SPORT1-Reporter Thorsten Mesch (l.) traf Hand-Dieter Hermann im Trainingslager © SPORT1

DFB-Psychologe Hans-Dieter Hermann spricht im SPORT1-Interview über Angstgegner, Teambuilding und die Parole von fehlenden Typen.

Vom DFB-Team berichtet Thorsten Mesch

St. Leonhard - Am Dienstag rückte Hans-Dieter Hermann auf einmal wieder in den Fokus des Interesses.

Der schwere Unfall bei einem Sponsorentermin überschattete das WM-Trainingslager der Nationalmannschaft. Mit im Unfallwagen saß Benedikt Höwedes, auch Julian Draxler erlebte die Tragödie hautnah mit.

Beide Spieler suchten anschließend das Gespräch mit Teampsychologe Hermann, seit Jahren Teil des Betreuerstabs von Bundestrainer Joachim Löw.

SPORT1 traf den promovierten Sportpsychologen im Trainingslager im Passeiertal. Im Interview spricht er über Angstgegner, Typen, Teambuilding-Maßnahmen und Druck.

SPORT1: Herr Hermann, wir sind hier in Italien. Im Bezug auf Fußballspiele wird die italienische Mannschaft häufig als der Angstgegner der Deutschen bezeichnet. Ist dieser Begriff eigentlich richtig?

Hans-Dieter Hermann: Ich würde ihn als falsch bezeichnen. Italien ist kein Angstgegner. Schauen Sie sich noch einmal das EM-Halbfinale 2012 an. Dann werden Sie sehen, dass die deutsche Mannschaft in der ersten Viertelstunde mit ganz breiter Brust auf den Platz kam und die Italiener keinen Stich gemacht haben. Da war gar nichts von Angst, sondern eher von "heute sind sie fällig". Das hat Spiel hat aber dann eine andere Dynamik gekriegt.

SPORT1: Wie ist diese Dynamik entstanden?

Hermann: Es passieren kleine Dinge, die große Folgen haben. Davon lebt ja auch der Fußball. Es ist der häufigste Grund, warum Spiele gewonnen oder verloren werden, dass bestimmte Dinge passieren, die so nicht berechnet waren. Unsere Mannschaft hatte eine sehr gute Vorrunde mit einem bestimmten Spielstil absolviert. Sie hat in der schwersten Gruppe sehr gute Leistungen gezeigt. Ich glaube, dass die Spieler davon einfach berauscht waren und gedacht haben: "Jetzt geht es so weiter." Aber dann kam ein Gegner, der einiges anders gemacht hat, überraschend in Führung gegangen ist, und die Spieler konnten nicht umschalten. Die Mannschaft ist nicht eingebrochen, aber dieser Switch ist ihr nicht gelungen. Mit Angst hat das aber nichts zu tun.

[image id="1bc6257a-63ab-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

SPORT1: In der öffentlichen Diskussion geht es häufig um Spieler, die in wichtigen Partien auch mal dazwischen hauen. Sind die deutschen Spieler zu brav?

Hermann: Nein, sind sie nicht! Es gibt eine gewisse Heldenverehrung für einige ehemalige Spieler, über die im Nachhinein gern gesagt wird: Das waren Typen! Wir haben genügend Typen, die im Zweifelsfall dazwischen hauen können. (SPORT1-SHOP: Jetzt DFB-Fanartikel kaufen)

SPORT1: Hat das mit moralischen Werten zu tun?

Hermann: Nein. Der Fußball ist voller Adrenalin, ist Männersport. Unsere Spieler sind harte Jungs. Ich würde die Diskussion gerne aufnehmen wenn Sie mir konkret zeigen würden, wo sich jemand zu brav verhalten hat. Ich halte das eher für Parolen.

SPORT1: Es gibt aber Dinge, die auch für taffe Jungs nicht so einfach zu verarbeiten sind. Benedikt Höwedes und Julian Draxler haben den Unfall bei einer Sponsoren-Aktion hautnah miterlebt und anschließend das Gespräch mit Ihnen gesucht. Wie schafft man es, so etwas zu verarbeiten?

Hermann: Da ich mit fast allen Beteiligten gesprochen habe, greift die Schweigepflicht - sorry. ( 888136 DIASHOW: Der vorläufige WM-Kader )

SPORT1: Dann anders gefragt: Wie wichtig ist es, nach einem schlimmen Erlebnis möglichst schnell wieder zur Tagesordnung überzugehen? Beide haben kurz nach dem Ereignis wieder trainiert. Beim Skispringen sagt man, dass ein Springer nach einem Sturz am besten sofort wieder hoch auf die Schanze gehen und den nächsten Sprung machen soll.

