Christoph Kramer debütierte im Mai in der deutschen Nationalelf
Gladbachs Christoph Kramer bestritt gegen Polen sein erstes A-Länderspiel © getty

Die Personalsituation beim DFB-Team hat Christoph Kramer zum ernsthaften Kandidaten für die WM gemacht. Löw lobt das Laufwunder.

Vom DFB-Team berichten Thorsten Mesch, Jochen Stutzky und Onur Özdamar

St. Martin/Passiertal - Wer Christoph Kramer zum ersten Mal auf dem Fußballplatz sieht, dem fällt er nicht nur durch seine Größe auf.

Der 1,90 Meter große Mittelfeldspieler läuft viel. Sogar sehr viel. Er läuft. Und läuft. Und läuft.

Mehr als 13 Kilometer spulte er in der vergangenen Saison für Borussia Mönchengladbach im Schnitt pro Spiel ab. So viel wie sonst niemand in der Bundesliga.

"Ob das immer so sinnvoll ist, wenn man viel läuft, darüber kann man sich bei manchen Positionen streiten", sagt Kramer lächelnd: "Aber auf der Position, wo ich spiele, kann es nicht verkehrt sein."

Kramer spielt auf der Sechser-Position. Und genau dies macht den 23-Jährigen, der erst vor zwei Wochen sein erstes Länderspiel absolviert hat, zu einem ernsthaften Kandidaten für die WM.

Löw gerät ins Schwärmen

"Seine Chancen sind gut", sagte Joachim Löw am Montag im Trainingslager in Südtirol und geriert dabei förmlich ins Schwärmen. ( 895607 DIASHOW: Das DFB-Team in Südtirol )

Kramer sei "laufstark, unheimlich belastbar, immer anspielbar, präsent und körperlich sehr, sehr fit", zählte der Bundestrainer auf: "Mein Eindruck von ihm ist absolut positiv."

Der verletzungsbedingte Ausfall von Lars Bender eröffnet Kramer plötzlich die große Chance, von der er vor kurzem nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

"Es tut mir wahnsinnig leid für Lars. Dass meine Chancen durch seine Verletzung nicht gesunken sind, ist mir aber auch klar", meint Kramer.

Kramer kein Khedira-Ersatz

Löw braucht noch eine Alternative für das defensive Mittelfeld und will dort einen Spezialisten einsetzen. Und nicht etwa Mats Hummels aus der Abwehr nach vorn ziehen, wie er am Montag erklärte.

Weil Sami Khedira noch Spielrhythmus und Kraft für 90 Minuten fehlen und hinter den verletzten Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm noch Fragezeichen stehen, wäre Kramer als Ersatzmann eine sinnvolle Wahl.

"Es ehrt mich, wenn Sportjournalisten oder Experten mich als Khedira-Ersatz bezeichnen, das lese ich ab und zu. Aber das ist natürlich totaler Quatsch", sagt Kramer.

Auf Anhieb überzeugt

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Ende Januar hatte sein Gladbacher Vereinskollege Max Kruse in einem Doppel-Interview in der "Rheinischen Post" noch gescherzt: "Du könntest einen holländischen Pass annehmen. Vielleicht kommst du dann auch zur WM."

Heute ist Kramer in Südtirol dabei, Kruse wurde von Löw nicht nominiert.

Als die größte Überraschung des vorläufigen Kaders war er ins Trainingslager gereist. Zuvor hatte er aber nicht einmal im 30er-Aufgebot gestanden und war nur für das Spiel gegen Polen vorgesehen.

Bei seinem Debüt beim 0:0 gegen Polen hatte er die meisten Ballkontakte (101), bestritt die meisten Zweikämpfe (33) und setzte einige Akzente in der Offensive. Das überzeugte Löw.

Keine Zeit fürs Tagebuch

"Erst einmal war ich baff, weil ich es vorher nicht so auf dem Schirm hatte, dass man den 30er-Kader noch umstellen kann", erzählte Kramer beim Medientag im Teamhotel: "Ich habe mich tierisch gefreut, dass es für mich noch einmal für zehn Tage weitergeht, weil mir das Spiel super viel Spaß gemacht hat."

Normalerweise führt Kramer ein Tagebuch, schreibt sich nach jeder Partie etwas auf, doch den Bericht über sein Länderspieldebüt hat er noch nicht geschafft.

"Ich habe das Spiel und die Nominierung noch gar nicht verarbeitet", gesteht er. An die WM (12. Juni bis 13. Juli) will er aber noch nicht denken. (DATENCENTER: Der WM-Spielplan)

"Ich baue mir keinen künstlichen Druck auf, sondern ich bin einfach froh, dass ich die zehn Tage hier bin. Danach wird man sehen, wie es weitergeht", sagte er zu SPORT1.

Dauerkarte in Bochum

Vor einem Jahr spielte Kramer noch in der Zweiten Liga. Bayer Leverkusen hatte ihn für zwei Jahre nach Bochum ausgeliehen.

Für den VfL und die Zweite Liga hat er immer noch ein Faible. In Bochum besitzt er eine Dauerkarte für den Fanblock, sein Lieblingsspieler ist Torsten Mattuschka von Union Berlin.

Im Sommer ging es in die Bundesliga nach Mönchengladbach, wieder auf Leihbasis. Sein Vertrag läuft bis 2015, doch darüber macht er sich heute noch keine Gedanken. "Leverkusen ist zwar mein Heimatverein, aber in Gladbach fühle ich mich pudelwohl", sagt er.

Kramer auf Khediras Spuren?

Für Borussia-Trainer Lucien Favre ist Kramer der wichtige "Box to box player", das Verbindungsglied zwischen Defensive und Offensive. Favre legt sehr viel Wert auf Detailarbeit und taktische Schulung, was Kramer bei Jogi Löw zugutekommt.

Der Bundestrainer hat bei allem Lob aber noch "einiges, was er verbessern muss" gesehen, wie das vertikale Spiel in Spitze. Doch Löw scheint der Gedanke zu gefallen, den Rohdiamanten zu einem Edelstein schleifen zu können.

Bei der WM 2010 profitierte Sami Khedira von Michael Ballacks Ausfall und wurde zum Star.

Kramer steht kurz davor, sich seinen Traum von der WM 2014 zu erfüllen.

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