Dank Rangnick: RB Leizpig steht vor dem sportlichen Aufstieg in die Zweite Liga. Doch der Retortenklub muss sich neu aufstellen.

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Von Ullrich Kroemer

Leipzig - Die Funktionäre des Fußball-Establishments ächzen, viele Ultras und Fans lehnen RB Leipzig als potenzielles neues Mitglied in der Bundesligafamilie schlicht ab.

Ganz klar: Retortenklub Rasenballsport (RB) Leipzig ist in weiten Teilen der Fußballrepublik unbeliebter als ein Schalke-Fan auf der Dortmunder Südtribüne.

Viele Leipziger hingegen haben ihre anfänglichen Vorbehalte gegen den milliardenschweren Energy-Drink-Riesen längst abgelegt.

Schon seit Wochen bilden sich vor dem sogenannten Vereinsheim ? diesen heimeligen Namen tragen Fanshop und Geschäftsstelle im Stadtzentrum tatsächlich - lange Schlangen.

Saarbrücken-Spiel ausverkauft

Nachdem zu Ostern im Spitzenspiel gegen den SV Darmstadt 98 knapp 40.000 Zuschauer in die Red-Bull-Arena strömten, wird die Spielstätte auf dem Gelände des einstigen Zentralstadions bei einer RB-Partie nun wohl erstmals auch ausverkauft sein.

Zum möglichen Aufstiegsspiel gegen den bereits abgestiegenen 1. FC Saarbrücken an diesem Samstag (ab 13.30 Uhr im LIVE-TICKER) werden 43.300 Zuschauer erwartet.

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Denn: Im vorletzten Saisonspiel könnten die "Roten Bullen" mit einem Sieg den Durchmarsch von Liga vier in die Zweite Bundesliga perfekt machen (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Davon zeigt sich Red Bulls Fußball-CEO Ralf Rangnick genauso angetan wie von der Euphorie: "Die Zuschauerentwicklung ist sensationell", sagt der 55-Jährige. "Das übersteigt meine Erwartungen."

Erfolgsfaktor Rangnick

Offiziell existiert das Projekt RB Leipzig seit 2009, als Brause-Gigant Red Bull den Verein RB Leipzig gründete und die Fußballabteilung des SSV Markranstädt übernahm - damals wie heute ein Fünftligist vor den Toren Leipzigs.

Doch erst mit Rangnicks Inthronisierung im Juli 2012 begann der künftige Fußball-Riese tatsächlich zu wachsen.

Nach den verschenkten Jahren mit zwei verpassten Aufstiegen in die Dritte Liga, keiner erkennbaren Strategie und ständigem Personalwechsel heuerte Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz persönlich Rangnick an, um sein Millionenprojekt auf Spur zu bringen.

Der "Fußball-Professor" läutete damals die Stunde Null ein: "Es ist mir wurscht, was bisher war. Um 13 Uhr beginnt hier eine neue Zeitrechnung", hatte er zum Amtsantritt gesagt.

Perfekt vernetzt

Seit jenem Tag arbeitet Rangnick wie gewohnt mit Akribie und hohem Aufwand an der Vision, ein Red-Bull-Fußball-Imperium zu errichten ? mit scheinbar unbegrenzten, finanziellen Möglichkeiten und einem Netzwerk diverser Klubs. (INTERVIEW: Irgendwann blinken alle Lampen)

Neben den Vorzeigeobjekten RB Leipzig und Red Bull Salzburg existieren noch das österreichische Zweitliga-Farmteam SV Liefering sowie die Red-Bull-Filialen in New York und Brasilien.

"Dadurch haben wir so viele Leistungsstufen, die wir potenziellen Spielern maßgeschneidert anbieten können. Das ist ein Privileg, das nicht viele andere Vereine haben", sagt Rangnick.

Wenn alle Klubs auf der höchsten gewünschten Leistungsstufe angekommen sind, wäre Red Bull einer der größten Player auf dem Fußballmarkt.

In Leipzig lässt der Schwabe den aggressiven, noch nicht immer attraktiven, aber höchst effektiven Bullen-Stil von Cheftrainer Alexander Zorniger prägen, den er zu seinem Einstand gleich mitbrachte.

