Die Playoff-Spiele seiner Schweden gegen Portugal sind nicht nur ein fußballerisches Highlight. Zlatan läuft vor allem vor dem Mikrofon zur Höchstform auf: "Wer die Ausscheidung übersteht? Das weiß nur Gott [Der Journalist antwortet: "Den können wir schlecht fragen"] Sie sprechen doch gerade mit ihm."
War an elf der 16 schwedischen Quali-Tore beteiligt: Kapitän Zlatan Ibrahimovic © getty

Er humpelt und ist gelbgesperrt: Dennoch bleibt Schwedens Star vor dem Spiel gegen Deutschland das bestimmende Thema bei "Sverige".

Von Tom Vaagt

München - Der Ferrari hat einen Platten.

Man könnte auch sagen: Zlatan Ibrahimovic humpelt.

Der schwedische Nationalspieler leidet an einer Einblutung in den Unterschenkel, die wiederum zu Schwellungen am Knie führt. Das klingt komplex.

Aber die Technik italienischer Nobelkarossen ist nunmal kompliziert. Und als solche sieht sich Ibrahimovic bekanntlich. Zumindest in fußballerischer Hinsicht.

Also: Ab in die Wekstatt. Die Kernspintomographie ist bereits erledigt.

"Nun geht es darum, die Schwellung zu lindern, damit ich wieder voll mit dem Training beginnen kann", teilte der Stürmerstar multimedial mit. Nicht per Twitter, Facebook oder Instagram. Das machen nur normale Stars. Ibrahimovic hat eine eigene App.

Das Werk heißt "Zlatan unplugged" - Zlatan ohne Schickimicki oder so ähnlich. Direkt auf den Punkt, wie der Torjäger selbst stets handelt. Auf und abseits des Feldes.

Gelbsperre am Dienstag

Normalerweise würde die Nachricht von der Verletzung ganz Schweden in Aufruhr versetzen.

Am Dienstag (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) geht es zum Abschluss der WM-Qualifikation schließlich gegen Deutschland.

Aber: Erstens hätte Ibrahimovic wegen einer Gelbsperre ohnehin gefehlt. Und zweitens geht es eigentlich um fast nichts mehr. Das DFB-Team ist als Gruppenerster bereits direkt für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr qualifiziert. Die Skandinavier nehmen als Tabellenzweiter an den Playoffs teil.

Den Startplatz für die K.o.-Duelle hatte Ibrahimovic seiner Mannschaft noch rasch selbst gesichert - mit dem Siegtor zum 2:1 am vergangenen Freitag gegen Österreich. (DATENCENTER: Die WM-Qualifikation)

Schweden zu 69 Prozent Zlatan?

Auf dem Weg nach Brasilien war der 32-Jährige damit an elf der bisher insgesamt 16 Treffer seiner Mannschaft beteiligt. Für die schwedische Tageszeitung "Aftonbladet" macht er folglich 69 Prozent des schwedischen Erfolges aus und ist schlicht "der wichtigste Spieler" der Qualifikationsrunde.

69 Prozent Ibrahimovic? Sind die Skandinavier gegen Deutschland also nur noch knapp ein Drittel wert?

"Zlatans Fehlen ist eine Schwächung, aber wir werden ohne ihn auch nicht 0:15 verlieren", verspricht Mittelfeldspieler Pontus Wernbloom.

Wobei: Im Hinspiel vor rund einem Jahr sah es lange Zeit nach einer derartigen Packung für "Sverige" aus. Und das mit Ibrahimovic.

Ibra zerfetzt DFB-Elf

4:0 führte die deutsche Mannschaft nach 55 Minuten. Es hätte zu diesem Zeitpunkt auch 15:0 stehen können. Naja, fast.

Dann zerfiel die DFB-Elf von einem Moment auf den anderen in ihre Einzelteile. Oder: Ibrahimovic riss das plötzlich völlig verunsicherte Ensemble von Bundestrainer Joachim Löw in Stücke.

1:4, 2:4, 3:4, 4:4 - wäre das Spiel dann nicht vorüber gewesen, hätte man mit dem Zählen der Gegentore wohl noch nicht aufhören können.

Ibrahimovic hatte den ersten Treffer der Schweden erzielt, an dieser Übung Gefallen gefunden und seine Mitspieler in der Folgezeit eindrucksvoll mitgerissen.

"Trauma", stammelte danach hierzulande so mancher Beobachter.

Doch für Ibrahimovic waren nach dem Unentschieden nicht die Deutschen die gefühlten Verlierer. Es war sein eigenes Team.

4:4 im Hinspiel war "schlecht"

"Was auch immer damals passiert ist, für uns war es schlecht", sagte der Angreifer von Paris Saint-Germain jetzt rückblickend im "Spiegel": "Wir schwebten. Nach dem Spiel fühlten wir uns, als wären wir schon bei der WM. Das war ein Fehler."

Ibrahimovic gesteht eine Schwäche ein. Womöglich auch sich selbst. Das gibt es nicht so oft.

Doch: "Wir wähnten uns stärker als wir sind. Die nächsten beiden Spiele waren schlecht", setzte der Superstar die Selbstanklage fort: "Wir hätten besser gegen Deutschland verloren und gegen Irland und Österreich gewonnen."

Das gelang nicht. Deutschland zog in der Quali-Gruppe davon. Bei der WM droht Ibra Co. nun die Zuschauerrolle.

Persönliche Niederlage droht

Für Ibrahimovic wäre das Verpassen seines möglicherweise letzten großen Turnieres auch eine persönliche Niederlage.

Folglich will er am Dienstagabend trotz Sperre und Verletzung dabei sein - wenn auch nur als eine Mischung aus Edelfan und Maskottchen. Schließlich könnte es Schweden mit einem Punktgewinn noch auf die Setzliste für die Playoffs schaffen.

Und dann will er wieder dabei sein. Den Motor aufheulen lassen, auf die Überholspur wechseln, Gas geben.

"Die Schweden sind vielleicht gar nicht so unglücklich darüber, dass er gegen uns nicht spielt", sagt Bundestrainer Löw: "Dafür ist er nach der Sperre ja in den beiden Playoff-Spielen dabei."

Entwarnung für Verletzung

Bis es am 15. und 19. November um alles geht, soll bei Ibrahimovic auch alles wieder repariert sein.

Die Schweden gaben am Montag jedenfalls schon mal vorsichtig Entwarnung.

"Es ist keine Verletzung in dem Sinne, dass etwas kaputt ist. Es geht darum, dass die Entzündung abklingt. Keiner fürchtet, dass er nicht bald wieder zurück sein könnte", sagte Pressechef Niklas Bodell.

Der Ferrari ist bald wieder in der Spur.

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