Per Nilsson wechselte 2010 von 1899 Hoffenheim zum 1. FC Nürnberg © getty

Schweden will das DFB-Team auch ohne seinen Superstar ärgern. Per Nilsson und Ola Toivonen erklären bei SPORT1 den Masterplan.

Aus Stockholm berichtet Frank Hellmann

Stockholm - Erik Hamren ist nicht nur ein sehr höflicher Herr, sondern auch ein passionierter Golfliebhaber.

Und gerne nutzt der schwedische Nationaltrainer, der immerhin schon seit vier Jahren dieser Mannschaft vorsteht, diesen Sport, um Geschehnisse auf dem Fußballplatz zu erklären.

Etwa hat Hamren für das heutige WM-Qualifikationsspiel zwischen Schweden und Deutschland (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) den folgenden Vergleich angestellt:

"Ich spiele Golf und habe ein Handicap von 18. Wenn Schweden gegen Deutschland antritt, wäre das im Golf so: Der eine Spieler hat das Handicap 22 und der andere nur drei." (DATENCENTER: Die WM-Qualifikation)

Was Überraschungen nicht ausschließt. Und so hat Hamren noch mal auf seine geliebte Freizeitbeschäftigung verwiesen, um auf dieses sagenhafte 4:4 beim Hinspiel in Berlin zurück zu blicken.

"An uns geglaubt"

"Wir haben damals an uns geglaubt und nicht aufgegeben. Es war auch für mich ein toller Abend, aber er hat mich so aufgeregt, dass ich am Tag danach auf den Golfplatz musste, um das zu verarbeiten."

Der 56-Jährige ist übrigens der Meinung, dass das furiose Unentschieden den skandinavischen Comeback-Künstler aktuell nicht mehr hilft: "Auch, wenn die Deutschen 5:0 oder 6:0 gewonnen hätten, würden sie jetzt gewinnen wollen."

Am Sonntag und Montag hat es vor dem Training der Schweden im altehrwürdigen Stockhom Stadium, dem Schauplatz der Olympischen Spiele 1912, und in der neuen Friends Arena in Solna, der Spielstätte heute, noch eine Mixed Zone gegeben.

Erinnerungen an 4:4

Kein Profi, der nicht zu seinen Erinnerungen an den 16. Oktober 2012 gefragt wurde. Der Mittelfeldspieler Pontus Wernbloom ist damals zur Halbzeit ausgewechselt worden.

"Die erste Halbzeit war der Horror", erklärte der 27-Jährige, "es war die schlechteste Hälfte, die ich meinem ganzen Leben erlebt haben, und es gab keinen Hinweis, dass wir zurückkommen."

Offensivmann Ova Toivonen saß damals tatenlos daheim auf dem Sofa. "Ich war frisch operiert", erinnerte sich der 27-Jährige, "und mir fiel es schwer, ruhig zu sitzen."

Wernbloom oder Toivonen sollen heute in einem 4-5-1-System den gesperrten Zlatan Ibrahimovic ersetzen. Den Grenzgänger, Provokateur, Buchautor und Weltklassespieler.

Ibra: Sechs von 16 Toren

Von den 16 Toren in der WM-Qualifikation hat der 32-Jährige immerhin sechs geschossen und fünf vorbereitet. Macht eine Torbeteiligungsquote von 69 Prozent.

Zum Vergleich: Franck Ribery kommt bei den Franzosen auf 58 Prozent, Milivoje Novakovic bei den Slowenen auf 50 Prozent. Bei den Deutschen weist Thomas Müller (vier Tore, sieben Vorlagen) mit 35 Prozent den höchsten Anteil auf.

Aber nirgendwo reduziert sich eine Nationalmannschaft so auf eine Einzelperson. Ibrahimovic gilt international oft als einziges Abbild des schwedischen Fußballs.

Insofern ist vielleicht verständlich, dass der seit 2007 in Deutschland beheimatete Per Nilsson betont, "dass wir unabhängig von Zlatan eine gute Mannschaft haben, die zur WM fahren will."

Nilsson sagt zu SPORT1: "Die Leute, die auf dem Platz stehen, werden alles geben. Wir werden gegen Deutschland versuchen, erfolgreich zu sein. Für mich ist das ohnehin ein besonderes Spiel."

Premiere für Nilsson

Noch nie ist der Verteidiger des 1. FC Nürnberg in einem Länderspiel gegen die Bundesliga-Kollegen angetreten.

Schon ein Achtungserfolg in Form einer erneuten Punkteteilung wäre ein Beleg dafür, dass es auch ohne Ibrahimovic gehen kann.

Ein Remis brauchen die Schweden auch dringend, um bei der am 21. Oktober angesetzten Auslosung der Playoff-Partien zur WM-Endrunde zu den vier gesetzten Teams zu zählen.

"An unserer Motivation braucht man nicht zweifeln", verspricht Hamren. Zumal in seiner Mannschaft nicht nur der bei Paris Saint-Germain so fürstlich entlohnte Ibrahimovic eine lukrative Anstellung im Ausland vorweisen kann.

"Haben viele Optionen"

Da ist zum Beispiel auch Wernbloom vom russischen Champions-League-Vertreter ZSKA Moskau, dessen Marktwert auf zehn Millionen Euro taxiert wird und dennoch wohl vorerst auf der Bank Platz nehmen muss.

Er erläuterte: "Der Ausfall von Ibrahimovic ist eine Schwächung, aber wir werden ohne ihn auch nicht 15:0 verlieren."

Toivonen ergänzte im Gespräch mit SPORT1: "Zlatan ist ein Weltklassespieler, und er schießt viele wichtige Tore, aber jetzt ist die Gelegenheit zu zeigen, dass wir ein richtig gutes Team und viele Optionen haben."

Hörte sich so an, als sei die Gelegenheit gerade günstig, sich von der Überfigur zu emanzipieren.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Schweden: Wiland/FC Kopenhagen (32 Jahre/8 Länderspiele) - Johansson/IFK Göteborg (30/18), Nilsson/1. FC Nürnberg (31/12), Antonsson/FC Bologna (32/12), Martin Olsson/Norwich City (25/19) - Larsson/AFC Sunderland (28/59), Elm/ZSKA Moskau (25/36), Svensson/Elfsborg IF (37/145), Kacaniklic/FC Fulham (22/13) - Hysen/IFK Göteborg (31/30), Toivonen/PSV Eindhoven (27/34)

Deutschland: Neuer/Bayern München (27/42) - Lahm/Bayern München, (29/102), Mertesacker/FC Arsenal (29/94) oder Hummels/Borussia Dortmund (24/25), Boateng/Bayern München (25/39), Jansen/Hamburger SV (27/41) - Schweinsteiger/Bayern München (29/99), Kroos/Bayern München (23/38)- Müller/Bayern München (24/45), Özil/FC Arsenal (25/50), Draxler/Schalke 04 (20/8) oder Schürrle/FC Chelsea (22/27) - Götze/Bayern München (21/23)

Schiedsrichter: Collum (Schottland)

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