VfB-Idol: Der frühere Torjäger Bobic (r.) ist heute Sportvorstand © getty

Auf nach Europa: VfB-Sportvorstand Fredi Bobic wählt vor dem Rückspiel gegen Plowdiw forsche Rhetorik - und geht ein Risiko ein.

Von Patrick Mayer

München - "Letztendlich wird doch immer auch die Arbeit eines Trainers hinterfragt, wenn die Ergebnisse nicht stimmen."

Fredi Bobic redet sachlich, souverän, mit Nachdruck in der Stimme. Es ist seine Art.

Er ist Pragmatiker. Vielleicht einer der Rationalsten unter den Verantwortlichen der Bundesliga.

Ebenso rational ordnet der Sportvorstand des VfB Stuttgart das Rückspiel der Europa-League-Qualifikation gegen Botew Plowdiw an diesem Donnerstag (ab 19.45 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVE-TICKER) ein.

"Es wäre schade, wenn die Spieler den Drei-Tage-Rhythmus nicht beibehalten könnten. Denn in der vergangenen Saison haben sie in mehreren Bereichen davon profitiert", meint er. Was anderen Trainern und Managern ein Graus ist, die Terminhatz, sieht Bobic nicht als Bürde.

Europa der Anspruch

Er hat seine Gründe: Zum einen spiegelt das seine Erwartungshaltung wider; zum anderen kann er zum ersten Mal seit Beginn seines Engagements im Juli 2010 mit einem "Wunschkader" arbeiten.

Bobic ist das, was Kritiker einen "harten Hund" nennen. Nachdem er teure, aber wenig effektive Spieler losgeworden ist, ist es Zeit für neue Ziele, die so neu nicht sind. "Für einen Verein mit unserer Tradition muss das internationale Geschäft immer der Anspruch sein", sagt er im Gespräch mit SPORT1: "Jeder ambitionierte Klub hat dieses Ziel."

Tradition haben in Stuttgart auch Querelen in der Führungsetage. Der jüngste Konflikt liegt hinter den Schwaben. Präsident Gerd E. Mäuser stellte sein Amt nach Kritik an seinem Führungsstil zur Verfügung. Aufsichtsrat Dieter Hundt trat von seinem Posten zurück, weil das Umfeld den konsequenten Sparkurs nicht mehr mittragen wollte.

Bobic bläst zur Attacke

Die Sparkommissare sind weg, der Weg ist frei für Bobic. Er ist der starke Mann in Bad Canstatt. Und bläst zur Attacke.

"Personelle Veränderungen bieten doch immer auch die Chance, Aufbruchstimmung zu verbreiten", schildert er. Bobic erhöhte sofort den Druck. "Über die Liga ins internationale Geschäft einzuziehen", das sei das Ziel. Es sind Töne, die die Schwaben gerne hören.

Vorbei sind die Zeiten, als die Verantwortlichen entgegen dem schwäbischen Selbstverständnis Bescheidenheit propagierten. Zwölfter wurde der VfB in der Vorsaison. Das sei viel zu wenig.

Neuer Präsident mit Visionen

Der neue Präsident, der sich in seinen ersten Amtstagen als Gefolgsmann von Bobic präsentiert, geht noch weiter: "Wenn wir sagen, wir wollen Fünfter werden, dann muss Platz vier das Ziel sein", erklärte Bernd Wahler. Mächtig viel Druck also im Stuttgarter Kessel.

Der lastet auf einem Mann, der sich immer wieder wortgewaltig gegen zu hohe Ansprüche gewehrt hat. Trainer Bruno Labbadia ist der Bremser im Schwaben-Express in Richtung Europa.

"Man meint, wir hätten Neymar und Messi verpflichtet", sagte er jüngst.

VfB aktiv auf dem Transfermarkt

Dabei konnte er in Stuttgart noch nie aus so viel Qualität schöpfen.

Mit Konstantin Rausch (Hannover 96) und Daniel Schwaab (Bayer Leverkusen) transferierte Bobic zwei dringend benötigte Außenverteidiger nach Stuttgart.

Sercan Sararer (Greuther Fürth) ergänzt die Halbpositionen im offensiven Mittelfeld; Mohammed "Mo" Abdellaoue (Hannover 96), für den Bobic immerhin 3,5 Millionen Euro Ablöse frei machte, den Sturm.

Hinzu kommt mit dem 20 Jahre alten Moritz Leitner auf Leihbasis sogar ein Spieler vom Champions-League-Finalisten Borussia Dortmund.

Bobic sieht den VfB nach diesen Transfer im Vergleich zu den Mitbewerbern "vorne dran". Labbadia meint, nicht das nötige Personal zu haben, "um zu sagen, wir werden Sechster". Man habe nur nachgeholt, "was wir in den vergangenen zwei Jahren nicht gemacht haben".

Bobic geht ins Risiko

Bobic geht ein hohes Risiko ein. 9,7 Millionen Euro betrug der operative Verlust schließlich im vergangenen Geschäftsjahr. Dieser sei der Konsolidierung geschuldet gewesen.

Doch was, wenn der VfB gegen Botev Plowdiw verliert? (DATENCENTER: Europa-League-Qualifikation) Wenn Labbadia wieder der Kragen platzt? Wenn begabte Spieler Stuttgart nur als Durchgangsstation betrachten?

Das Selbstbewusstsein von Bobic ist ungebrochen. "Vielleicht können wir bis in zwei Jahren sagen, dass wir Spieler wie Leitner langfristig binden können, weil wir attraktiv genug sind und die nötigen Mittel haben", meint er.

Der Kurswechsel in Stuttgart ist vollzogen. Bobic wird sich an seinen Vorgaben messen lassen müssen: "Wenn ich die Hausaufgaben in meinen Job nicht ordentlich erledige, bin ich doch der Erste, der fliegt."

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Stuttgart: Ulreich - Schwaab (Sakai), Tasci, Niedermeier, Rausch - Leitner, Gentner - Cacau (Harnik), Maxim, Traore - Ibisevic (Abdellaoue)

Plowdiw: Stachowiak - Hristow, Grncarow, Dzinic, Minew - Jirsak, Sarmow - Dyakow, Anicet, Pedro - Domowtschijski

Schiedsrichter: Jan Valasek (Slowakei)

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