Rangnick schart Bekannte um sich

Neben Zorniger umgibt sich Rangnick mit immer mehr Vertrauten und Wegbegleitern: etwa den früheren Stuttgarter und aktuellen Leipziger Nachwuchsbossen Frieder Schrof und Thomas Albeck oder dem Ex-Hoffenheimer und aktuellen Salzburger Nachwuchschef Ernst Tanner.

Selbst Spieler wie den langjährigen Hoffenheimer Dominik Kaiser, dessen Werdegang Rangnick schon seit Jahren verfolgt, lotste der Red-Bull-Manager nach Leipzig.

Und seit wenigen Wochen ist Rangnicks langjähriger Berater Oliver Mintzlaff Vorstandsboss bei RB Leipzig. Auch er ist seit dem 1. Januar dieses Jahres als Head of Global Soccer Angestellter von Red Bull.

Dass der Verein ausschließlich von Vorstandsmitgliedern gesteuert wird, die beim Brauseproduzenten angestellt sind, ist der Deutschen Fußball-Liga (DFL) ein Dorn im Auge

Ligaverband fordert neues Wappen

Die Neuordnung der RB-Gremien ist eine der Bedingungen, die der Ligaverband an RB stellt, um dem Verein die Lizenz für die Zweite Liga zu erteilen.

Dazu soll RB sein Vereinswappen neu gestalten, das dem Firmenlogo zum Verwechseln ähnlich sieht; die Satzung, die einen Mitgliedsbeitrag von 800 Euro plus eine Aufnahmegebühr von 100 Euro vorsieht, muss neu formuliert werden.

Der geschlossenen Red-Bull-Zirkel mit derzeit neun Mitgliedern, aus dem so wenig nach außen dringt wie aus Wladimir Putins Arbeitszimmer im Kreml, soll sich zumindest auf dem Papier ein Stück weit öffnen.

50+1-Regel: "Trickreich, aber zulässig"

Eigentlich allesamt lösbare Aufgaben für den Klub. Bei einer geheimen Jahreshauptversammlung zu Beginn des Jahres wurden offenbar für alle Punkte Lösungsvorschläge erarbeitet.

Seltsam nur, dass die nicht längst umgesetzt sind, um auf die DFL zuzugehen.

Denn im Kern verstößt das Konstrukt RB gegen die 50+1-Regel. De facto aber ist RB auf der rechtlich sicheren Seite, da diese Regel nur für Kapitalgesellschaften gilt, der Leipziger Klub aber ein eingetragener Verein ist.

Allerdings einer, dessen einziger Zweck es ist, einen Bundesligisten und Champions-League-Teilnehmer als Werbeträger für die Red-Bull-Produkte aufzubauen.

"Die 50+1-Regel wird zwar derzeit von RB unterlaufen, aber eine Änderung der Lizenzierungsordnung stelle ich mir sehr schwer durchsetzbar vor", sagt der Sportrechtler Michael Lehner. "Was RB Leipzig macht, ist zwar trickreich, aber zulässig."

DFL entscheidet am 28. Mai

Weil DFL und RB jedoch einen Rechtsstreit vermeiden wollen, werden sich beide Seiten aufeinander zu bewegen müssen. Weil RB im nächsten Jahr in der Zweiten Bundesliga mitspielen will, muss der Klub mehr Entgegenkommen zeigen als der Ligaverband.

Doch offenbar tut sich Red Bull mit den Forderungen schwerer als gedacht. Nach Informationen der "dpa" haben die Leipziger fristgerecht Beschwerde gegen alle Lizenz-Auflagen eingereicht.

Voraussichtlich am 7. Mai entscheidet die DFL über diese Beschwerde.

Nur bis zum 28. Mai hat der Verein Zeit, um nachzubessern: Dann fällt der Lizenzierungsausschuss der DFL die finalen Entscheidungen.

In letzter Instanz befinden also die Bosse etablierter Bundesligisten wie Karl Hopfner, Heribert Bruchhagen, Harald Strutz und Helmut Hack darüber, ob und unter welchen Bedingungen der Rote-Brause-Klub in der kommenden Saison mitmischen darf.

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