Die Verletzungssorgen lassen Bundestrainer Joachim Löw über Alternativen nachdenken. Toni Kroos spielt eine zentrale Rolle.

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Vom DFB-Team berichten Thorsten Mesch, Jochen Stutzky und Onur Özdamar

St. Martin/Passeiertal - Nachdem Joachim Löw sein letztes Wort gesprochen hatte, setzte Applaus ein. Der Bundestrainer wirkte leicht irritiert, denn spontane Beifallsbekundungen gehören auf Pressekonferenzen der deutschen Nationalmannschaft eigentlich nicht zur Tagesordnung.

Doch zwischen die Journalisten hatten sich im Medienzelt in St. Martin auch zahlreiche Gäste gemischt. Die geladenen Sponsoren, Organisatoren und Politiker sahen einen aufgeräumt wirkenden Löw (Zum Nachlesen: Die Löw-PK im LIVE-TICKER).

Seine Stimme war klar, seine Stimmung gut, freundlich lächelte er in die Kameras und lobte die optimalen Bedingungen für das DFB-Team im Passeiertal ( 895607 DIASHOW: Das DFB-Team in Südtirol ).

"Wir sind kein Lazarett"

Der Bundestrainer hätte jedoch verschiedene Gründe gehabt, ein nachdenkliches Gesicht zu machen. 17 Tage bis zum Start der WM und 21 Tage bis zum deutschen Auftaktspiel gegen Portugal. Und fast die Hälfte der Stammelf ist angeschlagen oder noch nicht bei hundert Prozent.

Wenn man in den letzten Tagen manche Berichte aus Südtirol verfolgt hatte, "hätte man glauben können, es handele sich um ein Lazarett. Dem ist aber nicht so, wir sind schon auch in einem Trainingslager", betonte Löw zwar.

Aber mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Manuel Neuer sind gleich drei der tragenden Säulen in seinem Team noch längst nicht in dem Zustand, in dem sie der Coach in Brasilien braucht.

Bayern-Trio noch nicht in WM-Form

"Wenn die WM morgen wäre, könnte ich nicht spielen", sagte Philipp Lahm am Sonntag beim Medientag im DFB-Hotel. Wann er nach seiner Verletzung am Sprunggelenk wieder spielen könne, wisse er nicht. "Bis jetzt kann ich noch nicht einmal laufen."

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"Natürlich nervt der Zustand", meinte Bastian Schweinsteiger zu seinen Problemen an der Patellasehne.

Und Manuel Neuer muss sich wegen seiner Verletzung an der rechten Schulter sogar mit links die Zähne putzen und rasieren.

Kehrtwende im Vergleich zum März

Auf dem eigens für das DFB-Team für insgesamt fast 200.000 Euro perfekt präparierten Rasen in St. Martin haben Neuer und Lahm bisher noch keine Minute Fußball gespielt. Auch Schweinsteiger hat sich bisher nur als Dauerläufer betätigt.

Löw ist zwar mit dem aktuellen Fitnesszustand des Trios "absolut zufrieden". Schließlich seien die Leistungsträger bei Team-Sitzungen und Analysen dabei, und das sei "genauso wichtig wie die Arbeit auf dem Platz."

Aber im März hatte der Bundestrainer bei seinem aufsehenerregenden Weckruf noch ganz anders geklungen. "Die Uhr tickt", hatte er damals in Richtung seiner Spieler gesagt und betont:

Absolute Fitness und maximale Belastbarkeit seien die Grundvoraussetzung für ein WM-Ticket.

Plan B in der Schublade

Die endgültigen Tickets für Brasilien muss Löw in einer Woche bekannt geben, die Zeit drängt.

Auf die Frage, ob es eine Deadline für die angeschlagenen Bayern-Stars gebe, antwortete Löw ausweichend: "Wir gehen davon aus, dass sie in ein paar Tagen voll belastbar sind."

Die Situation ist vertrackt. Auch wenn Löw nach außen hin Zuversicht ausstrahlt, hat er bereits einen Plan B in der Schublade.

Mehr Verantwortung für Kroos

Dieser lässt vor allem Toni Kroos als Sechser vor der Abwehr eine entscheidende Aufgabe zukommen.

"Ich erwarte, dass er eine ganz andere Rolle spielt als bei der EM 2012", nahm Löw den Bayern-Spieler am Montag schon mal in die Pflicht.

Beim Testspiel gegen die deutsche U 20 am Sonntag (7:1) bildete Kroos in der Startelf die Doppelsechs zusammen mit dem Gladbacher Überraschungsmann Christoph Kramer.

Dem attestierte Löw am Montag "gute Chancen" auf die WM. Kramer hält sozusagen den Platz warm für Bastian Schweinsteiger oder Sami Khedira, die beide noch nicht bei hundert Prozent sind.

Hoffen auf Alleskönner Lahm

Plan C wäre ein Einsatz von Lahm im defensiven Mittelfeld. Unter Pep Guardiola hat der Bayern-Kapitän bewiesen, dass er diese Position auf Weltklasseniveau ausfüllen kann.

Doch zunächst mal muss er fit werden.

Die Frage, ob er mit Lahm schon über einen möglichen Einsatz im defensiven Mittelfeld gesprochen habe, verneinte Löw: "Wir müssen sehen, wie sich Khedira integriert und wie Schweinsteiger zurückkommt." Was auch für Lahm gilt.

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