Anatoliy Tymoshchuk (r.) wechselte 2009 von Zenit St. Petersburg zum FC Bayern © getty

Der dritte Teil der SPORT1-Vorschau-Serie zur EM: Die Gruppe D mit Co-Gastgeber Ukraine, England, Frankreich und Schweden.

Von Jakob Gajdzik, Thorsten Mesch und Hardy Heuer

München - Für Co-Gastgeber Ukraine ist die EM in zweierlei Hinsicht ein Abenteuer.

Das osteuropäische Land wird vielerorts skeptisch beäugt. Besonders der Umgang mit Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko sorgt seit Wochen für kontroverse Diskussionen.

Zudem begleiteten Probleme beim Stadionbau und bei der Infrastruktur das Land während der ganzen Turnier-Vorbereitung.

Erste EM-Teilnahme

Auch sportlich betritt die Ukraine Neuland. Noch nie nahm das Land seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 an einer EM-Endrunde teil.

"Der Verband hat alles getan, um die Nationalmannschaft zu unterstützen - jetzt sind die Spieler und die Trainer an der Reihe", sagte Verbandspräsident Grigory Surkis.

Mit England, Frankreich und Schweden warten allerdings harte Brocken auf die Gelb-Blauen. (DATENCENTER: Der EM-Spielplan)

SPORT1 analysiert bis zum EM-Auftakt Woche für Woche eine Vorrundengruppe.

(VORSCHAU: Die Gruppe A)

(VORSCHAU: Die Gruppe C)

Im dritten Teil der Serie steht die Gruppe D mit Ukraine, England, Frankreich und Schweden im Blickpunkt.

Ukraine

"Das erste Spiel ist entscheidend", sagte Nationaltrainer Oleg Blochin. "In dieser Gruppe, gegen solch starke Gegner, können wir uns einfach keine Niederlage erlauben. Natürlich ist der Heimvorteil ein Plus, aber auch eine große Verantwortung. Wir haben nicht das Recht, einen Fehler zu machen."

Der frühere Star von Dynamo Kiew machte bereits vor dem Turnier deutlich, dass für den Co-Gastgeber ein Ausscheiden in der Gruppenphase nicht in Frage kommt und formulierte das größtmögliche Ziel: "Unsere Aufgabe ist es, die EURO zu gewinnen."

Die EM-Mission ist aber nicht nur wegen der schwierigen Gruppe eine große Herausforderung (SERVICE: Der EM-Rechner).

Besonders in der Defensive ist die Lage kritisch. Mit Olexandr Schowkowskyj (Dynamo Kiew, Schulter-OP) und dem wegen Dopings gesperrten Oleksandr Rybka (Schachtar Donezk) verpassen zwei gesetzte Torhüter die Endrunde. Nun ruhen die Hoffnungen auf Andriy Dykan von Vize-Meister Spartak Moskau, der allerdings auch lange wegen einer Gesichtsverletzung ausgefallen war.

Starke Offensive

Dass das Team um Kapitän und Rekordnationalspieler (114 Einsätze) Anatoliy Timoschtschuk aber besonders in der Offensive viel drauf hat, musste auch das DFB-Team feststellen.

Im November 2011 trennte man sich in einem offenen Schlagabtausch mit 3:3, zuletzt gab es im Test gegen Estland ein 4:0. Dabei traf auch der Ex-Bundesligastürmer Andrej Voronin .

Das Turnier wird auch die Abschiedsvorstellung von Legende Andrej Schewtschenko. Für den Ex-Milan-Stürmer ist nach der Endrunde im Nationalteam Schluss. (SERVICE: Alle EM-Kader)

Trainer: Oleg BlochinStars: Anatoliy Timoschtschuk (Bayern München), Andrej SchwetschenkoGrößte Erfolge: WM-Viertelfinalist 2006

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England

Mit fünf Siegen und nur fünf Gegentoren in acht Spielen qualifizierte England sich in der Gruppe G ungeschlagen für die Endrunde.

Dann wurde es chaotisch. Erst wurde Kapitän John Terry von der FA wegen einer rassistischen Beleidung gegen Anton Ferdinand als Kapitän abgesetzt, dann trat Erfolgstrainer Fabio Capello ? auch wegen dieser Entscheidung - zurück.

Terry fährt mit - Ferdinand nicht

Im Mai wurde dann Roy Hodgson als Nachfolger präsentiert und entschied sich, weiter auf Terry zu bauen. Dafür muss Ferdinands Bruder und Manchester-United-Star Rio zu Hause bleiben. Kapitän ist nun Liverpools Steven Gerrard.

Und Hodgson muss noch eine weitere bittere Pille schlucken. Stürmer-Star Wayne Rooney wird den Engländern wegen einer Roten Karte im letzten Quali-Spiel gegen Montenegro in den ersten beiden Spielen gegen Schweden und Frankreich fehlen.

Oxlade-Chamberlain als Hoffnungsträger

Bitter ist auch der Ausfall von Mittelfeld-Abräumer Gareth Barry von Meister Manchester City. Der defensive Mittelfeldspieler verpasst wegen eines Muskelrisses im Unterbauch die EM. Mit Arsenals 18-jährigem Juwel Alex Oxlade-Chamberlain steht dagegen ein hoffnungsvoller Youngster im Kader.

