BVB-Coach Jürgen Klopp amüsiert das Chaos.

Von Patrick Mayer und Thorsten Mesch

München/Costa do Sauipe - Brasilien wird die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten ausrichten, sagt O Fenomeno.

WM-Rekordtorjäger Ronaldo freut sich vor der endgültigen Auslosung der Vorrunde am frühen Freitagabend auf echte Hammergruppen. Ganz Brasilien kocht vor Anspannung und Vorfreude.

Ein anderer Ronaldo hingegen grübelt. Dieser ist Portugiese und hat einen Vornamen: Cristiano.

Mit seiner Nationalmannschaft droht dem Superstar von Real Madrid die ganz hohe Hürde. Schon zu Turnierbeginn könnten Lionel Messi und Argentiniern sowie die Franzosen um Bayern-Star Franck Ribery warten.

Die drei derzeit besten Fußballer der Welt in einer Gruppe? Alles ist möglich.

Warum? Das alles ist kompliziert.

Komplizierter geht kaum

Der Fußball-Weltverband FIFA müht sich wahrlich um einen Spannungsbogen.

Vor der Festlegung der Lostöpfe am Dienstag harrten die Europäer von Lissabon bis Athen der Dinge - die nun neun Teams aus Lostopf vier sind hinterher aber kaum schlauer als zuvor.

Komplizierter geht nicht, gibt's nicht, dachten sich die Herren der FIFA und verkündeten, dass ein europäisches Team erst am Entscheidungstag dem Topf mit den afrikanischen und südamerikanischen Mannschaften zugelost wird. Topf zwei also.

Somit kommt es zu einer Auslosung unmittelbar vor der Auslosung.

Dabei schien vor Einteilung fast klar: Frankreich als statistisch schwächstes Team fällt aus dem Europa-Topf heraus. Nun sind Ribery Co. aber erstmal wieder drin.

Hinhaltetaktik der FIFA

Das gezogene europäische Team trifft in jedem Fall auf einen südamerikanischen Gruppenkopf. Aber wozu die ganze Geheimniskrämerei?

Die Hinhaltetaktik der FIFA sorgt vielerorts für Stirnrunzeln.

"Es ist schön, dass die FIFA ein Riesen-Event daraus macht, aber sie könnten auch einfach losen und die Verbände dann anrufen", sagte BVB-Coach Jürgen Klopp nach dem 2:0 seiner Dortmunder im DFB-Pokal-Achtelfinale bei Drittligist 1. FC Saarbrücken (Bericht).

Er könne die Einteilung der Lostöpfe ohnehin nicht nachvollziehen, meinte er, "dass die Schweiz jetzt in Topf eins ist. Das gibt's sonst nur im alpinen Sport."

Auch Löw mit Zweifeln

Und Klopp hat nicht ganz Unrecht. Die FIFA erklärte, dass die Gruppenköpfe nach der Weltrangliste benannt worden seien - sieben Teams plus Gastgeber Brasilien.

"Dass da plötzlich Teams wie die Schweiz oder Belgien vor Italien und den Niederlanden stehen, das ist schon interessant", meinte Bundestrainer Joachim Löw Mitte November vor den Länderspielreisen nach Italien und England.

Denn: Als Grundlage dient der Setzliste die Weltrangliste vom Oktober. Das aktuelle Klassement vom 28. November hätte eine völlig neue Konstellation offenbart.

Neue Konstellation

Belgien, ein Gruppenkopf, wird nur noch auf Rang elf geführt. Italien, das mit dem 1:1 gegen Deutschland reichlich Punkte sammelte, ist plötzlich Siebter.

Mario Balotelli Co. stehen nicht nur vor den "Roten Teufeln", sie lassen auch die Schweiz hinter sich, müssten folglich bei der Auslosung am Freitag einer der Gruppenköpfe sein. Eigentlich. Sind sie aber nicht.

Da Brasilien als Gastgeberland gesetzt ist, dürfte die aktuell achtplatzierte Schweiz hingegen nicht im ersten Lostopf sein. Ist sie aber.

Die Portugiesen sind momentan übrigens Weltranglistenfünfter. Sind sie gesetzt? Nein.

Perfektes Chaos

Das Chaos ist perfekt. Oder doch die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten, wie der brasilianische Ronaldo sagen würde?

Schließlich könnten auch Brasilien, Italien und Portugal in einer Gruppe aufeinandertreffen. Neymar gegen Balotelli und "CR7"?

Diese Konstellation lässt sich beliebig austauschen. Zum Beispiel gegen eine Gruppe mit Messi, "CR7" und Ribery.

Folglich weiß die französische Presse nicht so recht, ob die Grande Nation angesichts der nun feststehenden Ausgangslage jubeln soll oder nicht.

Während "Le Monde" eine "Todesgruppe" heraufbeschwört, titelt "L'Equipe" mit "Gute Nachricht für die Blauen".

Nur der englische Boulevard fällte ein eindeutiges Urteil: "England riskiert eine Gruppe, die aus einem schwierigen Job einen beinahe unmöglichen macht, und alles nur wegen eines Machtkampfes hinter den Kulissen mit Beteiligung von Michel Platini", schrieb der "Mirror".

Nun auch noch ein Machtkampf? Nunja, die Engländer konstruieren jedenfalls einen. So habe Frankreich den Sprung in den Europa-Topf nur dank des Drucks von UEFA-Präsident Platini geschafft.

Dieser sei ja schließlich Franzose.

Eines ist immerhin klar: Es bleibt kompliziert.

Die Lostöpfe im Überblick:

Topf1, gesetzte Teams, Gruppenköpfe: Brasilien, Spanien, Deutschland, Argentinien, Kolumbien, Uruguay, Schweiz, Belgien

Topf 2: Afrika und Südamerika: Chile, Ecuador, Algerien, Elfenbeinküste, Ghana, Kamerun, Nigeria

Topf 3:, Asien, Nord-, Zentralamerika und Karibik: Australien, Iran, Japan, Südkorea, Costa Rica, Honduras, Mexiko, USA

Topf 4: Europa: Niederlande, Italien, England, Portugal, Griechenland, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Russland, Frankreich

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