Bosnien feiert die WM-Qualifikation. Ex-Bayern-Star Salihamidzic spricht bei SPORT1.fm über den Freudentaumel und das Team.

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Von Mathias Frohnapfel und Willi Arsan

München - Er hat nur den Fuß hingehalten und aus vier Metern den Ball versenkt. Stürmerroutine.

Doch Vedad Ibisevic ist jetzt Nationalheld in Bosnien-Herzegowina. Sein goldenes Tor beim 1:0 in Litauen brachte dem kleinen Land die erste WM-Qualifikation seiner Geschichte.

Wie in Trance lief Ibisevic nach der Partie mit Sead Salihovic eine Ehrenrunde. Der Profi des VfB Stuttgarts und sein Kumpel von 1899 Hoffenheim feierten gemeinsam, zelebrierten den historischen Erfolg (DATENCENTER: Die WM-Qualifikation).

Dass sie zwischendurch quietschgelbe T-Shirts überstreifen und dann spätnachts in Sarajewo vor einer euphorisierten Menschenmenge standen - für die beiden muss das alles wie im Zeitraffer geschehen sein. Oder wie im Traum.

Bundesliga veredelt Talente

"Das ist überwältigend", sagte Ibisevic. Sein achtes Tor in der Qualifikation war sein wichtigstes.

Bosnien-Herzegowina fährt zur WM. Oder anders ausgedrückt: Ein Land mit 4,5 Millionen Einwohnern, dessen fußballerisch begabtestes Söhne in der Bundesliga ihr Talent veredelten.

Neben Ibisevic und Salihovic standen in Kaunas auch der Leverkusener Emir Spahic und der Braunschweiger Ermin Bicakcic in der Startelf.

Und die beiden Ex-Wolfsburger Zvjedan Misimovic und Edin Dzeko sind ja auch Bundesliga-Sprösslinge.

Salihamidzic: "Ausnahmezustand"

Genauso wie Hasan "Brazzo" Salihamidzic.

Der frühere Bayern-Star bejubelte das Siegtor vor dem Fernseher, telefonierte sofort mit seinen Eltern. "In Bosnien war gestern Ausnahmezustand, heute auch noch", berichtet er im Gespräch mit SPORT1.fm:

"Es hat nach Schießpulver gerochen, haben sie mir gesagt. Die Stimmung war unglaublich."

Das Feuerwerk flog, als ob es für diesen Abend gehortet worden wäre. Und sogar die Journalisten vergaßen ihre eigentliche Rolle, sangen mit den Fußballern.

Hasan Salihamidzic im SPORT1.fm-Interview

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Salihamidzic war erst vergangene Woche beim 4:1-Sieg über Liechtenstein in Sarajewo und merkte, dass dem Team alles zuzutrauen war. Erster in der Gruppe G vor den punktgleichen Griechen, für den Balkan-Staat kommt das fast einem WM-Titel gleich.

"Jetzt werden wir Weltmeister"

"Die Jungs sind gut, sie spielen erfrischenden offensiven Fußball und glauben an sich", kommentierte Salihamidzic und zog in sein Lob Trainer Safet Susic ("richtig gut") gleich ein.

Mit Dzeko und Misimovic war Salihamidzic vor ein paar Tagen noch auf dem Oktoberfest in München unterwegs, spürte wie der WM-Traum die Stars beschäftigte.

"Jetzt werden wir Weltmeister", scherzt der frühere Nationalspieler mit Blick auf das Turnier am Zuckerhut. Tatsächlich wäre schon das Überstehen der Gruppe ein "Riesenerfolg" weiß er und hofft auf die Erfahrung der bosnischen Legionäre.

"Die Nationalspieler sind international unterwegs, spielen in guten Ligen, aber man braucht in der Gruppenphase auch Losglück", meint Salihamidzic

Flucht aus dem Kriegsgebiet

1992 hatten ihn seine Eltern nach Hamburg geschickt, um ihn aus den Wirren des Bürgerkriegs zu befreien. Dem späteren Champions-League-Sieger erging es damit wie Sead Salihovic, der als Siebenjähriger mit seiner Familie nach Berlin flüchtete.

Wie kein anderes Land traf Bosnien zu Beginn der 90er-Jahre der Krieg im zerfallenden Jugoslawien, Familien wurden zerrissen, fast überall gab es Leid, Verbitterung und Hass.

1992 erklärte sich das Land unabhängig, 1995 endete der Krieg. Dass der Fußball jetzt die Einheit stärkt, erscheint als womöglich allzu große Hoffnung.

Einheitstraum nur Utopie?

Die Teilrepublik Srpska möchte schon bald mit einer eigenen Mannschaft Spiele bestreiten, ein Freundschaftsspiel gegen Serbien ist geplant, um die Genehmigung der FIFA wird geworben.

Der Trainer des Teams kommt übrigens wie viele bosnische Profis auch aus der Bundesliga: Sein Name: Zejko Buvac. Er ist Co-Trainer von Borussia Dortmund und will den Trainerjob für die Teilrepublik Srpska nebenberuflich erledigen.

Die Erfolge des bosnischen Nationalteams könnten diese Unabhängigkeitsbestrebungen bremsen. Zumindest im Moment träumen alle Bosnier von der nächsten Jubelfete während der WM.

"Wir haben die Macht von Bosnien-Herzegowina gezeigt", frohlockte Dzeko. Der Torjäger von Manchester City twitterte noch tief in der Nacht Bilder der feuchtfröhlichen Siegesfeier.

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