Aufsehen erregte auch die Berufung des Viertliga-Keepers Jack Butland als dritten Torwart.

Nachdem 2008 die Endrunde komplett verpasst wurde, hofft das Mutterland des Fußballs nun auf die erste EM-Finalteilnahme Englands überhaupt.

Trainer: Roy HodgsonStars: Wayne Rooney (Manchester United) Größte Erfolge: Weltmeister 1966, EM-Dritter 1968

Frankreich

Die größte Gefahr der Franzosen sind sie selbst.

Durch die skandalösen Vorfälle während der WM 2010 in Südafrika muss die "Equipe Tricolore" sich das Vertrauen der Fans erst Schritt für Schritt wieder aufbauen.

Auch Franck Ribery, vor der WM noch sehr beliebt, wird seit 2010 sehr kritisch beäugt.

Ribery lässt Pfiffe verstummen

Am Wochenende rettete der Bayern-Star sein Team beim mühevollen 3:2 gegen Island, traf zum 2:2 und bereitete den Siegtreffer vor. Doch als es zur Pause in Valenciennes noch 0:2 stand, wurde das Team gnadenlos ausgepfiffen.

Zwar sind die Franzosen unter Laurent Blanc, der nach der WM den Trainerposten vom unbeliebten Raymond Domenech übernahm, seit 19 Spielen ungeschlagen und gewannen in England und Deutschland, doch das waren Testspiele.

Die Mannschaft ist gespickt mit Profis, die ihr Geld in England, Spanien und Italien verdienen, aber Blancs Team fehlt ein Anführer auf dem Platz.

Lloris: Weltklasse, aber ruhig

So einer, wie er es war, wie Didier Deschamps oder Zinedine Zidane. Kapitän ist Torwart Hugo Lloris, ein Weltklasseman zwar, aber als Typ ist der Keeper von Olympique Lyon eher ein ruhiger Vertreter.

In der Abwehr wirken nicht alle Verteidiger fit. Philippe Mexes spielt zwar beim AC Mailand, verpasste aber ein Großteil der Saison. Im Mittelfeld stehen viele technisch starke, aber auch sehr ähnliche und körperlich eher schmächtige Typen.

Die größten Hoffnungsträger spielen im Sturm. Superstar Karim Benzema gewann mit Real Madrid die spanische Meisterschaft und will sich endlich auch im Nationalteam beweisen.

Trainer: Laurent BlancStar: Franck Ribery (FC Bayern)Größte Erfolge: 1984, 2000, Weltmeister 1998, Vize-Weltmeister 2006, Olympia-Silber 1900, Olympiasieger 1984

Schweden

Bei den Schweden fokussiert sich alles auf Superstar Zlatan Ibrahimovic. Der Stürmer des AC Mailand verpasste mit den Rossoneri zwar knapp die Meisterschaft, wurde allerdings mit 28 Toren Torschützenkönig der Serie A.

Der 30-jährige ist in der jungen schwedischen Mannschaft der absolute Fixpunkt und zusammen mit Routinier Anders Svensson Kapitän des Teams.

14 Torschützen in der Quali

Trotz "Ibrakadabra" bestach das Team in der Quali auch durch Ausgeglichenheit, verteilte die 31 Qualifikationstore auf 14 Spieler.

In der Gruppe E mussten die Schweden DFB-Gruppengegner Niederlande den Vortritt lassen, qualifizierten sich aber mit 24 Punkten direkt als bester Gruppenzweiter für die Endrunde.

Trainer: Erik HamrenStar: Zlatan Ibrahimovic (AC Mailand)Größte Erfolge: EM-Halbfinalist 1992, Vize-Weltmeister 1958, WM-Dritter 1950, 1994, Olympiasieger 1948, Olympia-Bronze 1924

Das sagt der SPORT1-Experte Tony Woodcock:

"In dieser Gruppe sind alle Gegner schwer zu spielen. Die Ukraine hat die Zuschauer hinter ihrem Rücken. Den größten Druck haben aber die Franzosen. Dies könnte für sie zu einer Belastung werden. Wenn England mit Feuer und Leidenschaft ins erste Spiel gegen Frankreich geht und da auch gewinnt, dann wird dieser Sieg wie ein Beruhigungsmittel wirken. Zusätzlich steigt die Motivation, wenn man die nötigen Punkte holt."

SPORT1-Prognose: Die Franzosen befinden sich unter dem neuen Trainer Laurent Blanc im Aufwind und haben auch dank der drei Weltklasse-Spieler Lloris, Ribery und Benzema den Favoritenstatus inne. Dahinter streiten sich die anderen um den zweiten Platz. Bei England muss man abwarten, wie sehr das Fehlen von Rooney ins Gewicht fällt, bei Schweden wie dominant Ibrahimovic auftritt. Die Ukraine hofft auf den Heimvorteil, doch droht der Mannschaft das gleiche Schicksal wie den EM-Gastgebern Österreich und Schweiz 2008 - das Aus in der Vorrunde.

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