Hermann: Es war der Wunsch der Spieler. Das Training und das Spiel sind beides ein Stück Routine, auf die sich die Sportler einlassen können. Das kann sogar gut helfen. Bei Skispringern tut man es, damit sich die Angst nicht festsetzt. Hier ist es einfach so, dass man sagt: Wenn du kannst, gehe einfach wieder in deine Routine. Das würde man aber nicht machen, wenn man Sorge haben müsste, dass etwas verdrängt wird, das Folgen haben könnte.

[kaltura id="0_aq9af4oh" class="full_size" title="Das DFB Team nach dem Unfall Drama"]

SPORT1: In wieweit erachten Sie es als wichtig Aktionen, die nichts mit dem Fußball zu tun haben, in die Vorbereitung einzustreuen? Welchen Effekt haben Sie für das Teambuilding und die einzelnen Spieler?

Hermann: Teambuilding ist die eine Geschichte, denn die Mannschaft muss sich ja für das Turnier finden. Der andere Effekt ist tatsächlich Ablenkung vom Fußball. Das dritte könnte reine Entspannung sein, Akzente zu setzen und Angebote zu machen. Das ist aber überschaubar. In den elf Tagen hier sind es zwei, drei Aktionen. Wenn es überstrapaziert wird, würde das von den Spielern als langweilig empfunden werden oder als sinnlose Spielchen. (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014)

SPORT1: In Südtirol sind es elf Tage, in Brasilien werden es vielleicht mehr als 30 Tage sein, in denen die Mannschaft auf engem Raum zusammen ist. Wie kann man verhindern, dass den Spielern im Campo Bahia die Decke auf den Kopf fällt?

Hermann: Die Frage wurde uns vor der WM in Südafrika auch immer wieder gestellt. Wenn Sie die Dynamik eines Turniers mitbekommen, dann gibt es zunächst die Spannung, bis das Turnier losgeht. Dann kommen die Spiele, Reisen, andere Hotels, etwas Neues. Ich habe es nie erlebt, dass es zu Lagerkoller kam. Wir wollten während der WM 2006 einmal Bogenschießen mit der Mannschaft machen, und dann hat Bernd Schneider gesagt: "Können wir nicht lieber kicken oder Fußballtennis spielen?" Die Spieler kicken einfach gern, auch in ihrer Freizeit. Innerhalb eines Turniers kriegt die Sache so eine Dynamik, Spannung und Freude, dass man da keine Sorge haben muss. Ich wundere mich auch immer, wie schnell plötzlich 40 Tage vergehen. Es entwickelt sich für die Spieler eine bezaubernde Eigendynamik, weil sie an etwas teilnehmen, was Kindheitsträume sind. So einen Zauber innerhalb eines Camps haben wir auch in Südafrika erlebt.

SPORT1: Ist dieser Zauber auch größer als das, was man Druck nennt? Spieler sagen häufig, sie können mit Druck umgehen. In wieweit stimmt das auch?

Hermann: Es gibt vor allem bei erfahrenen Profis eine Art Deckeneffekt. Sie haben gelernt, mit Druck umzugehen, vor vielen Menschen zu performen, zum Beispiel in einem Finale einer EM oder in der Champions League. Sie haben auch gelernt mit Misserfolg umzugehen und finden ein Maß. Der Druck ist hoch, aber sie haben gelernt, damit umzugehen.

SPORT1: Erleben Sie selbst in einem Turnier auch Druck?

Hermann: Ich empfinde es als eine ganz positive Spannung. Ich gehe manchmal durch den Spielertunnel, die Jungs machen sich warm, ich gucke ins Stadion, es ist dreiviertel voll und ich sage mir: "Hey, du bist es doch nur. Wir sind bei einem Turnier dabei! Das ist so ein Geschenk." Ich denke nicht "oh Gott", sondern: "Wir können hier etwas bewegen. Du kannst deinen kleinen Teil beitragen, dass hier etwas Großes herauskommt. Überschätze dich nicht, in dem, was du tust, trage einen kleinen Teil bei. Ich glaube, dass es jedem im Betreuerstab so geht."

Weiterlesen