Wolfgang Niersbach ist seit 2. März 2012 Präsident des DFB © getty

Der DFB-Präsident hofft von der Ukraine im Fall Timoschenko auf ein "Zeichen der Humanität". Sportliche Maßnahmen seien falsch.

Köln - DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hofft auf ein Umdenken der ukrainischen Regierung im Umgang mit der inhaftierten und schwer erkrankten Oppositionellen Julia Timoschenko, lehnt aber einen sportlichen Boykott kategorisch ab.

"Wir appellieren als Sportverband. Es wäre ein Zeichen der Humanität, wenn Timoschenko zur Behandlung nach Deutschland kommen darf", sagte der 61-Jährige am Mittwoch in Köln: "Wir setzen darauf, dass Präsident Wiktor Janukowitsch sich bewegt."

Ein sportlicher Boykott ist jedoch weiterhin kein Thema für den Deutschen Fußball-Bund.

"Man sollte den Sport nicht überhöhen. Unsere Position ist klar, aber diese Dinge müssen auf politischer Ebene gelöst werden", sagte Niersbach.

Der Fußball habe in diesem Zusammenhang bereits viel bewirkt, da gerade durch die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) "dieses Thema ein Thema für die Weltöffentlichkeit geworden" sei.

Kein Verhaltenskodex für Spieler

Auf keinen Fall wird es einen Verhaltenskodex für die Nationalspieler geben, bekräftigte Niersbach am Mittwochabend in Frankfurt noch einmal.

Die Profis dürfen sich frei äußern. "Das ist jedem Einzelnen selbst überlassen. Das sind alles junge und intelligente Kerle, die sich dafür interessieren, was in der Welt passiert. Sie sind durch uns informiert und können sich ihre eigene Meinung bilden", sagte der DFB-Präsident.

Merkel erwägt Reiseverzicht

Deutsche Politiker hatten in den letzten Tagen wiederholt einen politischen Boykott ins Gespräch gebracht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel soll ebenfalls bereits einen Reiseverzicht von Mitgliedern des Bundeskabinetts in Erwägung ziehen (BERICHT: Keine EM-Spiele in Deutschland).

Dies hatte der "Spiegel" berichtet. Niersbach hatte sich auf der Homepage des Verbandes solidarisch mit der Einstellung der Bundesregierung gezeigt.

Timoschenko im Hungerstreik

Die frühere Regierungschefin Timoschenko, die an einem chronischen Bandscheibenproblem leidet, verbüßt eine siebenjährige Haftstrafe wegen Amtsmissbrauchs.

Die Europäische Union kritisiert ihre Haft als politisch motiviert. Aus Protest gegen ihre Haftbedingungen befindet sich Timoschenko im Hungerstreik.

Erste Absagen aus Österreich

Mitglieder der österreichischen Regierung werden derweil auf einen Besuch von EM-Spielen in der Ukraine verzichten. Dies kündigte am Mittwoch der Ministerrat an.

Das Nachbarland will mit dieser Vorgehensweise ein Zeichen setzen und gegen die Behandlung von Timoschenko protestieren.

Testspiel gegen Ukraine findet statt

Der Österreichische Fußball-Bund (ÖFB) will indes trotz des Umgangs mit Timoschenko durch die ukrainischen Behörden nicht auf ein geplantes Länderspiel gegen EM-Gastgeber Ukraine am 1. Juni in Innsbruck verzichten. Das erklärte ÖFB-Präsident Leo Windtner am Mittwoch.

"Eine politisch motivierte Absage ist aus sportlichen Gründen nicht sinnvoll und wäre auch ein denkbar schlechtes Signal an die Europäische Fußball-Union", sagte Windtner: "Das Länderspiel ist ein sportliches Ereignis der beiden Verbände. Hierbei steht der Sport klar im Vordergrund, nicht die Politik."

Der ÖFB behält sich allerdings vor, seine Entscheidung zu überdenken, wenn die UEFA dies fordere.

Staatenklage gegen die Ukraine?

Der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Philipp Mißfelder, hat derweil eine Staatenklage gegen die Ukraine vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angeregt.

Deutschland solle gemeinsam mit seinen EU-Partnern einen solchen Schritt prüfen, forderte Mißfelder am Mittwoch. Sowohl der Prozess gegen Timoschenko, als auch ihre Behandlung in der Haft würden die europäische Menschenrechtskonvention verletzten.

"Politische Neutralität wahren"

Der sportpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Joachim Günther sprach sich ebenfalls gegen Boykottmaßnahmen aus:

"Die Vergangenheit hat gezeigt, dass das Boykottieren von sportlichen Ereignissen politisch kaum Auswirkungen hat. Wenn der Sport seine Bedeutung und seine Ausstrahlungskraft als völkerverbindendes Element behalten soll, muss die politische Neutralität gewahrt bleiben."

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