Andros Townsend erzielte in dieser Saison erst ein Pflichtspiel-Tor für Tottenham © getty

Andros Townsend schwingt sich zum Helden der Nation auf. Doch nach Montenegro ist vor Polen - und Townsend eigentlich kein Knipser.

Von Christoph Lother

München - Roy Hodgson gratulierte. Nein, er verneigte sich.

Fast schon ehrfürchtig schüttelte der Trainer der englischen Nationalmannschaft dem jungen Andros Townsend bei dessen Auswechslung in der 80. Minute die Hand. Es wirkte, als bedanke sich eine ganze Nation.

Für seine großartige Leistung beim 4:1 (0:0) der "Three Lions" im vorletzten WM-Qualifikationsspiel gegen Montenegro (Bericht).

Für Townsends Tor.

Und dafür, dass er den Traum der Engländer von der WM in Brasilien am Leben gehalten hat (DATENCENTER: WM-Quali).

Das Mutterland des Fußballs hat einen neuen Hoffnungsträger. Man möchte fast meinen, einen neuen Helden.

Englische Medien feiern den Newcomer

"Brilliant" nannten britische Medien Townsends Auftritt gegen Montenegro. "Lebendigkeit, Antrieb und einen Schub" habe er der Mannschaft gegeben.

In der Tat war das Nationalmannschafts-Debüt des 22-Jährigen äußerst beeindruckend.

Scheinbar ohne jeden Anflug von Nervosität wirbelte der Linksfuß in der gegnerischen Hälfte, leitete das Führungstor durch Wayne Rooney (48.) ein und machte mit seinem Treffer zum 3:1 in der 78. Minute selbst den Deckel drauf.

Was für ein Einstand.

Applaus von Mitspieler Rooney

"Ich bin im siebten Himmel. Es war ein großartiges Debüt und ein großartiges Tor", frohlockte Townsend nach dem Schlusspfiff.

Auch von den Kollegen gab's Applaus.

"Das war ein herausragender Einstand - und auch noch in solch einem wichtigen Spiel", sagte Stürmerstar Rooney:

"Mit seinem fantastischen Tor hat er die Partie entschieden. Ich freue mich wirklich für ihn."

Und Defensivmann Gary Cahill ergänzte: "Andros war einfach nur fantastisch. Wann immer er den Ball hatte, machte er etwas Gutes damit."

Hodgson: "Nominierung eine Qual"

Dabei wäre Townsend um ein Haar gar nicht zu seinem ersten Länderspiel für die "Three Lions" gekommen.

"Seine Nominierung war eine innere Qual", berichtete Coach Hodgson nach dem Spiel: "Wir haben lange hin und her diskutiert."

Schließlich sei es ihm nicht leicht gefallen, etablierte Kräfte wie Jack Wilshere, James Milner oder auch Michael Carrick zunächst draußen zu lassen.

Doch Hodgson tat es - und setzte auf Townsend.

Nur zwei Tore in 23 Spielen

Ein durchaus gewagter Zug.

Nicht nur, weil die Engländer im Falle einer Niederlage sogar noch um den zweiten Tabellenplatz in der Gruppe H hätten bangen müssen.

Sondern auch, weil Townsend sich mit gerade mal zwei Törchen in gerade mal 23 Premier-League-Einsätzen nicht gerade als Knipser profiliert hatte.

Und überhaupt: Seine Karriere verlief bisher eher ungewöhnlich.

Neun Ausleihen in viereinhalb Jahren

Sage und schreibe neunmal (!) wurde der Offensivmann von den Tottenham Hotspur in den vergangenen viereinhalb Jahren an andere Klubs ausgeliehen.

Von Ipswich wurde er an Millwall weiter gereicht. Von Millwall an Leeds. Von Leeds an Birmingham. Und so weiter, und so weiter.

Seit dieser Saison geht Townsend wieder für die Spurs auf Torejagd.

Nur: Getroffen hat er dort bislang erst ein einziges Mal.

Böse Erinnerungen an Polen

Ausgerechnet dieser Mann soll die stolzen Engländer nun also zur WM nach Brasilien führen - und eine historische Schmach vergessen machen.

Fast auf den Tag genau 40 Jahre ist es her, dass die "Three Lions" durch ein 1:1 gegen Polen die Qualifikation zur WM 1974 in Deutschland verpassten.

Am kommenden Dienstag geht es im Wembley-Stadion erneut gegen Polen. Und erneut um alles.

Hodgson warnt: Sind erst bei der Hälfte

Anders als vor 40 Jahren steht bei den Polen dabei zwar nicht der noch immer in ganz England gefürchtete Jan Tomaszewski im Tor, sondern voraussichtlich Wojciech Szczesny.

Und anders als vor 40 Jahren sind die Bialo-Czerwoni (die Weiß-Roten) diesmal schon raus aus dem Rennen um die WM-Tickets.

Doch unterschätzen wollen die Engländer die bevorstehende Aufgabe deshalb nicht.

"Wir wissen genau, dass wir unsere Arbeit bisher nur zur Hälfte erledigt haben", betonte Trainer Hodgson und fügte hinzu: "Es wird ein hartes Spiel."

Ukrainer vor leichter Aufgabe

Zumal die Engländer sich nicht auf einen Ausrutscher der Konkurrenz verlassen sollten.

So reisen die mit nur einem Punkt Rückstand auf Platz zwei liegenden Ukrainer am Dienstag als haushoher Favorit nach San Marino. Alles andere als ein Sieg der Osteuropäer gilt dabei nahezu ausgeschlossen.

Wollen sie sich den Umweg über die Playoffs ersparen und den Sack endgültig zumachen, sind Hodgsons Männer gegen die Polen und BVB-Star Robert Lewandowski also erneut auf einen Dreier angewiesen.

Und vermutlich auch auf Andros Townsend.

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